• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 14:35 Uhr Campus & Karriere
StartseiteBüchermarktVon der Lüge30.05.2007

Von der Lüge

Harry G. Frankfurt wettert gegen Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit

"Wir können nicht ohne Wahrheit leben." Aus dieser simpel erscheinenden Kernthese entfaltet der amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt in "Über die Wahrheit" seine Überlegungen. In Miniaturen liegt die Stärke des Buches. Dies betrifft Schilderungen zur Einsamkeit des Lügners und zu den Verletzungen, die er seinem Opfer zufügt.

Von Hans-Jürgen Heinrichs

Pinocchio konnte Lügen nicht verbergen. (Stock.XCHNG Ivana De Battisti)
Pinocchio konnte Lügen nicht verbergen. (Stock.XCHNG Ivana De Battisti)

"Ich beabsichtige hier [...], die praktische und theoretische Wichtigkeit zu erörtern, welche die Wahrheit tatsächlich hat, ob wir nun im allgemeinen so handeln, als erkennten wir das an, oder nicht."

In seiner schmalen Broschüre "Über die Wahrheit" schließt der emeritierte Professor für Philosophie in Princeton, Harry G. Frankfurt, an seine ungemein populär gewordene Arbeit über "Bullshit" an. War sein Anliegen damals gewesen, diese Pseudo-Informationen genauer unter die Lupe zu nehmen, die bloß den Anschein von Wert und Bedeutung vermitteln, in Wirklichkeit aber Schwindel und Blendwerk darstellen, möchte er jetzt einen wesentlichen, damals vernachlässigten Aspekt in den Mittelpunkt rücken.

"Ich hatte es gänzlich unterlassen, so etwas wie eine sorgfältige und überzeugende Erklärung dafür zu geben [...], weshalb denn die Wahrheit für uns eigentlich so wichtig ist oder weshalb uns an ihr besonders gelegen sein sollte."

Im vorliegenden Buch versucht Frankfurt herauszufinden, warum die Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit - charakteristisch für Bullshit - etwas derart Schlechtes ist. In Kleinstkapiteln umgeht der Autor alle Versuche, Wahrheit zu definieren und den Prozess der Wahrheitssuche zu beschreiben. Er konzentriert sich einzig auf die Wahrheit als einer Gegebenheit in ihrem allgemein anerkannten und philosophisch harmlosen Alltagsverständnis. Da verwundert es nicht, dass er geradezu allergisch auf solch feinsinnige Untersuchungen und Infragestellungen objektiver Wahrheit, wie sie von den postmodernen Denkern vorgelegt wurden, reagiert. Sowohl in dieser Hinsicht als auch in seinem Glauben, das Thema Wahrheit völlig unabhängig vom Prozess der Wahrheitsfindung behandeln zu können, schränkt er selbst den Wirkungskreis seiner Überlegungen ein. Auch hat seine These, keine Gesellschaft könne es sich leisten, die Wahrheit zu verschmähen oder zu missachten angesichts der tatsächlich ausgeübten und von der Politik vorgemachten Lügenpraxis wenig Aussagekraft.

Frankfurts Überlegungen entfalten dagegen ihre Bedeutung in kleinen überschaubaren Bereichen, in denen er seine Grundthese, dass Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit fahrlässig und verhängnisvoll sei, entfalten kann.

"Wir können nicht ohne Wahrheit leben. [...] Wenn wir keinen Respekt für die Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch haben, dann können wir unsere vielgepriesene 'Rationalität' eigentlich vergessen. [...] Lügen sind darauf angelegt, unseren Zugriff auf die Realität zu beschädigen."

Dies ist der Grund, warum uns Lügen verletzen und uns in der Regel betrüben oder zornig machen, sobald wir sie aufdecken. Und dies ungeachtet der Tatsache, dass sie zuweilen zum Wohl der Menschen erdacht werden, um sie vor einer schlimmen Nachricht zu schützen. Lügen können also geradezu wohltätig wirken.

"[...] im Grunde glauben wir, dass es noch besser gewesen wäre, wenn sich die wohltätige Wirkung der Lüge dadurch hätte erzielen lassen, dass man bei der Wahrheit geblieben wäre."

Lügen sind darauf angelegt, uns nicht in Kontakt mit dem zu bringen, was wirklich vor sich geht oder geschehen ist. Der Lügner versucht, uns seinen Willen, seine Illusionen und seine imaginäre Weltsicht aufzuzwingen. Aber auch der Lügner selbst bringt sich in eine äußerst missliche Lage; er manövriert sich in eine unsagbare Einsamkeit.

"Die Einsamkeit ist eben deshalb unsagbar, weil der Lügner nicht einmal offenbaren kann, dass er einsam ist - dass in seiner erfundenen Welt niemand wohnt -, ohne dadurch zu enthüllen, dass er gelogen hat. Er verbirgt seine Gedanken, er tut so, als glaube er, was er nicht glaubt, und macht es dadurch anderen Menschen unmöglich, in vollem Kontakt mit ihnen zu stehen."

In solchen Miniaturen liegt die Stärke von Harry G. Frankfurt. Dies betrifft seine Überlegungen zur Einsamkeit des Lügners und zu den Verletzungen, die er seinem Opfer zufügt. Lügen beunruhigen den Belogenen zutiefst, weil er dadurch jeden Glauben an die Vertrautheit und Verlässlichkeit eines Freundes oder Partners verliert. Der Lügner verrät den anderen, und er verrät sich selbst. Solche Reflexionen finden schließlich im vorletzten Kapitel dieses Buches ihre eindrückliche Zuspitzung. Frankfurt geht dabei von Shakespeares Sonett 138 aus:

"Wenn sie mir schwört, sie sei die Wahrheit selbst,
So glaub ich ihr, obgleich ich weiß, sie lügt,
Damit sie in mir einen grünen Jungen sieht,
Der mit der Welt Finessen nicht vertraut.
Indem ich wähn', dass sie für jung mich hält,
Wiewohl sie weiß, was hinter mir schon liegt,
Glaub' einfach ihrer falschen Zunge ich:
So leidet schlichte Wahrheit beiderseits.
Warum verhehlt sie aber, dass sie lügt?
Und warum sag ich nicht, dass alt ich bin?
Der Liebe bestes Teil ist Scheinvertrau'n,
Und Liebe weiß nichts von der Jahre Zahl.
Darum lüg ich sie an und sie mich auch,
Und lügend schmeicheln unsern Fehlern wir.”"

Dieses Sonett legt nahe, dass es so etwas wie ein glückliches gemeinsames Lügen gibt. Sie belügen sich gegenseitig, aber sie täuschen einander nicht, denn die Lüge liegt gleichsam auf dem Tisch, sie ist für beide beruhigend transparent. Sie haben die Gewissheit, dass ihre Liebe durch ihre Lügen nicht beschädigt wird.

""Die Intimität, die sie erzielen, reicht in Winkel ihres Inneren, um deren Geheimhaltung sie sich ganz besonders und möglicherweise mit großem Aufwand bemüht haben. Trotz alledem erkennen sie jedoch, dass sie sich gegenseitig durchschaut haben. Die verborgenen Winkel der beiden sind ausgeleuchtet worden. Die Einsicht beider, dass jeder vom anderen Besitz ergreift und dass diese wechselseitige Aufdeckung ihrer Lügen auf wunderbare Weise ihre Täuschungsmanöver zur Wahrheit der Liebe geführt hat, muss wunderbar köstlich sein."


Harry G. Frankfurt: Über die Wahrheit
Aus dem Amerikanischen von Martin Pfeiffer
Carl Hanser Verlag, München
96 Seiten, 10 Euro

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk