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StartseiteBüchermarktVon Bukarest nach New Orleans18.02.2008

Von Bukarest nach New Orleans

Mircea Cartarescu schreibt über eine fiktive Sekte

Mircea Cartarescu zählt zu den bekanntesten rumänischen Gegenwartsautoren. Er steht einer mystische Tradition näher, als dem Surrealismus des "Rumänischen Traums". Der Roman "Die Wissenden" stellt den ersten Band eines dreimal so umfangreichen Tryptichons dar. Das Buch beginnt poetisch in Bukarest und endet vorläufig in New Orleans. Dort treibt die titelgebende Sekte der "Wissenden" rund um einen schwarzen Albino ihr Unwesen. Der Roman mündet in ein perverses Opferritual, das so manches Splatter-Movie blass aussehen lässt.

Von Katrin Hillgruber

Die Handlung verlagert sich von Bukarest nach New Orleans. (AP)
Die Handlung verlagert sich von Bukarest nach New Orleans. (AP)

"Vielleicht ist der Kern des Kerns dieses Buches nichts anderes als ein apokalyptischer, blendender, gelber Schrei": Wie das Auge des Orkans taucht diese Feststellung aus den Natur- und Geistesgewalten auf, die Mircea Cartarescu in Prosa verwandelt hat. Der Roman "Die Wissenden" stellt den ersten Band, vielmehr den linken Flügel eines dreimal so umfangreichen Tryptichons dar. "Orbitor", zu Deutsch "Der Blender", erschien 1996 in Rumänien. Den letzten Band hatte Cartarescu während eines Stipendiums im Stuttgarter Schloss Solitude vollendet. Nach Ceauşescus Sturz im Dezember 1989 verschrieb sich der einstige Lyriker Cartarescu ganz der Prosa. Mircea Cartarescu:

"Wissen Sie, ganz zu Anfang habe ich sieben Lyrikbände verfasst. Dann wechselte ich zur Prosa, denn ich war der Lyrik überdrüssig geworden. Nach mehr als ungefähr 300 Gedichten hatte ich plötzlich den Eindruck, es wäre sinnlos, ein weiteres Gedicht zu schreiben. Also suchte ich einen Ausweg aus der Poesie, der es mir ermöglichte, ein Dichter zu bleiben. Ich suchte nach einer anderen Form und fand die der Prosa. Ich empfinde mich immer noch als Dichter, auch wenn ich nun Romane schreibe. Im Grunde sind meine Romane für mich große Gedichte. "

Außerdem wandte sich der 1956 geborene Sohn atheistischer Eltern der Religion zu. Bei einem erneuten Besuch auf Schloss Solitude spricht Mircea Cartarescu auch über seine Kindheit:

"Einerseits hatte ich das Pech, ohne spirituellen und religiösen Bezug aufzuwachsen, denn meine Eltern waren von der Propaganda verblendet, ihr Geist wurde ein leichtes Opfer für die Propaganda. Sie waren damals sehr jung, unwissende Bauernkinder, eine Tabula rasa. Deshalb fehlte mir der Glaube aus der Kindheit, wenn er sich normalerweise in unseren Seelen herausbildet. Als Heranwachsender hielt ich mich für einen Atheisten, und dann entdeckte ich mit dreißig die Bibel. Ich entdeckte das großartigste Buch der Welt. Nicht nur als Buch der Weisheit, sondern auch der Literatur. So gesehen war es vielleicht ein Glück, dass ich die Bibel erst als Erwachsener entdeckte. "

"Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören" prophezeit Paulus im ersten Korinther-Brief, aus dem der Roman sein Motto bezieht. Die Sehnsucht nach der Vereinigung mit allen Phänomenen der Welt und der himmlischen Sphäre, der brennende Wunsch nach der Unio mystica, durchzieht dieses überbordende Bewusstseinspanorama eines gewissen Mircea. In ihm ist unschwer der Autor zu erkennen.

Am Anfang steht das Einswerden des Jungen mit seiner Stadt: Allabendlich beobachtet Mircea vom Fenster seines Zimmers aus, die Füße auf dem Heizkörper, wie die Dämmerung heraufzieht und "hinter dem blauen Mondglas das fantastische Bukarest explodiert", wie es heißt. Diese puerilen Phantasiereisen erinnern in ihrer bis zur Monstrosität überschießenden Einbildungskraft an jene von Gulliver. Stets kreisen sie vage um einen geschlechtlichen Kern. Ihr Ausgangspunkt stellt den größtmöglichen Kontrast dar: ein hässlicher achtstöckiger Plattenbau in der Stefan-cel-Mare-Chaussee.

