Montag, 18.12.2017
StartseiteDlf-MagazinBürger ziehen wegen Diesel-Betrugs vor Gericht23.03.2017

Von Audi enttäuschtBürger ziehen wegen Diesel-Betrugs vor Gericht

US-Bürger bekommen Schadenersatz, aber deutsche VW- und Audi-Kunden sollen leer ausgehen? Damit will sich ein langjähriger Audi-Fahrer nicht abfinden. Er fordert Entschädigungen wegen der Abgasmanipulationen - und versammelt im Netz immer mehr Gleichgesinnte hinter sich.

Von Gerhard Schröder

Abgase entweichen den Auspuffrohren eines Autos (Jaguar) am 2201.2004 in Frankfurt am Main. (picture alliance / dpa / Arne Dedert)
Deutsche Autokunden kritisieren eine Hinhaltetaktik bei VW und Audio. (picture alliance / dpa / Arne Dedert)
Mehr zum Thema

Diesel-Emissionen VW-Softwareupdate hält Umweltvorschriften nicht ein

Dieselgate "Der Vorwurf des Staatsversagens trifft zu"

ADAC-Sprecher Boos: "Das ist wie ein Blick in die Glaskugel"

Das Hotel Steigenberger in Berlin, eine Nobelherberge schräg gegenüber vom Hauptbahnhof. Hartmut Bäumer sitzt an einem Bistrotisch, dunkler Anzug, hellblaues Hemd, offener Kragen. Ein drahtiger Typ, dem man nicht ansieht, dass er schon 68 Jahre alt ist.

Bäumer rührt in seinem Cappuccino, lehnt sich zurück und lächelt. Es ist ein besonderer Tag für ihn: Beim Landgericht Berlin hat er Klage eingereicht gegen die VW-Tochter Audi, wegen der Dieselabgasaffäre:

"Mein Ziel ist, dass Audi in dem Fall, und auch Volkswagen, in dem Fall verurteilt werden Schadensersatz zu zahlen dafür, dass sie mir ein Auto verkauft haben, das den Voraussetzungen, die gesetzlich vorgeschrieben sind, was Umwelt angeht, nicht entsprochen hat."

Bäumer ist kein Revoluzzer, kein Prozesshansel, der nur darauf brennt, einen Großkonzern vor Gericht zu zerren. Im Gegenteil. 1991 hat er seinen ersten Audi gekauft, und ist seitdem immer dabei geblieben. Ein treuer Audi-Kunde, der immer dachte, sich für eine besonders umweltfreundliche Automarke entschieden zu haben.

"Sehen Sie, ich bin Grüner, und ich habe schon im Jahr 2008/2009, wo ich überlegt habe, ob ich nicht ein anderes Auto kaufe mit weniger Kraftstoffverbrauch, mit weniger Emissionen, eine Korrespondenz mit Audi gehabt, und habe gesagt, ich überlege umzusteigen, und da haben die mir ausdrücklich zugesichert, nein, bleiben Sie doch bei der Marke, und wir sichern Ihnen zu, gerade der Neue, den ich mir dann gekauft habe, der hält alle Werte ein, der hat die Euronorm 5. Und dann habe ich gesagt: Ok, dann man ich das doch. Und deswegen fühle ich mich jetzt besonders hintergangen."

Hartmut Bäumer sagt das unaufgeregt, fast druckreif, aber mit tief empfundener Empörung. Er ist ein Grünen-Aktivist der ersten Stunde, zog in den 80er-Jahren als erster Grüner in den Bayerischen Landtag ein, machte dann beruflich Karriere, wurde Arbeitsrichter in Offenbach, dann Regierungspräsident in Gießen, stieg 2011 zum Amtsleiter im baden-württembergischen Verkehrsministerium auf. Schon damals wunderte sich Bäumer, dass die Luft in der Landeshauptstadt nicht besser wurde, obwohl die Autos doch angeblich immer sauberer wurden:

"Wir haben in Stuttgart die höchsten Stickoxid-Belastungen der Republik, das wissen Sie vielleicht, und die haben sich in den ganzen Jahren nicht verändert, obwohl ja eigentlich die Normen doch eigentlich immer höher gesetzt worden sind. Und man hätte bei dem gleichbleibenden Verkehr eigentlich annehmen müssen, jetzt geht das runter."

Inzwischen kennt Bäumer den Grund für die schlechte Luft: Dieselfahrzeughersteller wie Audi und VW haben die Abgasreinigung in großem Stil manipuliert. Die Fahrzeuge sind nur auf dem Prüfstand sauber, da halten sie die gesetzlichen Grenzwerte ein, im Alltagsbetrieb auf der Straße dagegen sind sie dreckig, so wie Bäumers Audi Variant, der den gesetzlichen Grenzwert für Stickoxid um das Fünffache überschreitet:

"Ich fühle mich getäuscht, und in der Art und Weise, wie jetzt in dem Jahr mit mir persönlich umgegangen wurde, wirklich auch veralbert, und ich kann nur sagen: Das kann man nicht mit machen."

Deutsche Kunden wurden immer nur vertröstet

Audi hatte - wie auch Volkswagen - Millionen Dieselfahrzeuge mit einer unerlaubten Software ausgestattet und so die gesetzlichen Grenzwerte ausgehebelt. Im Herbst 2015 flog der Schwindel auf, ein halbes Jahr später erfuhr Bäumer, dass auch sein Auto betroffen war.

"Das ist mir ja bestätigt worden, auch von Audi, die haben gesagt, deswegen müssen wir nachrüsten, sie müssen am Motor etwas umstellen, bei meinem Auto sei es relativ einfach, würde nur eine halbe Stunde dauern."

Doch dann geschah - nicht viel. Bäumer hakte nach, fragte, wann denn sein Auto endlich nachgerüstet werde. Und was da eigentlich genau gemacht werden solle. Die Antworten fielen enttäuschend aus, immer wieder wurde Bäumer vertröstet:

"Und dann habe ich um eine Garantie gebeten, dass diese Nachrüstung tatsächlich zum Erfolg führt und hinterher den Motor schädigt, das wurde abgelehnt. Also, es ist eine Hinhaltetaktik."

Anwalt sieht gute Chancen für Klage

Christopher Rother nickt, er sitzt schräg neben Bäumer und macht mit druckvollen kurzen Sätzen klar, warum er gute Chancen für seinen Mandanten sieht.

"Die Fahrzeuge hätten nie in Verkehr gebracht werden dürfen, die Fahrzeuge hätten nie auf unseren Straßen fahren dürfen. Und ob jetzt die Nachrüstung vorgenommen wird oder nicht, macht im Ergebnis keinen Unterschied."

Rother ist der Deutschland-Chef der US-Kanzlei Hausfeld, die in den USA mit Erfolg Sammelklagen gegen VW angestrengt hat und jetzt auch in Deutschland Entschädigungen durchsetzen will. Und zwar über die Verbraucherplattform My Right, eine Organisation, die VW- und Audi-Kunden wie Hartmut Bäumer vor Gericht vertritt:

"Wir übernehmen alle Kosten und stellen Herrn Bäumer von allen Risiken frei und sorgen dafür, dass er mit vernünftigen Anwälten ausgestattet wird, die auf Augenhöhe mit einem Weltkonzern und einer Riesen-Rechtsabteilung und den teuersten Anwälten dieser Republik, die man irgendwo kaufen kann, agieren kann.", sagt Jan Eike Andresen, der Chef von My Right, ein jugendlicher Typ, kurze braune Haare, randlose Brille, Drei-Tage-Bart. My Right übernimmt alle Prozesskosten, der Kunde hat keine Risiken, muss im Erfolgsfall von der erstrittenen Entschädigung aber 35 Prozent als Provision abtreten. Ein fairer Deal, findet Hartmut Bäumer:

"Ich möchte mit meinem Verfahren alle Betroffenen auffordern, mitzumachen. Und Menschen machen nur mit, wenn man sagt, ich habe kein Risiko finanzieller Art, auch gegen diesen Giganten VW anzutreten. Und da bin ich einer der Vorreiter, und das ist der Grund. Ich will ja gar nicht unbedingt Geld raushaben, mit geht's wirklich um ein Gerechtigkeitsproblem in unserer Gesellschaft. Und es kann nicht sein, dass sich Leute oben jenseits der Justiz fühlen, Millionen scheffeln und die kleinen Leute in die Röhre gucken. Das ist mein Antrieb."

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk