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StartseiteBüchermarktVom Riss im Gefüge04.07.2005

Vom Riss im Gefüge

Dea Loher: "Hundskopf"

Die Preis gekrönte Theaterdramatikerin Dea Loher legt mit "Hundskopf" ihren ersten Erzählungsband vor. In gekonnter Verknappung erzählen ihre Geschichten davon, wie alles aus dem Ruder läuft. Die Situationen scheinen vertraut, doch offenbaren sie bald einen scharfen Riss im Gefüge.

Von Claudia Kramatschek

Dea Loher erzählt von einem mitunter schrecklichen Alltag (AP)
Dea Loher erzählt von einem mitunter schrecklichen Alltag (AP)

Fragt man die Theaterautorin Dea Loher nach der Prosaautorin Dea Loher – so erfährt man überrascht, dass es die Prosaautorin eigentlich zuerst gab. Nur wollte, so Loher, niemand das, was sie damals schrieb, veröffentlichen. Das hat sich nun – zu Recht – geändert. Denn mit "Hundskopf" legt Dea Loher einen Erzählband vor, dessen acht Geschichten in gekonnter Verknappung ein hochkonzentriertes Destillat des banalen Lebens abbilden – und davon, wie es aus dem Ruder läuft: ins Katastrophische, das manchmal auch nur den schrecklichen Namen Alltag hat.

Die Menschen, die ihre Geschichten besiedeln, könnten auch hier gleich um die Ecke wohnen. Die Situationen, von denen die Rede ist, scheinen vertraut – und offenbaren doch schon beim zweiten Blick einen so feinen wie scharfen Riss im Gefüge, der in alle Erzählungen wie mit Messers Klinge eingeschrieben ist.

Das junge Pärchen etwa in der Auftakterzählung "Honey moon" bricht zur Hochzeitsreise in die amerikanische Wüste von Arizona auf. Doch dann wird die junge Frau krank – denn nur wenige Tage zuvor hat sie im Gepäck ihres Mannes jene Drogen gefunden, von denen die Heirat ihn endlich losreißen sollte. Doch ein Gespräch findet nicht statt – beide richten sich erneut wieder in der Lüge ein.

Erklärt wird in diesen Geschichten dabei nie etwas von dem, was passiert. Doch gerade diese kommentarlose nüchterne Bestandsaufnahme verleiht den Ereignissen, die eher Nichtereignisse sind, einen Anflug des Bedrohlichen: Da ist etwa das Ehepaar, in dessen Wohnung eine Studentin das Baby hütet – und eines Tages verrät der Ehemann, der stets mit nackten dünnen Beinen durch die Wohnung zu laufen pflegt, der jungen Frau sein kaltes Geheimnis:

"Eines Morgens ging Vladimir nicht zur Arbeit. Verena saß auf dem Boden des Kinderzimmers, das Baby auf dem Schoß. Vladimir kniete sich zu den beiden und sah dann zu den Stockbetten hinüber: 'Ihr Fell ist für mich das schönste, wertvoller als Nerz, weicher als Seide, beruhigender als die Haut einer Frau.' Er sah die Tiere an, dann Verena. 'Alle meine Kinder wurden so gezeugt, im Herzen der Arktis, inmitten der Eisbären."

Oft sind es solch eigenwillige Details oder Vorlieben, die Loher in Augenschein nimmt und uns darin den Charakter ihrer Figuren spiegelt. So unheimlich manche ihrer Geschichten daher auch sind, so kippen sie immer auch ins leicht Absurde – dessen Witz sein Kapital aus der Tragikomik des Lebens zieht, als deren Spezialistin sich Loher mit diesen Geschichten erweist. Denn soll man nun weinen oder lachen über den alten Mann, der eines Tages sein Glasauge nicht mehr einsetzen mag, nachdem es mit einem Tuch gesäubert worden ist, mit dem man auch das Zimmer einer Toten, ja vielleicht den Leib der Toten abgestaubt hat?


