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StartseiteKultur heuteVon Beethoven bis Haas23.08.2011

Von Beethoven bis Haas

Lucerne Festival in der Schweiz

Beim Lucerne Festival in der Schweiz erklingt die Musik noch bis Mitte September. Mit "Nacht" ist der Konzertreigen in diesem Jahr überschrieben. Das Programm reicht von Beethoven über Bruckner bis Mahler. Aber auch der Bogen zur zeitgenössischen Musik wird geschlagen.

Von Kirsten Liese

Der Veranstaltungsort ist das Kultur- und Kongresszentrum Luzern. (Lucerne Festival)
Der Veranstaltungsort ist das Kultur- und Kongresszentrum Luzern. (Lucerne Festival)

Sie spielen auf Spitzenorchesterniveau und mit einer spürbaren Ergriffenheit wie die Berliner Philharmoniker nach Kriegsende in den Trümmern der Alten Philharmonie: die jungen Musiker des West-Eastern-Divan Orchestras, das in Luzern mit Beethovens Fünfter und Sechster gastierte.

Es ist vielleicht der symbolhafte Charakter eines solchen Konzerts, bei dem sich israelische und palästinensische Pultkollegen mit dem finalen Befreiungsschlag in dieser Sinfonie identifizieren, gemeinsam der erbitterten Feindschaft ihrer Landsleute die Stirn bieten, die starke Emotionalität jedes einzelnen Musikers spürbar wird, zumal Barenboim die ersten Takte in der Fünften mit Furtwängler’scher Dramatik angeht.

Überhaupt empfiehlt sich das Lucerne Festival als ein besonders exklusives, luxuriöses. Allein das Aufgebot an Spitzenorchestern, zu denen neben den Berliner und den Wiener Philharmonikern auch das Chicago Symphony unter Riccardo Muti das Chamber Orchestra of Europe unter Bernard Haitink sowie die Sächsische Staatskapelle unter Christian Thielemann zählen, lässt sich kaum überbieten.

Das Herzstück ist und bleibt freilich das einmalige, sich aus erstklassigen Solisten formierende Lucerne Festival Orchestra unter Claudio Abbado. Den Hauptblock zweier Abende bildete Bruckners Fünfte, die alles besaß, was eine großartige Wiedergabe ausmacht: einen satten altdeutschen aber nie schwülstigen Streicherklang, andachtsvolle Stille und organische Gipfelgänge.

Traditionell steht in Luzern auch ein Composer in Residence im Fokus. In diesem Sommer ist es der 1953 geborene Österreicher Georg Friedrich Haas, der sich viele Jahre bevorzugt mit Mikrointervallen, Viertel-, Sechstel- oder Zwölfteltönen beschäftigte, in jüngerer Zeit aber auf andere Weise Hörgewohnheiten irritiert.

"Im sechsten Streichquartett habe ich konsequent die Verunsicherung der harmonischen Wahrnehmung durch ganz langsame Glissandi, ganz langsame Tremoli auskomponiert "

Zwar geheimnisvoll aber auch etwas abwechslungslos mit seinem permanenten Gleiten und Entgleiten ist dieses Stück, das das Hagen-Quartett in einer Schweizer Erstaufführung interpretierte.

Einen ungleich stärkeren Eindruck hinterließ ein poetisch ambitioniertes Werk unter dem Titel "aus freier Lust", inspiriert von Hölderlins Roman "Hyperion" und der Utopie, dass die Menschen einen Einklang bilden würden, wenn sie frei wären zu tun, was ihnen beliebt. Besonders beeindrucken die unterschiedlichen Besetzungsoptionen. Es kann im Ensemble zu zehnt, in bestimmten kleineren Formationen oder auch solistisch gespielt werden.

Eine Performance der besonderen Art in Luzern bescherte ein choreografisches Projekt für einen Tänzer, Sopran, Instrumentalensemble, Video und Live-Elektronik unter dem Titel "Double Points: Otiz", zu Deutsch "Doppelpunkt Niemand". Die Sängerin verkörpert die mythologische Gestalt der auf ihren verschollenen Gatten wartende Penelope, der Tänzer eben jenen Odysseus, der nach vielen Irrfahrten doch noch zu seiner Frau zurückkehrt. Zum Einsatz bei dieser innovativen multimedialen Produktion kam ein spezielles Computerverfahren, erläutert der Komponist Hanspeter Kyburz:

"Es ging darum, den Tänzer mit Sensoren interaktiv an die kompositorischen Strukturen zu binden, also seine Bewegungen werden direkt übertragen und über den Computer dann mit musikalischen Materialien verbunden. Ich als Komponist hab' unglaublich profitiert und er natürlich auch, weil er gemerkt hat, er kann seine eigenen Materialien noch neu interpretieren, dadurch, dass sie jetzt plötzlich klingen."

Tatsächlich wirken die Bewegungen des Tänzers wie abgezirkelt auf die musikalische Partitur. Auch ist faszinierend zu erleben, wie die unterschiedlichen vielen Komponenten ein organisches Ganzes bilden. - Die Avantgarde ist in Luzern bestens aufgestellt.

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