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StartseiteKultur heuteVom Verfall der Liebe31.07.2011

Vom Verfall der Liebe

Derek Cianfrances Kinofilm "Blue Valentine"

Dean lernt Cindy kennen. Die beiden verlieben sich, schnell kommt ein Kind und bald ist der Zauber des Beginns verflogen. Derek Cianfrances gelingt mit seinem Film etwas Paradoxes: "Blue Valentine" ist ein Trennungsdrama als Liebesfilm.

Von Rüdiger Suchsland

Die amerikanische Schauspielerin Michelle Williams in einer Szene des Films "Blue Valentine'". (picture alliance / dpa)
Die amerikanische Schauspielerin Michelle Williams in einer Szene des Films "Blue Valentine'". (picture alliance / dpa)

Melancholische Musik erklingt, dazu geht ein Feuerwerk los. Festlichkeit und Trauer gehen zusammen in dieser Szene, in der die schönsten Momente der Beziehung zwischen Cindy und Dean noch einmal zu sehen sind. Da ist - ausgerechnet am amerikanischen Unabhängigkeitstag, dem 4. Juli - alles gerade endgültig vorbei: die Liebe zwischen Dean und Cindy und dieser Film, der von ihr erzählt. Dass alles so enden muss, das ist von Anfang an klar. Denn das Familienglück, das in den ersten Szenen gezeigt wird, ist schnell als brüchig entlarvt.

Die ersten Momente von "Blue Valentine" zeigen uns ein Paar, das seit einigen Jahren zusammenlebt, eine Tochter hat, ein kleines Haus und dessen ganzes Leben mehr schlecht als recht so gerade noch funktioniert. Aber ihre Gesichter sind grau und müde, die Beziehung ist mürbe geworden, so brüchig, wie das Haus in dem sie wohnen.

Dabei hatte alles so schön, so romantisch begonnen:

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne und ein Lied, das Dean für Cindy spielt und zu dem das junge Mädchen spontan auf der Straße tanzt, macht den rührenden Anfang einer im Grunde einfachen Geschichte. Boy meets Girl, Dean lernt Cindy kennen. Die beiden verlieben sich, schnell kommt ein Kind. Und bald, zu bald ist der Zauber des Beginns verflogen.

Der Film ist anti-chronologisch erzählt; pendelt hin und her zwischen Momenten des Glücks und der Unschuld, und dem, was danach kommt. Kennenlernen und Trennung werden parallelisiert: Man sieht die Liebe, und was aus ihr wird. Es geht dabei nicht um Schuldzuweisungen, auch nicht um Psychologie, sondern um eine Bestandsaufnahme. Diese enthüllt das Ende der Verheißungen der Jugend, den Kontrast zwischen dem Aufbruchselan der ersten Jahre und den Enttäuschungen und Desillusionen, die das Erwachsenenleben zwangsläufig oder jedenfalls mit hoher Wahrscheinlichkeit mit sich bringt. Es geht um das Vergehen des Optimismus - und wer will kann in dieser scheinbar rein privaten kleinen Zweiergeschichte auch noch mehr entdecken: Man kann darin ein Stimmungsbild westlicher Gesellschaften sehen, denen auch in den letzten zehn Jahren der Aufbruchselan nach dem Fall der Eisernen Vorhangs und die optimistische Hoffnung, in der besten aller Welten zu leben, gehörig abhandengekommen ist.

Aber warum ging dieser Optimismus eigentlich verloren? Was wurde aus den Träumen von einem besseren Leben? Warum dominieren plötzlich Kapitulation und Rückzugsgefechte?

Hierauf geben der Film und Regisseur Derek Cianfrance keine Antwort. Natürlich hat das nicht nur etwas mit dem Vergehen der Zeit und dem Älterwerden zu tun. Glaubt man "Blue Valentine", dann sind die Verhältnisse eben, wie sie sind, dann sind Welt und Leben unbarmherzig.
Früher hätten die Figuren sich in einem solchen Film gegen ihr Schicksal aufgelehnt, wäre ihre Liebe selbst zum Akt der Rebellion geworden. Dass in diesem Film, wiewohl erklärtermaßen "unabhängiges" Kino, von Rebellion keine Spur zu finden ist, verrät viel. Es wird späteren Generationen einmal als typisch für unsere Jahre, als "Zeitgeist" erscheinen.

Nicht weniger typisch ist die Filmsprache, in der sich dies auf der Leinwand entfaltet: Der Regisseur Derek Cianfrance liebt es, seine Figuren in dichten Nahaufnahmen vorzustellen, mit harten Schnitten die Ebenen zu wechseln, und die Szenen langsam zu inszenieren. So wirkt dieser Film in seinen Bildern mitunter wie ein typischer US-amerikanischer Indiefilm, der in aller Leichtigkeit auch etwa latent Klaustrophobisches hat. Aber dann gibt es ein Gegengewicht, und das gleicht alles mehr als aus, sorgt für Weite und Offenheit: Mit seinen zwei Hauptdarstellern, Michelle Williams und Ryan Gosling, hat der Film einen Trumpf, der unschlagbar ist. Ihre Gesichter sind der Schlüssel zu "Blue Valentine".

Dies ist dann vor allem der Film von Michelle Williams. Sie hat wenig zu tun, aber - mit ihrer Mimik - alles zu sagen. Sie spielt Cindy als Frau, die Streit und Kampf müde geworden ist. Aber deren Wut noch lange nicht gestillt ist. Und so spurt man auch in den dunkelsten Momenten, das da mal zwischen den Figuren viel mehr war, als was wir sehen können. Und so gelingt etwas Paradoxes: "Blue Valentine" ist ein Trennungsdrama als Liebesfilm.

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