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StartseiteBüchermarktVon den Ängsten erzählen13.06.2011

Von den Ängsten erzählen

Dirk Kurbjuweit: "Kriegsbraut". Rowohlt

Im neuen Roman des politischen Journalisten Dirk Kurbjuweit geht es nicht erneut um eine Coming-of-Age-Geschichte. Seine Heldin ist diesmal eine 26-Jährige, die mit der Bundeswehr nach Afghanistan geht und sich dort verliebt.

Von Detlef Grumbach

Bundeswehrsoldaten beobachten eine Landstraße am Stadtrand von Kunduz in Afghanistan. (AP)
Bundeswehrsoldaten beobachten eine Landstraße am Stadtrand von Kunduz in Afghanistan. (AP)

Das große Thema seiner ersten Romane war das Erwachsenwerden und der Preis, den seine Figuren dafür zahlen müssen: Sie müssen sich anpassen an Realitäten, Normen und Gepflogenheiten, müssen Abschied nehmen von ihren Träumen. Um diese schmerzhaften Konflikte des Coming-of-Age ging es in den Romanen "Die Einsamkeit der Krokodile”, "Schussangst” und "Zweier ohne”. Seit der Autor und Journalist Dirk Kurbjuweit den Schwerpunkt seiner journalistischen Arbeit auf die Politik verlegt hat und zum Leiter der Hauptstadtbüros des Spiegels wurde, dienen ihm Ereignisse aus dem politischen Geschehen immer öfter als Hintergrund für seine Geschichten. Mit seinem Roman "Kriegsbraut” erzählt er von einer jungen Frau, die in den Krieg nach Afghanistan zieht und sich dort in einen Dorfschullehrer verliebt.

"Die letzten Romane, also 'Nachbeben', da ging's um die Bundesbank, dann 'Nicht die ganze Wahrheit', der Bundestag, und jetzt 'Kriegsbraut', die Bundeswehr, das sind Romane, die sehr stark meinem journalistischen Alltag entspringen. Und das sind gar nicht so bewusste Entscheidungen, dass ich sage, ich muss das jetzt irgendwie verknüpfen. Aber ich glaube, dass seit ich politischer Journalist bin - und das bin ich noch nicht so lange -, ist dieser politischer Alltag so intensiv, der springt mich so stark an, dringt so tief in mich ein, dass ich ihm kaum entkommen kann."

Gibt es damit einen Bruch im Schreiben des Autors, entwickelt sich Dirk Kurbjuweit vom Erzähler des Coming-of-Age, zuletzt in der Novelle "Zweier ohne”, zu einem in erster Linie der gesellschaftlichen Wirklichkeit verpflichteten politischen Autor? Ja und nein. In "Nicht die ganze Wahrheit” erzählt er davon, wie in der Politik ein jugendlicher Enthusiasmus auf Routine und kalte Berechnung trifft. Das politische Berlin bildet das realistische Szenario, der Roman konnte vordergründig auch als Kolportage aufgefasst werden. Doch bleibt Kurbjuweit seinem Grundthema auch darin treu.

Auch in seinem neuen Roman wählt er einen aktuell-politischen Hintergrund, den Bundeswehreinsatz in Afghanistan. Im Zentrum steht eine Frau, die 1980 auf Rügen geboren wurde und mit 26 Jahren angekommen ist in der Welt der Erwachsenen. Nicht die Wahl des Szenario markiert einen Bruch, sondern die Wahl einer Figur, die das Coming-of-Age hinter sich hat, die gelandet ist in der Routine des Erwachsenseins und nicht mehr weiß, was sie noch wollen könnte im Leben.

"Ich glaube, das ist schon ein schwerer Einschnitt in meinem Schreiben, weil Esther ist wahrscheinlich die erste Figur, die ich beschreibe, die traumlos ist. Esther hat keine Träume mehr. Die hat den Bruch oder Zusammenfall ihres ersten Lebens erlebt, das war die DDR, ihr Kinderleben, das ist weg. Dann kommt die Bundesrepublik, dann hat sie es mit einem Mann versucht, dessen Leben mit gelebt, das hat auch nicht funktioniert. Und dann ist sie diesem alten Leben davon gerannt, und sie ist ohne Traum. Esther ist ein schwebendes Wesen, das nirgendwo einen Halt hat und dann so einen merkwürdigen halt sucht wie die Bundeswehr."

Der Roman setzt ein im Frühsommer 2006. Esther sitzt irgendwo in der nördlichen Provinz Afghanistans Mehsud, dem Leiter einer Dorfschule gegenüber. Sie hat diesen Einsatz bekommen, weil sie in der DDR noch Russisch gelernt hat, die einzige Fremdsprache, die Mehsud beherrscht. Der Afghane akzeptiert keine Frau in Uniform und mit Befehlsgewalt. Sie haben sich nichts zu sagen. Also erzählt sie ihm Geschichten aus ihrer Kindheit.

Aus dieser Situation springt der Autor zurück ins Jahr 2003. Esther ist von Rügen nach Berlin gezogen, Rügen war nicht mehr ihre Welt, Berlin wird es nicht. Irgend etwas muss sie aber tun, und so geht sie zur Bundeswehr. Auch das Feldlager bei Kundus ist zunächst nichts anderes als ein sinnloses Tagein und Tagaus. Die einzige Abwechslung: Das Erzählen. Auf der Stube werden Geschichten erzählt: Geschichten von alltäglichen Sorgen, Geschichten aus dem Krieg, von Kochtöpfen am Straßenrand, die sich als Bomben erweisen, von den ersten Toten unter friendly fire.

