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StartseiteBüchermarktVom Pilzkopf zum Happeningkünstler07.06.2009

Vom Pilzkopf zum Happeningkünstler

Philip Norman: John Lennon, Droemer

John Lennon gilt als die größte Legende der Popmusik. Entsprechend viel ist über ihn bereits geschrieben worden. Trotzdem schafft es Philip Norman, der bisherigen Literatur noch etliches hinzuzufügen. In der Biografie "John Lennon" gelingt es ihm, ein unparteiisches, umfangreiches Porträt des Gründers der Beatles zu zeichnen.

Von Bernhard Lassahn

John Lennon im Madison Square Garden in New York, 1972. (AP Archiv)
John Lennon im Madison Square Garden in New York, 1972. (AP Archiv)

Heute ist es für viele nicht mehr nachvollziehbar, welche Aufregung einst damit verbunden war. An solche Leser will sich Philip Norman wenden und versuchen, "alle Vorurteile auszublenden". Für Leute in meinem Alter ist es ein wunderbar pralles Buch voller Erinnerungen und Nachklänge. Ich kenne die Lieder noch in der richtigen Reihenfolge des Erscheinens, als Chronik der Gefühle einer bewegten Zeit.

Die Spätgeborenen können das nun alles nachholen und können nachlesen, wie die Beatles in Hamburg ihr Glück versuchten, wie sie die Hitparaden stürmten, Amerika eroberten und der Ära von Love and Peace den Soundtrack unterlegten. Denn es geht um mehr als um ein paar Lieder, die immer noch durch die Oldieprogramme geistern. Die Beatlesmusik ist der klingende Rückblick auf 20 Jahre Geschichte.

Dabei wandelte sich John Lennon bekanntlich vom Pilzkopf zum Happeningkünstler und Friedensaktivisten, und er wurde am 8. Dezember 1980 im Alter von 40 Jahren erschossen, nachdem er dem Attentäter seine neue LP signiert hatte.

Darüber ist viel geschrieben worden. Die Geschichte hinter jedem Lied ist erklärt, die Musik interpretiert; Tag für Tag ist das Tun und Lassen der Fab Four dokumentiert. Schon im Jahre 2000 erschien bei Ullstein die üppig ausgestattete "Beatles Anthology" im Table-Book-Format, die eigentlich nichts mehr zu wünschen übrig ließ.

Nun gibt es ein neues Buch mit dem schlichten Titel "John Lennon". Im Untertitel heißt es: "Die Biographie", im Original: "John Lennon. The Life". Erschienen ist es bei Droemer, übersetzt von Reinhard Kreissl. Es hat stolze 1022 Seiten zum Preis von 29,95 Euro. Eine Taschenbuchausgabe ist auf Englisch erhältlich, auf Deutsch kann man sie vorbestellen.

Doch wollen wir es wirklich so genau wissen? Ja, es hat mich selbst überrascht, was eine gut recherchierte Biografie leisten kann, wenn sie versucht, möglichst vielen Figuren gerecht zu werden; wenn sie sich mit Bewertungen zurückhält und die Stimmen für sich selbst sprechen lässt. Das tut Philip Norman und so vermeidet er die Fehler von anderen Büchern über John Lennon. Seine Annäherung ist weder überflüssige Lobhudelei, die so tut, als wäre er ein verkannter Künstler, noch verfällt sie der Sensationslust von den schnell gestrickten Büchern, die sofort nach seinem Tod erschienen sind.

Hier wird in aller Ruhe der Rohstoff ausgebreitet, aus dem die Lieder sind, die wir kennen; und es verwundert immer wieder, wie viel sich aus frühen Kindheitserlebnissen erschließen lässt, und wie selbst die politischen Lieder ihren Ursprung in persönlichen Nöten haben. Philip Norman kann auch Lücken schließen, die das berühmte Buch von Hunter Davies hinterlassen hat, und damit ein neues Licht auf die Rolle des Vaters werfen.

Dem sagte man nach, dass er "den Anker verschluckte" - was heißen soll, dass er arbeitsscheu war. Er war Steward auf einem Schiff. Als er verspätet zurückkommt, hat seine attraktive Frau einen Neuen und keine Verwendung mehr für Ehemann und Sohn. So kommt es zu einer traumatischen Situation für den Kleinen, der sich schon auf ein Wiedersehen gefreut hatte und nun erleben muss, wie der Vater gleich wieder geht. Als wäre er nie darüber hinweg gekommen, singt er noch Jahre später davon.

