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StartseiteKommentare und Themen der WocheMehr Differenzierung wäre nötig gewesen02.05.2017

Von der Leyens Bundeswehr-KritikMehr Differenzierung wäre nötig gewesen

Die Kritik an der Bundeswehr durch Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat zu einem großen Vertrauensverlust geführt, meint Rudolf Clement. In der politischen Debatte über die Bundeswehr sei das Augenmaß verloren gegangen. Nun müsse sich die Ministerin das Vertrauen wieder erarbeiten.

Von Rolf Clement

Die Truppenfahne für das Kommando Cyber- und Informationsraum wird am 05.04.2017 in Bonn (Nordrhein-Westfalen) beim Dienstappell von Generalleutnant Ludwig Leinhos übergeben. (dpa / picture alliance / Ina Fassbender)
Viele hätten Haltung, viele übten Führung, meint Rudolf Clement über die Soldaten in der Bundeswehr. (dpa / picture alliance / Ina Fassbender)
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Bei aller Kritik, die nun auf die Verteidigungsministerin niederprasselt, sollte nicht vergessen werden: Aufnahmerituale, eine medizinische Ausbildung, die die Menschenwürde verletzen kann, allzu grobes Anbrüllen von Untergebenen auf offener Straße, das ebenso jenseits des Akzeptablen und eine politische Position wie die des terrorverdächtigen Oberleutnants sind und bleiben kritikpflichtig. Da muss eingeschritten werden. Daran kann es keine Zweifel geben. Warum das alles aber nun zu einer Angelegenheit wurde, in der Ursula von der Leyen die Pfeile der Kritik auf sich zieht, hängt mit der Bewältigung dieser Vorgänge zusammen. Wenn da von sexuellen Übergriffen die Rede ist, dann schalten viele gleich auf eine Vergewaltigung, und genau dieses Wort nimmt der neubestellte Aufklärer der Bundeswehr, der Kriminologe Pfeiffer dann auch noch in den Mund. Darum ging es aber gar nicht.

Augenmaß ist verloren gegangen

Die Dimensionen sind aus den Fugen geraten. Und dieses Auseinanderklaffen von Anlass und politischer Debatte hat zu großem Vertrauensverlust in der Bundeswehr geführt. In der politischen Debatte ist langsam das Augenmaß verloren gegangen. Die Bundeswehr hat rund 170.000 Soldaten. Davon sind nicht einmal einhundert betroffen. In diesem Zusammenhang davon zu reden, dass die Bundeswehr ein Haltungs- und ein Führungsproblem hat, trifft den Kern nicht. Es gibt Probleme in den besprochenen Bereichen, vielleicht auch darüber hinaus, wie das in solch geschlossenen Gesellschaften wie einer Armee leider manchmal ist. Aber viele haben Haltung, viele üben Führung, im Grundbetrieb ebenso wie in den Einsätzen. Hier wäre mehr Differenzierung nötig gewesen. Die Kritik, die als Pauschalkritik rüberkam, hat die Truppe massiv demotiviert und zu einer Vertrauenskrise der Soldaten mit der Ministerin geführt. Dieser Befund betrifft eben nicht nur die genannten Standorte mit Problemen, sondern alle. Und es betrifft nicht nur die mittlere und untere Führungsebene, sondern alle Soldaten, auch und besonders die, die sich auf Einsätze vorbereiten oder gerade dort sind.

Ministerin muss sich Vertrauen wieder erarbeiten

Nun ist Krisenmanagement angesagt. Und das hat Ursula von der Leyen nun auf ihre Fahnen geschrieben: Morgen fliegt sie nicht in die USA, sondern zum Standort des inhaftierten Oberleutnants. Und sie hat 100 Generale und Admirale nach Berlin geladen, um mit ihnen die Lage zu besprechen. Nun liegt der Ball in dieser Gruppe. Jetzt hat sie die Möglichkeit, den Mund aufzumachen, um der Ministerin deutlich zu machen, wie sie die innere Lage der Bundeswehr sehen. Manch einer hält sich da oft allzu artig zurück, ein Schelm, wer annimmt, dass das auch etwas mit Karriereüberlegungen zu tun haben könnte. Die Probleme, die die Bundeswehr hat, können nun auf die richtige Dimension gebracht werden. Und damit kann der Boden bereitet werden, dass man diese auch wirksam angehen kann. Es wird jetzt darauf ankommen, dass die Ministerin sich das Vertrauen wieder erarbeitet, dass in den letzten Wochen so stark eingetrübt worden ist.

 

Rolf Clement (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Rolf Clement (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Rolf Clement, geboren 1953 in Stuttgart, studierte Jura in Bonn. Er ist Korrespondent für Sicherheitspolitik beim Deutschlandfunk. Seit 1989 ist er beim DLF. Bis 2007 leitete er die Abteilung Hintergrund. Vor seiner Zeit beim DLF war er Parlamentskorrespondent des NDR in Bonn.

  

 

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