Dann bekommt Esther den Auftrag, die entlegene Schule zu betreuen, zu prüfen, ob auch die Mädchen zum Unterricht erscheinen, ob der Taliban unter Kontrolle ist. Die Konstellation mit dem Schulleiter ist verdächtig nahe am Klischee, doch Kurbjuweit spielt über Bande. Er lässt es nicht krachen, sondern rückt auch hier das Erzählen ins Zentrum.

"Da ist eine junge deutsche Frau in Flecktarn-Uniform und da ist dieser Lehrer aus Afghanistan, und die wissen nichts voneinander, die sind sich fremd, da ist eine Mauer zwischen denen. Die spüren diese ungeheure Fremdheit und wollen diese Mauer perforieren. Die wollen da Lücken reißen, damit sie sich begegnen können, damit sie sich erreichen können. Und das geschieht immer noch, glaube ich, durch das Erzählen aus dem eigenen Leben. Und genau das tun sie. "

Esther erzählt von ihren existenziellen Ängsten, die sie als Kind gehabt hat, vom Schrecken und wie sie ihn gebannt hat, worüber sie heute nur noch schmunzeln kann. Mehsud taut auf, auch er beginnt vorsichtig, von sich zu erzählen, von seiner Flucht vor den Taliban, wie er seine Frau und seine Tochter verloren hat. So tasten beide sich aneinander heran, verlieben sich.

"Angst-Geschichten sind intime Geschichten. Ich glaube, wir erreichen den anderen je mehr, desto mehr wir von unseren Intimitäten berichten, ohne Grenzen zu überschreiten, ohne ihn zu verletzen, aber wir müssen ihm Signale geben, dass wir bereit sind, über das zu reden, was uns nicht gut dastehen lässt. Das ist der erste Schritt ins Vertrauen. Da ist jemand, der will nicht nur gut aussehen, sondern der vertraut mir, dass sein Schmerz, seine Trauer, seine Peinlichkeiten, bei mir gut aufgehoben sind."

Kriege und Bürgerkriege gehören zur längst zu einer Realität, die auch uns in Deutschland betrifft. In die deutsche Literatur finden sie nur zaghaft Eingang. Im Zentrum steht dann dabei, was der Krieg mit den Beteiligten macht. Lukas Bärfuss' greift in seinem Roman "Hundert Tage” auf die Erzählungen eines Entwicklungshelfers in Ruanda zurück, in Michael Kleebergs Roman "Das Amerikanische Hospital” wird erzählt, was ein amerikanischer Soldat einer Frau in Paris über den Krieg im Irak erzählt hat.

In Kurbjuweits Roman überlagern sich das Erzählen über den Krieg und das Erzählen im Krieg. Mit großem Gespür dringt der Autor in die Erfahrungswelt und die Psychologie seiner Heldin ein. Der Autor erdet sie in den Verhältnissen, aus denen sie kommt, fragt, was sie dazu treibt, in diesen Krieg zu ziehen, wie der Krieg sie verändert: sie, aber auch ihr Gegenüber Meshud, ihre Stubenkameradinnen Ines und Maxi. Maxi, eine kaltblütige Minenräumerin, bringt sich am Ende um - symbolträchtig gekleidet in einer Burka, dem Kleidungsstück, von dem sie die afghanischen Frauen befreien wollten.

"Maxi ist der Typ des Kriegers. Die geht als starke, harte Frau dort hin, sucht den Krieg, findet ihn, aber der Krieg zerstört sie. Sie kann den Krieg nicht beherrschen, sondern der Krieg beherrscht sie. Und das ist, glaube ich, ganz oft der Irrtum dieses Kriegertypen, der sich stählt, weil er denkt, er kann den Krieg beherrschen, wenn er sich gut vorbereitet. Nur alle Erfahrungen zeigen: Der Krieg beherrscht immer die Figuren, die sich auf den Krieg einlassen und in der Regel vernichtet er sie. Maxi ist genau so eine Figur, die durch den Krieg vernichtet wird."

Der politische Journalist Kurbjuweit hat diesen Krieg verteidigt. Der Schriftsteller fragt nicht nach seinem Ziel und den Mitteln. Er erfindet eine Figur, die Züge seiner bisherigen Helden trägt, die ihm vertraut ist, und erzählt, wie sie diesen Krieg erlebt. In leisen Tönen, mit vielen unspektakulären, aber realitätsgesättigten Geschichten baut er eine Spannung auf, die bis zuletzt gehalten wird. Das Schlussbild ist vielleicht ein bisschen kitschverdächtig, zurück bleibt eine bewegende Mischung aus Desillusionierung und Trauer.

"Der Krieg führt immer in eine Trauer - bei den Besiegten, bei den Siegern, bei allen. Das ist die Stimmung dieses Buchs. Krieg ist das größte Unternehmen zur Zerstörung des Menschen, und dieses Unternehmen ist fast immer erfolgreich. Deshalb kann ich keine andere Stimmung zum Krieg haben als Trauer, auch wenn ich ihn manchmal für notwendig halte. Dann wird es natürlich zu einem ganz großen Dilemma."

Dirk Kurbjuweit: "Kriegsbraut". Roman. Rowohlt Berlin 2011, 333 Seiten, EUR 19,95.

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