Tante Mimi springt ein und nimmt den Jungen zu sich, weil ihre Schwester Julia nun "in der Sünde lebt". Sie tut ihr Bestes, um ihm Manieren beizubringen: Er muss pünktlich zum Essen erscheinen, ein Tischgebet sprechen und aufstehen, wenn eine Frau den Raum betritt. Sie wirft seine Kritzeleien weg und klagt immer wieder, dass ihr dieser Elvis Presley ziemlich auf die Nerven geht. Vor allem sorgt sie für den richtigen Umgang: Freunde, die er anschleppt, wie George oder Paul, sind ihr nicht gut genug. Sie wünscht nicht, dass er Umgang mit solchen Schmuddelkindern hat. Sie opfert sich ganz für die Kindererziehung auf. Mit fünfzig ist sie immer noch Jungfrau. Philip Norman stellt dazu eine Frage, die er sich selbst beantwortet: Wer von beiden hat wen mehr gebraucht?

Zu seiner Mutter, die er gerne besucht, entwickelt John gleichzeitig ein libidinöses Verhältnis, das nicht immer im grünen Bereich ist. Bei ihr findet er das, was er bei Tante Mimi vermisst: Sie zeigt ihm, wie man Banjo spielt, und hat sogar eine Katze, die Elvis heißt. Eines der ersten Lieder, die er später auf Platte aufnehmen wird, ist dann auch ein altes Lieblingslied seiner Mutter:

Doch gerade als er sich neu mit ihr anfreundet, wird sie von einem Motorrad überfahren, so dass John das Gefühl hat, seine Mutter gleich zweimal verloren zu haben; auch seinen Vater. Der Versuch einer neuen Annäherung scheitert, ehe der Gelegenheit hatte, die Hintergründe der Trennung aus seiner Sicht darzustellen - es kam zu keiner Aussöhnung zu Lebzeiten. Die Wunde blieb bis zum Schluss.

Auch wenn Tante Mimi darunter litt, John behielt die schnodderige Aussprache bei - was dazu führte, dass viele Fans aus den Liedern geheime Botschaften heraushörten und etwa bei "Day Tripper" statt "she's a big teaser" immer "she's a prick-teaser" verstanden, was man in der Kneipe mit "Schwanztrietze" übersetzen würde, was man aber so noch nie im Radio gehört hatte.

Ein prominenter Falschversteher war Bob Dylan, der vermutete, dass es schon bei "I Want To Hold Your Hand" eine frühe Anspielung auf Marihuana gibt, weil er bei der Stelle "I can't hide" immer "I get high" verstanden hatte. Dabei lernten die Beatles diese Droge erst durch ihn kennen, als sie sich in Amerika trafen.

Ein Schlüsselerlebnis hatte John im Alter von fünf Jahren, als er hoch auf einen Baum geklettert war und von einem starken Empfinden seiner Einzigartigkeit gepackt wurde und meinte, er müsste entweder ein Genie sein oder verrückt werden:

Hier liegt das Verdienst dieses dicken Buches: Es lässt uns von hoch oben herunter schauen auf ein Panorama mit vielen Figuren, in dem wir gut die Konflikte erkennen, in denen John steckte. Wir verstehen allmählich, wie schwer es für ihn war: Alles und jedes wurde von Tante Mimi missbilligt. Ihr war nichts recht. Besonders allergisch reagierte Mimi auf andere Frauen. Als John Yoko Ono mitbrachte, kommentierte sie nur: "Wer ist dieser Giftzwerg?"

Das große Panorama wird liebevoll mit vielen Details illustriert. Wir erfahren, dass der Regenschirm, mit dem der kleine John, nachdem er wieder mal was ausgefressen hatte, vom Gemeindepfarrer verprügelt wurde, möglicherweise einem Bekannten von Eleanor Rigby gehörte - jener Eleanor Rigby, deren Grabinschrift ihn schon als Kind beeindruckt hat, weil es da heißt, dass sie "entschlafen" sei - "asleep" - und nicht etwa verstorben. So finden wir immer wieder Schlüssel zum Verständnis der Lieder in den Kindertagen.

Auch seine Lust an Wortspielen geht auf alte Lieblingsbücher zurück, wie "Pu, der Bär" und "Alice hinter den Spiegeln", woraus wir Zeilen in "Lucy In the Sky With Diamonds" wiederfinden. John flüchtete sich regelrecht in die Welt des Aberwitzes, auch später sagte er statt Nietzsche immer "Nicky", und keiner wusste, ob das ein Witz sein sollte.

In ihrer Kindsköpfigkeit unterschieden sich die Beatles von anderen Gruppen - wie etwa von den als ewige Konkurrenten angesehenen Rolling Stones. Sie unterschieden sich sowieso von allen anderen: Sie waren keine richtige "Rock 'n' Roll"-Band, dazu waren sie zu jung. Rock 'n' Roll war die Ausdrucksform ihrer Idole. Die Musik ihrer Zeit war Skiffle, eine eher sozialverträgliche Mode, die viele Gemeinsamkeiten mit der Folkmusik hatte und bei der jeder mitmachen konnte, notfalls am Waschbrett, ideal also für einen Autodidakten wie John.

