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Von der Datenkrake zum Finanzhai

Imageverlust nach verpatztem Börsengang bedroht Facebooks Geschäftsmodell

Von Philipp Schnee, Deutschlandfunk

Die Logos der Facebook-App und Aktien-App
Die Logos der Facebook-App und Aktien-App (picture alliance / dpa / Jan-Philipp Strobel)

Wir sind die 99 Prozent – der Slogan der Occupy-Bewegung. Er passt auch gut zum Selbstverständnis von Facebook: 900 Millionen Nutzer hat das soziale Netzwerk. Wir repräsentieren die große Mehrheit des Internets – ohne uns geht gar nichts.

900 Millionen Nutzer, das ist das enorme Potenzial, das in Zuckerbergs Netzwerk steckt, wenn die Nutzer in bare Münze, in Geld umgemünzt werden können. Diese 900 Millionen Menschen sind aber auch die Achillesferse, denn sie sind alles was Facebook besitzt. Abwandern dürfen sie nicht. Ein Imageverlust kann tödlich sein für das Geschäftsmodell des Internet-Stars.

Und inzwischen droht der sogar von zwei Seiten: Nicht nur der Vorwurf "Datenkrake" und "Privatsphären-Schänder", sondern jetzt eben auch noch "Finanzhai". Denn für den Börsengang musste die Plauderecke der 99 Prozent dann doch mit dem einen Prozent paktieren: Mit Morgan Stanley und Co, mit den großen Investmentbanken. Und das ging kräftig nach hinten los:

Nicht nur das Facebook völlig überwertet den Gang an die Börse gewagt hat. Und diesen Schuh muss sich Facebook-Finanzchef David Ebersman selbst anziehen und nicht auf die Banken zeigen. Denn er hat wohl dafür gesorgt, dass die Emission nochmals kräftig aufgebläht wurde, um 25 Prozent, dazu noch einen hoch angesetzten Ausgabepreis von 38 Dollar.

Nein, dazu kommt auch noch der Verdacht, dass nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Großinvestoren sollen bevorteilt worden sein. Sie wussten früher als das Gros der Anleger, dass die Gewinne von Facebook wohl doch nicht so üppig ausfallen werden. Die Finanzaufsicht, der Bankenausschuss des US-Senats – gleich mehrere US-Behörden ermitteln jetzt, einige Anlegergruppen haben Anwälte auf Facebook und seine Banken angesetzt und Klage eingereicht. Und Zuckerbergs Netzwerk, der Datenkrake, befindet sich plötzlich im Verdacht mit Finanzhaien zu spielen.

Facebook hat sich etwas übermotiviert und vielleicht auch schlecht beraten an die Börse gemacht. Und da steht man jetzt, mit hohen Erwartungen konfrontiert: Aktionäre wollen Gewinne, Gewinne, die bringen bei Facebook die Werbekunden, Werbekunden wollen Daten, möglichst viele, möglichst präzise:

Zur Beruhigung der Aktionäre soll, so wird schon gemeldet, das Unternehmen ein neues System zur systematischeren Verfolgung von Werbung planen. Ein System, dass die Datensätze von Werbekunden mit den eigenen verbindet. Der Datenkrake würde dann noch effektiver, umfassender. Den 900 Millionen Nutzern, auf denen das Ganze Geschäftsmodell aufbaut, dürfte das nicht gefallen. Facebook gerät in die Klemme:

Und da wird auch der jetzt schon vermutete Wechsel des Börsenplatzes - von der NASDAQ zur NYSE - wenig helfen, denn wo gehandelt wird, das ist den Aktionären egal und vielmehr noch den Nutzern. Aus 99 Prozent kann schnell ein Prozent werden. Nicht nur an der Börse, vor allem auch im Internet, bei der Gunst der Nutzer. Für Facebook hängt jetzt beides eng zusammen. Die beiden wunden Punkte verbinden sich: Der alte Vorwurf "Datenkrake" und der neue: "Finanzhai".

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