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StartseiteBüchermarktVom Rockmusiker zum Buchautor23.02.2009

Vom Rockmusiker zum Buchautor

Blixa Bargeld: "Europa kreuzweise. Eine Litanei, Residenz Verlag, 128 Seiten

Blixa Bargeld gehört zu den emphatischsten Musikern der letzten 30 Jahre. Eine Mischung aus spätem Punk und Industrial Music mit enigmatischen Texten führten zuerst zu sagenumwobenen, exzessiven Auftritten, später bekam die Band die höheren Weihen der Kultur und instrumentierte Theateraufführungen. Jetzt ist Bargeld bereits zum zweiten Mal als Autor in Erscheinung getreten.

Von Ulrich Rüdenauer

Der Sänger der Einstürzenden Neubauten, Blixa Bargeld, bei einem Konzert in Prag. (AP)
Der Sänger der Einstürzenden Neubauten, Blixa Bargeld, bei einem Konzert in Prag. (AP)

Ein Subgenre des Tagebuchs ist das Tourtagebuch. Es funktioniert zuweilen als verlängerter Arm der Promoabteilung von Plattenfirmen, manchmal versucht es, das Leben eines Rockstars zu transzendieren. Es gibt interessante Erscheinungsformen, etwa Sam Shepards Notate zu Bob Dylans Rolling Thunder Tournee 1975, und eher langweilige, pseudohumorvolle Praktikumsberichte à la Thees Uhlmann, der einmal Tocotronic als Roadie begleiten durfte. Der amerikanische Saxofonist Ken Vandermark führt unter dem Titel "Notes from the field" im Internet Protokoll über seine Erlebnisse als vielreisender Freejazzer. Und etliche Rockmusiker tun es ihm in Blogs gleich und berichten von ihren Ausschweifungen oder auch nur, wie sie nachts nach dem Konzert bei McDonald’s noch zum Pommes-Essen gehen.

Nun hat auch Blixa Bargeld, Sänger und Texter der legendären Einstürzenden Neubauten, eine Art Tourtagebuch geschrieben. "Europa kreuzweise" heißt es, und der Poet hat seinen Aufzeichnungen einen etwas eigenwilligen Gattungsnamen mitgegeben: "Eine Litanei" nennt er das Büchlein im Untertitel, und man fragt sich lange, was das für ein Flehen ist, das uns Bischof Blixa da vorträgt, und warum wir den lieben Gott bitten sollten, dass er sich seiner erbarmt. Denn bis auf eine kleine gesundheitliche Irritation, die zu Anfang des Buches angedeutet wird, und einer Bronchitis am Ende der Tour, hat es der Star nicht allzu schlecht getroffen: Es geht im Zug, Flugzeug oder komfortablen Bandbus kreuz und quer über den ganzen Kontinent.

"Ich komme immer wieder durch dieselben Städte, die Hauptstädte Europas, die Metropolen der westlichen Welt plus Tokyo, Shanghai und Peking. Gelegentlich die eine oder andere neue Stadt abseits der üblichen Route. Ein Vorteil, den mein Job als fahrender Musiker so mit sich bringt. Museen und Kunstsammlungen, immer wieder. Besuche bei alten Bekannten: Die große Blitzröhre (ein "Fulgorit") in Dresden, Albrecht Dürers: "Die Marter der zehntausend Christen" in Wien, oder Canovas Napoleon im Hof des "Palazzo di Brera" in Mailand - Napoleon als Gott. Ich habe Vorlieben entwickelt."

Zu den sich im Lauf der Zeit entwickelnden Vorlieben gehört auch ein gewisses Savoir-vivre: Man logiert in den luxuriöseren Hotels; und wenn die Unterkunft den Ansprüchen nicht genügt, kann der Sänger durchaus düpiert reagieren. Abends tritt die Band auf die Bühne und spult ihr Programm ab – die Setlist wird tatsächlich litaneihaft in ihrer Gleichförmigkeit alle paar Seiten protokolliert. Ansonsten pickt sich Bargeld im Guide Michelin für jede Stadt die besten Restaurants heraus und lässt es sich munden:

"Parfait von der Perigord-Gänsestopfleber, Seezungen-Goujonettes, Brust von der Challans-Blutente, Cremeaux von Araguani Schokolade, Creme Chiboust von der Passionsfrucht. Ich verzehre ein Sechs-Gang-Menü, an dem nichts falsch ist, das mich aber auch nicht lächeln lässt, nehme ein Glas "Lagavulin 16 years" mit in mein Zimmer. Dunkles Holz. Nachts ist Schneesturm."