Mircea erlebt, wie das elegante Paris des Ostens mehr und mehr von Abrissbirnen verschandelt wird. Er aber bewahrt als ein lebendes Gefäß die Erinnerung an den Charme der alten Stadt, befeuert durch die Erzählungen seiner Mutter Maria. Sie kam während des Zweiten Weltkriegs vom Lande nach Bukarest. Mit ihrer Schwester Vasilica ging sie in der Schneiderwerkstatt "Verona" in die Lehre. Durch die Bekanntschaft mit einer Varietékünstlerin werden die vom Überschwang der Eindrücke elektrisierten Bauerntöchter in die erotischen Geheimnisse der Stadt eingeweiht. Dort erleben sie auch die amerikanischen Bombenangriffe. Über schwarze Jazzmusiker kommen sie mit dem Voodoo-Kult in Berührung. Dieser thematische Funke entzündet sich später bei der Schilderung der Sekte der "Wissenden".

Eine lineare Handlung des dreiteiligen Buches lässt sich kaum ausmachen - umso mehr ist die herkulische Leistung des Übersetzers Gerhardt Csejka zu rühmen. Souverän bewältigt er den Strom von Farben, von hybriden Fremdwörtern aus Medizin und Technik und vor allem das Gewimmel der Insekten im Text. Das Beseelte, Animistische lauert überall, es bildet einen geheimen Urgrund. Seit jeher begeistert sich Mircea Cartarescu für Insekten:

"Die Welt der Insekten hat mich schon immer fasziniert. Es handelt sich um biologische Wesen und zugleich um Mechanismen. Ihre Erscheinung ist sehr poetisch. Sie wirken wie Monster von Hieronymus Bosch. Mich fasziniert zugleich ihre Hässlichkeit - wenn man etwa an Spinnen denkt - und ihre Schönheit. Das Sinnbild der Schönheit stellt für mich der Schmetterling dar, der ja auch das Sinnbild der Seele ist. Wie sie vielleicht wissen, wurde Psyche, die griechische Göttin der Seele, als junges Mädchen mit Schmetterlingsflügeln dargestellt. Es ist leicht zu verstehen, warum der Schmetterling die Ewigkeit symbolisiert: wegen der Metarmorphose, die er durchmacht. Hinzu kommt, dass der Schmetterling auch ein sehr symmetrisches Insekt ist. Deshalb habe ich mein Schmetterlings-Thema mit meinem Thema der Zwillinge, der Spiegel und Symmetrien kombiniert. Ich habe das Buch in drei Teilen angelegt, rund um eine symmetrische Achse. Der erste Teil stellt den linken Flügel dar, der zweite Teil ist der Körper und der dritte Teil der rechte Flügel. Was letztendlich die Gestalt eines Schmetterlings ergibt."

Mircea Cartarescu zählt zu den bekanntesten rumänischen Gegenwartsautoren. Er steht weniger in der Tradition des Surrealismus, des "Rumänischen Traums", wie eine entsprechende Anthologie heißt, sondern in jener religionsphilosophischen bis mystischen von Emile Cioran und Mircea Eliade. Wie den Indien-Kenner Eliade faszinieren ihn der Schamanismus und das bildhaft-symbolische Denken. Mit dem Exil-Philosophen Cioran wiederum verbindet Cartarescus Schreiben eine negative Strahlkraft, die Überzeugung von der heillosen Daseinsform des modernen, ketzerischen Menschen.

"Mein eigentliches Vorbild, sozusagen mein Urahn in der rumänischen Literatur, ist der bedeutendste rumänische Dichter und Schriftsteller, Mihai Eminescu. Ein Autor aus dem 19. Jahrhundert, der die Tradition des Phantastischen in der rumänischen Literatur begründete. Mircea Eliade folgte Eminescu in dieser Tradition, auch viele andere Autoren wie Vasile Voiculescu oder Max Blecher, der jüngst ins Deutsche und Französische übersetzt wurde. Und ich folge dieser Linie auch, doch nicht nur in der rumänischen Literatur, sondern der großen Tradition der phantastischen Literatur weltweit. Ich wurde von Eminescu wie von Julio Cortazar oder auch Günter Grass beeinflusst, selbst von Dostojewskis phantastischen Anflügen. "

Was in Bukarest so poetisch begann, endet vorläufig in New Orleans. Dort treibt die titelgebende Sekte der "Wissenden" rund um einen schwarzen Albino ihr Unwesen. Der Roman mündet in ein perverses Opferritual, das so manches Splatter-Movie blass aussehen lässt.

Im ebenso furiosen wie fragwürdigen Schlusskapitel geht es erneut um das Einswerden, um Neuschöpfung und Apotheose. Flankiert von einem Heer von Co-Insekten, die fast auf jeder Seite hervorkriechen, prägt der Schmetterling als Symbol der Verwandlung Mircea Cartarescus gewaltiges Epos. Band zwei, das nächste Verpuppungsstadium, darf mit Spannung erwartet werden.

Mircea Cartarescu: Die Wissenden. Roman.
Aus dem Rumänischen von Gerhardt Csejka.
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2007

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