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StartseiteBüchermarkt"Von der Kultur ist nichts geblieben"16.03.2009

"Von der Kultur ist nichts geblieben"

Klaus-Jürgen Liedtke: Die versunkene Welt, Die Andere Bibliothek Eichborn, Frankfurt

Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten die Bewohner des ostpreußischen Dorfes Kermuschienen fliehen. Wo einst ihre Häuser und Höfe standen, sind heute nur noch Wiesen und Wälder zu sehen. Durch Gespräche mit den ehemaligen Bewohnern lässt Autor Klaus-Jürgen Liedtke "Die versunkene Welt" wieder auferstehen.

Von Gernot Krämer

Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg. (AP Archiv/Henry Burroughs)
Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg. (AP Archiv/Henry Burroughs)

Die Gegend liegt im äußersten Nordosten Polens, nicht weit von der Grenze zur russischen Exklave Kaliningrad und zu Litauen. Sucht man in Google Maps danach, so bekommt man nur aus großer Höhe einen vagen Eindruck. Beim Heranzoomen wird alles unscharf, die Landschaft verschwimmt zu Farbklecksen, die Auflösung der Bilder entspricht der von afrikanischen Wüstenregionen. "Das passt ja ausgezeichnet", sagt Klaus-Jürgen Liedtke, als er es erfährt, "die Gegend hieß früher schon 'die große Wildnis'".

Es ist nicht schwer, sich das vorzustellen, denn das Kermuschienen seines Buchs macht den Eindruck größter Abgeschiedenheit, und die Bilder im Anhang bestätigen es: Ein Hundert-Seelen-Dorf auf einer Anhöhe in welligem Gelände, rundherum viel Wald, Felder und Seen, da und dort sieht man noch ein einzelnes Haus oder Gehöft. Von hier, aus dieser bäuerlichen Welt, stammen die meisten der Menschen, die Liedtke befragt hat - anfangs, weil er mehr wissen wollte über seinen Großvater, einen Bauern, Heimatdichter und Sammler von Flurnamen, später, weil ihn die vielfältigen, oft widersprüchlichen Erinnerungen an das Dorf reizten:

"Irgendwann entstand in mir der Wunsch, das Leben dieser Leute zu rekonstruieren, und ich habe sie aufgesucht über einen Zeitraum von zehn Jahren. Ich hab dann an die vierzig solcher Zeitzeugen befragt, mit Tonband - danach habe ich es abgetippt. Das war alles sehr mühselig. Ich habe es den Leuten wieder zugeschickt, teilweise ergänzt. Vor allem war mir dabei wichtig, die Sprache der Erzähler, auch mit den vielen Abschweifungen, zu bewahren. Ich wollte den Rhythmus, den Tonfall des mündlichen Erzählens erhalten, auch in Dialekteinsprengseln, die häufiger geworden sind, als ich es zunächst vorhatte. Und so hab ich dann aus Hunderten solcher kleiner Partikel eine größere Erzählung zusammengestückt. Das war dann noch mal ein Zeitraum von etwa zehn Jahren."

Zum Sound dieser Welt gehören die Namen: Orts- und Flurnamen von eigenartigem Zauber, wie Eszerienen, Ballupönen oder Jaggeln. Liedtke kümmert sich nicht sonderlich um den Diskurs über Krieg und Vertreibung; beide nehmen überraschend wenig Raum ein neben Alltagsschilderungen und privaten Anekdoten. An das Verstörende wird oft nur nebenbei erinnert: Was geschah mit den Juden, mit Behinderten und Geisteskranken, die einfach verschwanden? Was war das für ein geheimes Bauprojekt, von dem man erst nach dem Krieg wieder hörte? Es war die Wolfsschanze, das Führerhauptquartier im Osten.

Als der Krieg mit Russland anfing, war die Bestürzung groß, es war nichts von Hurrapatriotismus, im Gegenteil, es war ein stiller, aber starker Groll auf Hitler. Beide Söhne vom Franz Steinke lagen in der Nähe der Grenze im Osten. Es war der Morgen des 22. Juni, kurz nach drei Uhr, als man deutlich den Kanonendonner hörte. In der hellen Sommernacht war der Himmel im Osten nicht nur von der aufgehenden Sonne gerötet, kaum wahrnehmbar sah man Blitze am Horizont. 'Nu es et sowiet', sagte die Emma beim Melken erbittert und voller Sorge. Der Franz, heftig wie er war, grummelte und schimpfte leise herum auf dem Hof, auf dem Weg zur Milchbank fing er richtig zu wettern an: 'Nu es de Hitler ganz verreckt geworde. Jejen dem grote Rußland jeiht er jejen an.' Und weiter: 'Mott he nu ook jejen dat Grote Rußland goahne? Dat grote Rußland kann he doch nie besieje. He kann nich genoch krieje. Nu es he all en Poale on Frankreich, en Norweje on Griecheland. De halwe Welt hett he all besett. Nu noch Rußland. He fehrt ons ent Verdoarwe.

Klaus-Jürgen Liedtke ist eher ein Sammler als ein Erzähler oder Historiker. Er bemüht sich nicht so sehr um Abstand, Deutung oder Dramaturgie, als darum, dass nichts vergessen wird von dieser kleinen, unwiederbringlich verlorenen Kermuschienener Welt.

Die Schwierigkeit dabei liegt auf der Hand. Sie besteht darin, eine Struktur zu finden, die das Ganze trägt, einen Erzählfaden. Liedtke hat sich für eine gemischte Lösung entschieden: Er folgt zwar einer groben Chronologie vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Flucht im Zweiten Weltkrieg, legt aber kapitelweise Themen fest. Der Fülle und Widerspenstigkeit des Materials wird er nur bedingt Herr, doch das liegt weniger an diesem Modell als an der allzu großen, unterschiedslosen Liebe selbst zu belanglosen Einzelheiten, wie sie im Strom der Erinnerung unvermeidlich auftauchen. Wären die Sprecher als Individuen erkennbar, so wären die Kontraste vermutlich schärfer und der Eindruck von Redundanz geringer, aber:

"Bei mir gibt es eigentlich gar keine Einzelstimmen. Es ist ein Gesamtchor aller Bewohner dieser Gegend, so dass man gar nicht heraushören kann, wer gerade erzählt. Wenn ich es heute wieder lese, frage ich mich selber: Wer erzählt das eigentlich? Es ist zwar alles irgendwie authentisch, aber durch diese Gestaltung als Großmontage ist es auch wieder aufgehoben in einem höheren Sinne."

Liedtke bekennt sich zu einer Art Kunstsprache, die er aus dem Material geschaffen habe, hauptsächlich durch stilistische Anhebung und Angleichung. Er spricht von Poesie und poetischer Wahrheit. Durch diese Intentionen hebt sich "Die versunkene Welt" deutlich ab von einem Klassiker jenes Genres, dem man sie wohl zuschlagen muss, der Dokumentarliteratur.

Auch Erika Runge hat in ihren "Bottroper Protokollen" Ende der sechziger Jahre Gespräche mit Ortsansässigen auf Tonband dokumentiert, nachbearbeitet und in eine Art literarische Originalton-Montage überführt. Aber sie hat das Krude, Ungeschliffene der Ausdrucksweise nicht geglättet und die einzelnen Protokolle nicht eingeschmolzen in einen anonymen "Gesamtchor". Bei Liedtke lässt sich nur eine Stimme individuell zuordnen, die eines polnischen Zwangsarbeiters. Das Politische, das mit Dokumentarliteratur so oft assoziiert ist - man denke aus jüngerer Zeit etwa an Feridun Zaimoglus "Kanak Sprak" und "Koppstoff" -, dieses Politische fehlt hier. Es geht dem Autor mehr um die Besänftigung eines Phantomschmerzes, mit dem er aufgewachsen ist:

"Ich denke, die ganze Kindheit ist überschattet von diesem Vertreibungsgeschehen, das vor meiner Zeit passiert ist, und ich denke, dass man - in meiner Generation zumindest - in einer Art traumatischer Glocke gelebt hat, bis man dieses Glas durchstoßen konnte. Ich denke, dass ein langer Schatten gefallen ist von diesen Ereignissen - und dass viele, wie ich, nicht richtig heimisch geworden sind in der neuen Umgebung. Nur wollte ich das in diesem Buch ausklammern. Es war nicht mein Anliegen, von mir zu erzählen, sondern möglichst objektiv darzustellen: Wie haben die Leute dort eigentlich gelebt?"

Das Wagnis, das Klaus-Jürgen Liedtke mit diesem Buch eingeht, ist nicht eigentlich politischer Natur. Es handelt sich um folgendes: Alle Namen, die darin auftauchen – und zwar in Dostojewskischer Fülle auftauchen -, sind Klarnamen, es gibt kein einziges Pseudonym. Dazu gehört Mut heute, wo die Rechtssicherheit von Autoren, die lebende Personen darstellen, wiederholt beschnitten wurde. Doch Liedtke betont zu Recht, dass es Verrat wäre an einem Projekt wie diesem, wiche man ausgerechnet hier in Fiktionen aus:

"Mir ist seit zehn Jahren immer klar gewesen, dass das sehr gewagt ist. Es reicht ja schon, wenn ein Satz in dem Buch vorkommt, der zur Anklage genügen würde. Ich bin dem Verlag sehr dankbar, dass er diesen Weg mit mir geht und das auf sich nimmt. Erkennen würden diese Leute sich ja ohnehin, wenn man die Namen verändern würde. Ich müsste es schon verlegen in eine andere Gegend. Aber das würde dem ja nicht gerecht, es muss schon dort spielen, in Ostpreußen. Aber gewagt ist es allemal, und eigentlich erwarte ich jeden Tag eine Anklage."

Was ist geblieben von Kermuschienen? 1947 wurden Ukrainer in die verlassenen Häuser umgesiedelt, auch sie waren Vertriebene. Doch da das Dorf so abgelegen war und weder elektrischen Strom noch eine Verkehrsanbindung hatte, gaben es die polnischen Behörden Mitte der siebziger Jahre auf.

"Vor Ort ist im Grunde nur noch dieser Hügel, diese Kuppe - es war ja das höchstgelegene Dorf in der ganzen Umgebung. Aber es sind nur noch Fundamente vorhanden, diese großen Findlinge, diese Bruchsteine. Man sieht noch in etwa die Abmessungen der Höfe, und das auch nur im Winter und Frühjahr und Herbst, sonst ist alles überwachsen. Man sieht noch ein paar Gräber auf dem Friedhof oberhalb des Dorfes, aber von den Mühlen zum Beispiel gar nichts mehr. Man sieht auch nichts mehr von den Waldhäusern meines Großvaters, vom Bruch, das auch mal Heuwiesen hatte. Das ist alles verlandet oder verwässert und überwachsen. Von dieser Kultur ist nichts geblieben."

Klaus-Jürgen Liedtke: Die versunkene Welt
Ein ostpreußisches Dorf in Erzählungen der Leute

Eichborn Verlag, 424 Seiten, 32 Euro

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