In diesem Stil geht das fort: Wir lernen mit dem Gourmet Bargeld, der Anfang der 90er noch Vegetarier und musikalische Avantgarde war, die Sterne-Küchen Europas kennen. So füllen, sich abwechselnd, immer die gleiche Setlist und variierende Menükarten das halbe Buch. Der Tourplan der Einstürzenden Neubauten scheint penibel nach dem Michelin-Führer ausgerichtet. Fast ganz zum Schluss der Rundreise landet man in Barcelona, und das wird - man ahnt es schon – auch kulinarisch zum Höhepunkt der Tournee:

"yuzu/sake/Kyoto
nori - Trias
spherical olives
tomato cookie
pine kernel and chocolate bonbons
beetroot and yoghurt meringue
rabbit ear crunchie
mint leaf
strawberries
gorgonzola moshi
black sesame sponge cake with miso
flowers paper"
(…)

"El Bulli" ist das beste Restaurant der Welt; für das zweitbeste, Heston Blumenthals "The Fat Duck" in Berkshire in England, stehe ich auf der Warteliste. Kopenhagen hat mich überrascht; von Katalanien - es gibt schließlich ein gutes Dutzend Restaurants nahezu in derselben Liga - habe ich so viel kulinarischen Erfindungsreichtum, so viel Klasse erwartet."

So viel Klasse hätte man gerne auch von diesem Buch erwartet: Man erfährt zwar viel über die kulinarischen Vorlieben Blixa Bargelds, zudem dass er maßgeschneiderte Anzüge und inzwischen nur noch italienische Schuhe trägt, in welchen Städten er sich mit welchen Berühmtheiten oder anderen, zumindest mit Berühmtheiten befreundeten Freunden trifft. Aber das wirkt alles wie eine Memo-Mitschrift: Man erfährt nichts über die Gespräche, die geführt werden. Nichts über die gelesenen Bücher, die bildungshuberisch aufgelistet werden. Nichts über die Wirkung der alten "Bekannten", die er in den Museen besucht. Da kommt einer so viel herum und hat doch nichts zu erzählen: Aufzählung ersetzt Beobachtung, Snobismus Reflexion.

"Auf der Liste meiner meist besuchten Städte, der Städte mit den meisten Aufenthaltstagen, steht Wien ziemlich weit oben, zumindest im deutschsprachigen Raum:
1. Berlin
2. San Francisco
3. Peking
4. London
5. Melbourne
6. Hamburg
7. Wien
Ich habe hier mal Dichtung unterrichtet. Ich habe Freunde hier. Mit Bruno Pisek gehe ich essen, wie meist in Wien."

Ist dieses Buch nun gedacht für den Hardcore-Fan der Einstürzenden Neubauten, der einen Schlüsselloch-Blick in den noblen Backstage-Bereich werfen darf? Ist es ein Brevier für den kosmopolitischen Dandy des 21. Jahrhunderts? Oder doch nur eine Ansammlung von Kalendernotizen, die großzügig gesetzt 120 recht belanglose Buchseiten füllen? Schwer zu sagen – eine Litanei ist es zumindest nicht, eher vielleicht eine auf Dauer langweilende Angeberei.

Die Essenz des Werks jedenfalls findet man schon auf Seite 20:

"Es sieht vielleicht so aus, als würde ich nichts anderes tun als essen und spielen. Was soll ich machen? Ich bin aufs Mittagessen angewiesen."

Blixa Bargeld: "Europa kreuzweise. Eine Litanei, Residenz Verlag, 128 Seiten, 14,90 Euro

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