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StartseiteLange NachtVon der Lust am Dialog20.02.2010

Von der Lust am Dialog

Eine Lange Nacht mit dem Hermeneutiker Hans-Georg Gadamer

Am 11. Februar 1900 begann das Lebens eines Mannes, dessen über hundertjähriges Bemühen stilbildend werden sollte: Sein Bemühen um das Verstehen, um das Wort, und darin begründet seine Fähigkeit zum offenen Dialog.

Von Bernd H. Stappert

Seine "philosophischen Lehrjahre" verbrachte Hans-Georg Gadamer in Breslau, Marburg, München und Freiburg. (Stock.XCHNG / Matt Aiello)
Seine "philosophischen Lehrjahre" verbrachte Hans-Georg Gadamer in Breslau, Marburg, München und Freiburg. (Stock.XCHNG / Matt Aiello)

Seine "philosophischen Lehrjahre" verbrachte Hans-Georg Gadamer in Breslau, Marburg, München und Freiburg; als Hochschullehrer wirkte er danach bis zum Jahre 1968 in Marburg, Leipzig, Frankfurt am Main und Heidelberg. Und erst dann, als "emeritus" trat er mit großen schriftlichen Arbeiten an die Öffentlichkeit - Fortsetzungen, ja Entfaltungen jenes Werkes aus dem Jahre 1960, dessen Titel programmatisch bleibt: "Wahrheit und Methode".

Wieder und wieder kreist Hans-Georg Gadamer in Schrift und Wort - und da besonders in der freien Rede - um die Fragen, was gemeint ist und was verstanden wird, versucht in sokratischer Tradition dialogisch zu erheben, was Wahrheit ist.

In Reden und Gesprächen nähert sich die Lange Nacht dem Jahrhundertleben von Hans-Georg Gadamer.


Hans-Georg Gadamer
(* 11. Februar 1900 in Marburg; † 13. März 2002 in Heidelberg) war ein deutscher Philosoph, der durch sein 1960 die philosophische Hermeneutik begründendes Werk Wahrheit und Methode über die Landesgrenzen hinaus bekannt wurde. Gadamer war ein Schüler Martin Heideggers.

Hans-Georg Gadamer "Die Kunst des Verstehens" bei YouTube:
Teil 1
Teil 2



"Was bei einem Gespräch ›herauskommt‹, weiß keiner vorher." Denn die, die ein Gespräch ›führen‹, "die Partner des Gesprächs sind weit weniger die Führenden als die Geführten". Diese Beobachtung, ja diese Erfahrung benennt Hans-Georg Gadamer zu Beginn des dritten Teils seiner großen Schrift "Wahrheit und Methode", dieser "philosophischen Rechenschaftsgabe", mit der er 1960 zu Beginn seines siebten Lebensjahrzehnts an die Öffentlichkeit tritt. Geleitet war die philosophische Bemühung des damals in Heidelberg lehrenden Philosophen von der Gewissheit, "dass die Sprache eine Mitte ist, in der sich Ich und Welt zusammenschließen oder besser: in ihrer ursprünglichen Zusammengehörigkeit darstellen". Dieser Versuch, das Verstehen verständlich zu machen, die Bedeutung der Sprache und die eminente Rolle des Dialogs herauszustellen, hat für Hans-Georg Gadamer den größten Teil seines hundertjährigen Lebens bestimmt. Frühe Erschütterungen werden den Grund gelegt haben für diesen kritischen, diesen diskursiven Umgang mit Erkenntnis und Erfahrung und die daraus entstehende Lust am Dialog: Der frühe Tod der Mutter, die Kriegserfahrung mit den damit verbundenen kulturellen und politischen Umbrüchen und Aufbrüchen, die schwere Polioerkrankung als junger Mann und nicht zuletzt die Begegnung mit Martin Heidegger; "sie wurde für mich eine völlige Erschütterung allzu früher Selbstsicherheit" - einer Gefahr, der wohl jeder ausgesetzt ist, der mit Zweiundzwanzig bereits seinen Doktortitel erwirbt. Die Krisenstimmung der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts und die Auswirkungen des Expressionismus werden das ihre beigetragen haben, aber auch die vorhergehende, langwährende Auseinandersetzung mit dem eigenen Vater, einem Professor für pharmazeutische Chemie, der Leistung und Tüchtigkeit als die Ideale des Lebens ansah, die geisteswissenschaftliche Ausrichtung seines Sohnes jedoch nie zu akzeptieren bereit war. Den aber faszinierten die Geschichte, die griechische Metaphysik, der junge Luther und immer wieder der platonische Sokrates und Augustinus. Nach Marburg, München und Freiburg führten den jungen Hans-Georg Gadamer seine Studien. Marburg, Leipzig, Frankfurt am Main und Heidelberg waren dann seine Stationen als akademischer Lehrer.