Das wirkt schrullig – und auch ein wenig obsessiv. Und tatsächlich scheinen sich ihre Figuren wie in zu engen Seelenkammern zu bewegen, aus denen sie ausbrechen müssten oder wollen – aber es dann doch nicht tun.

"Es gibt immer eine ganz konkrete Situation oder ein bestimmter Mensch oder die Biographie eines Menschen, die ich beschreiben will oder manchmal auch nur eine Figurenkonstellation. Und das ergibt sich dann sozusagen so, dass es dann die Schilderung von engen Verhältnissen wird, die ich dann natürlich noch mal verstärke."

Glanzstück dieser literarischen Geschmacksverstärkung ist sicher die titelgebende Erzählung "Hundskopf": die Geschichte eines Mannes, der wider Willen zu einem Auftragsmörder wird. Wie da nur einen Schritt nebenan ein gänzlich anderes Leben auf einen wartet – und wie da einer, der ebenso du und ich sein könnte, in eine neue Haut zu schlüpfen scheint – das ist so haarsträubend und haarsträubend gut erzählt, dass man gar nicht glauben mag, dass das Leben selbst diese Geschichte erfunden hat.

"Das Irre ist: Ich muss diese Dinge alle gar nicht erfinden. Diese Geschichte ist fast original so meinem Schwager passiert.: Der hatte eine Kneipe auf der Reeperbahn und kriegte eines Tages den Anruf von einer ihm vollkommen unbekannten Frau, die ihn mit einem Auftragsmörder verwechselte. Und der hat sich dann zum Schein auf dieses Geschichte eingelassen. Ich habe das natürlich schon bearbeitet. Aber diese Dinge passieren. Ich bin vollkommen unfähig, irgendetwas zu erfinden. Das heißt: Alles, was ich beschreibe, passiert mehr oder weniger in meinem unmittelbaren Beobachtungsfeld."

Die Kunst Lohers in diesen Erzählungen ist, dass sie nicht psychologisch erzählen muss - und dennoch leben die Erzählungen vom psychologischen Feingefühl für das Menschliche und das Zwischenmenschliche. Das zeigt sich vor allem auch daran, wie Loher ihre Personen miteinander agieren lässt, wie sie also das inszeniert, was man im Theaterjargon die Figurenkonstellation nennen würde. Diese Figurenkonstellation hat Loher in der Prosa als einen dramaturgischen Raum auf ganz andere Weise für sich entdeckt:

"Es war für mich eine erleichternde Abwechslung, weil ich für die Figuren in den Geschichten nicht eine unmittelbare Sprache finden musste, also ich musste sie nicht sprechen lassen. Das ist für mich eine der wichtigsten Fragen am Theater: Warum sprechen die Figuren überhaupt? Und in der Prosa muss man ja nicht unbedingt Dialoge schreiben. Man kann die Figuren eben auch über ihre Tätigkeiten rein von außen beschreiben."

Eine entschiedene Kühle liegt daher über allen Geschichten – so, wie auch das Leben, in denen Lohers Figuren sich wiederfinden, die Regie schon längst übernommen hat und die Erlösung, auf die alle hier hoffen, nur mehr ein ewiges Versprechen bleibt.

So wundert nicht, dass die zärtlichste Geschichte von der alten Tante Agnes handelt, die im Alter von Wahnsinn heimgesucht wird, aber ein glücklicher Mensch zu sein scheint. Als sie mit dem Kind, das ihre Geschichte als Erwachsene aufzeichnet, auf einen Kirmesplatz geht, wird plötzlich sinnlich fassbar, was der schwindelnde Boden ist, auf dem wir alle uns hier befinden:

"Wir würden uns nicht halten können, wir würden beide die glatte rotierende Scheibe entlangschlittern, um die Nabe herum, dann gegen das Gitter geschmettert, wieder keinen Halt finden, wir würden im Kampf zwischen Flieh- und Schwerkraft zertrümmert werden. Es war nur die Frage, wen von uns beiden zuerst die Kräfte verlassen würden. Wir waren schief in die Welt gekippt worden, und die Welt würde nie mehr gerade sein."

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