Auch zur sogenannten Beatmusik, die man gewöhnlich mit Hornbrillen und Existenzialismus in Verbindung bringt, gehörten sie nur ansatzweise, auch wenn sie sich extra deshalb den Namen "Beatles" gegeben hatten. Unter Popmusik fällt sowieso alles, was irgendwie populär ist.

Paul McCartney hatte immer schon eine besondere Vorliebe für Musicals, was John später verächtlich als "Oma-Musik" bezeichnete, George wandte sich der indischen Musik zu, und obendrein kriegten die Fans - ob sie wollten oder nicht - elektronische Spielereien um die Ohren geschlagen. Das alles waren "The Beatles" - und diese Vielfalt haben sie nicht zuletzt John Lennon zu verdanken, der seinerseits immer das Gefühl hatte, dass er eigentlich gar nichts richtig konnte und immer was Neues wollte.

"I'm John. I play a guitar, too, sometimes I play the fool."

Außerdem waren sie eine Klamauktruppe, die sich selbst nicht so ernst nahm. Auch das unterschied sie von anderen Stars, die stets finster guckten und bedeutungsschwer ihre Musik zelebrierten. John hat auch nach der Trennung immer wieder betont, dass er lieber bei den Monty Pythons mitmachen würde, als noch mal bei den Beatles.

Er war nicht gerne ein Beatle. Der große Erfolg gab ihm keine Antwort auf die Fragen, die ihn umtrieben; es war nicht die ersehnte Endstation auf seiner Sinnsuche, genauso wenig wie die Religion, wie seine kurzen Ausflüge in die Literatur oder die Meditation, die halbherzig gelebte Ehe mit Cynthia oder seine Drogenexperimente.

Es wurde dann richtig gefährlich, als es hieß, er hätte behauptet, die Beatles wären populärer als Jesus - eine Bemerkung, die ursprünglich als Kritik an neuen Formen des Jugendgottesdienstes gemeint war. Bei der letzten Tournee durch Amerika, die deshalb beinahe abgesagt wurde, hatten sie so viel Angst vor Heckenschützen, dass sie leere Luxuslimousinen durch die Stadt fahren ließen und sich selbst in einem unscheinbaren Bus tarnten. John wollte dringend raus aus diesem Tollhaus und suchte ironischerweise Rettung in der Urschreitherapie von Arthur Janov.

Das Kreischen der Fans ging ihm sowieso auf den Geist, er empfand die Auftritte längst nicht mehr als Konzerte sondern als eine Art "primitives Ritual" - nun schrie er zurück.

Bei Yoko Ono fand er schließlich sein Glück, gerade als sich die übrigen Beatles für andere Dinge interessierten: George konvertierte zum Hinduismus, Paul widmete sich ernsthaft der Musik und Ringo dem Alkohol. Da eröffnete ihm Yoko Ono die sogenannte Fluxus-Kunst. Für ihn musste es wie eine Erlösung gewirkt haben: Fluxus wollte die Welt von "toter Kunst säubern", wollte eine lebendige Kunst fördern, eine "Anti-Kunst", und damit für eine "nichtkünstlerische Wirklichkeit" eintreten.

Seine Prominenz machte ihn automatisch zu einem König Midas von Fluxus: alles, was er anfasste, wurde Kunst - etwa wenn er Eicheln vergraben ließ, auch wenn die von Fans gleich wieder ausgebuddelt wurden; oder wenn er ein Interview aus einem Sack heraus gab, in den er sich hatte einnähen lassen, womit er die Kunstrichtung des Bagism begründete.

Yoko Ono übernahm auch das Regiment von Tante Mimi. Mit einem strengen Ausschlussverfahren gelang es ihr schnell, John zu isolieren: "Alles dreht sich um dich, und in dieser Atmosphäre kann ich nicht atmen. Was zum Teufel sind die Beatles? Ich bin Yoko Ono, behandle mich auch so."

John tat es, und sie folgte ihm zum Dank bis auf die Toilette - angeblich, weil er das so wollte; weil er ja so eifersüchtig war. Sie inspirierte ihn auch zu der Feministen-Hymne "Woman Is The Nigger of The World", die allerdings wegen dem bösen Wort Nigger auf dem Index landete.

Es ist aus der Vorgeschichte zwar verständlich, es wirkt dennoch enttäuschend, dass den Sänger für den Frieden die kleinen privaten Kriege mehr bewegten, als die großen. Für das Konzert für Bangladesh hatte George auch einen Auftritt von John vorgesehen - und Yoko Ono hatte auch sofort zugesagt in der Annahme, dass sie da auftreten sollte, John hat sich dann beleidigt zurückgezogen, weil das nicht so gemeint war.

Wir erhalten ein komplexes - nicht immer sympathisches - Bild. Schon als Junge ist John aggressiv, er klaut, albert ständig herum, ist sexuell besessen und wettet, er könne sich zehnmal am Tag selbst befriedigen. Er macht obszöne Zeichnungen, reißt Witze über Behinderte und bringt es fertig, alle Menschen, die ihm nahestehen, zu kränken. Wir hätten ihn höchstwahrscheinlich nicht gemocht, wenn wir ihn kennengelernt hätten - zu keiner Zeit, weder als Kind, als Jugendlichen, als Beatle oder Sänger für den Frieden. Doch wir verstehen nach der Lektüre besser, welchem Muster er folgte. Immer wieder scheint er nach Liebe zu rufen und uns zu sagen: Ich wollte euch doch nicht weh tun, ich bin nur eifersüchtig.

Er hat sie alle beleidigt, alle: Paul McCartney mit dem hässlichen Lied "How Do You Sleep?" und den Guru Maharishi Mahesh Yogi mit "Sexy Sadie". Er hat sich mit dem Produzenten George Martin überworfen, weil er plötzlich den ganzen "Produzentenschrott" nicht mehr ertragen konnte, und er hat seinen Trauzeugen, Manager und Freund Brian Epstein als "Judenschwuchtel" blamiert. Dabei hatte der sowieso schon Blut und Wasser geschwitzt, als John bei einem Konzert in Anwesenheit der Queen das Publikum aufforderte, mitzuklatschen und mit einem Blick in die Loge bemerkte: "Die da oben können ja ein bisschen mit den Juwelen rasseln." Er hatte nämlich angekündigt, dass er sagen wollte: "Those upstairs just rattle with the fucking jewelry!"

Das ging noch mal gut. Auf alten Aufnahmen erkennt man manchmal auch, wie er ansetzt, seine gefürchtete Spastiker-Nummer abzuziehen - und sich noch rechtzeitig ausbremsen kann. Er konnte wohl nicht anders. Schon in seiner Zeit in Hamburg malte er ein Plakat, auf dem Jesus am Kreuz mit einer riesigen Erektion abgebildet war, und er zog damit durch die Straßen und predigte:

Er wurde, wie wir wissen, nicht gekreuzigt, sondern erschossen. Eine Vorahnung durchzieht das Buch immer mal wieder - fast ist man geneigt zu sagen: Na, das musste ja so kommen.

Das kleine Nachwort von Sean Lennon gehört zu den anrührenden Teilen des Buches. Darin erklärt der inzwischen erwachsene Sohn, wie es ihm jedes Mal das Herz zerriss, wenn er im Radio die Stimme seines Vaters hörte - und wie er eifersüchtig war auf die ganze Welt, die mehr von ihm gehabt hatte als er. Er erlebte ihn nur fünf intensive Jahre, in denen sich John ganz auf die Rolle des Hausmanns beschränkte.

Dennoch ist Papa Lennon nicht wirklich geeignet, als Vorbild für einen neuen Vatertyp herzuhalten, wie Philip Norman sich das vorstellt. Denn andere sanfte Väter haben in so einer Situation keine Yoko Ono an der Seite, die sich inzwischen um die Geschäfte kümmert und versucht, mindestens 25 Millionen Dollar zu verdienen, weil nämlich Paul McCartney so viel hat.

Dabei stützte sie sich auf die Hilfe von bis zu fünf Wahrsagern sowie einem numerologischen Berater, der ihr vorschrieb, in welche Richtung sie sich bewegen sollte. Sean hat rückblickend auch eine eigene Einschätzung zum Musikschaffen seines Vaters, er sieht ihn als Begründer des - wie er es nennt - "unsicheren Liedermachens":

Nun ja: John Lennon hat den Blues nicht erfunden. Doch seine persönliche Note war ein guter Gegenpol zur unverwüstlich guten Laune von Paul McCartney und damit eine wichtige Ergänzung zum euphorischen "Yeah! Yeah! Yeah!" der Roaring Sixties. Die Schmerzen der Kindheit haben diese Lieder hervor gebracht - und diese Kindheit ist es auch, nach der er sich zeitlebens zurücksehnte und der er nachweinte.

Philip Norman: John Lennon. Die Biografie
Aus dem Englischen von Reinhard Kreissl
Droemer, 1022 Seiten, 29,95 Euro

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