Als Hans-Georg Gadamer schließlich 1968 emeritiert wurde, begann seine "zweite Jugend", seine wirklich weltweite Lehrtätigkeit: in Belgien, Italien, Südafrika, Japan, Polen und vor allem immer wieder in Amerika standen seine Lehrstühle, von denen er bis vor wenigen Jahren frei sprechend auf Französisch, Italienisch oder Englisch seine Überlegungen vortrug: "Ich durfte fortfahren, durch Lehren zu lernen, durch Lernen zu lehren ... " Die freie Rede war und ist für Hans-Georg Gadamer auch eine Form des Dialogs, des Zwiegesprächs, denkt doch der Zuhörende mit, mehr noch, da wie dort "sind Gemeinsamkeiten da und Abstände und Erwartungen in bezug auf die Zurechtrückung der eigenen Einseitigkeit". Gesprächsaufnahmen mit Hans-Georg Gadamer aus dem letzten Vierteljahrhundert (die letzte entstand kurz vor seinem Geburtstag) machen diese Lust am Dialog exemplarisch deutlich: Dialog ist geprägt von "Selbstvergessenheit, sich aussetzen, sich zurücknehmen" ist "eine Form von geistiger Neugier, die sich in der schnellen Entwicklung und in der raschen Auffassung und in der überraschenden Umkehrung, die ein Gespräch interessant machen können, auslebt". Im Dialog wird somit eine grundlegende Bedingung menschlicher Ethik offensichtlich, die Unverfügbarkeit der Zeit, die das Innesein bedingt, das Hinhören, das Lauschen auf das, was auf mich zukommt. Und in diesem weiten Sinne von Sprache gilt schließlich der grundlegende hermeneutische Satz von Hans-Georg Gadamer: "Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache."
Bernd H. Stappert


Die Ruprecht-Karls-Universität,
die Heidelberger Akademie der Wissenschaften und das Philosophische Seminar der Universität Heidelberg würdigte Hans-Georg Gadamer mit einem Festakt und einem Kolloquium. Prof. Dr. Dieter Borchmeyer aus dem Germanistischen Seminar der Universität Heidelberg beschrieb das Leben und Wirken des großen Philosophen in dem folgenden Text. GADAMER, DER "ZEIT-WEISE" :
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Eine ausführliche Gadamer-Homepage
von Etsuro Makita

Buchtipps:

Hans-Georg Gadamer
Bd.1 Hermeneutik Tl.1
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. 7.,
2010 Mohr Siebeck
ISBN 3-16-150211-6
ISBN 978-3-16-150211-8 | KNV-Titelnr.: 24529521
Bisherige Ausgabe siehe Titelnr. 1258657

Hans-Georg Gadamer
Gesammelte Werke.
Bd.2 Hermeneutik Tl.2
Wahrheit und Methode. Ergänzungen, Register. Neuaufl. VII,
2000 Mohr Siebeck
ISBN 3-16-146043-X
ISBN 978-3-16-146043-2 | KNV-Titelnr.: 03274545

Hans-Georg Gadamer
Über die Verborgenheit der Gesundheit
Aufsätze und Vorträge.
2010 Suhrkamp
ISBN 3-518-46163-X
ISBN 978-3-518-46163-1 | KNV-Titelnr.: 24180977
Hans-Georg Gadamers Betrachtungen zu Krankheit und Gesundheit, zum Verhältnis von wissenschaftlicher Medizin und einer Heilkunst, die das Ganze im Auge behält, wenden sich über den Kreis der Philosophen und Mediziner hinaus an das Publikum der Patienten also an uns alle. Gadamers Sorge gilt der Beobachtung, daß über den krankheitsfixierten gewaltigen Fortschritten der Medizin der umfassende Zustand der Gesundheit aus dem Blick zu geraten droht und die natürliche Vorsorge für die eigene Gesundheit nur allzu leicht verkannt wird. Daher zeigt er uns, wie wir den "Zustand der inneren Angemessenheit und der Übereinstimmung mit uns selbst" wiederentdecken und zugleich ein gesundes Selbstbewußtsein gegenüber Ärzten entwickeln können.

Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode
Hrsg. v. Günter Figal. Mit Beitr. in engl. Sprache. Hrsg. v. Günter Figal .
2007 Akademie-Verlag
ISBN 3-05-004125-0
ISBN 978-3-05-004125-4 | KNV-Titelnr.: 13807932
In seinem 1960 erschienenen Hauptwerk "Wahrheit und Methode" nimmt Gadamer die bis in die Antike zurückreichende hermeneutische Tradition auf, um vor allem im Anschluss an Hegel und Heidegger eine philosophische Hermeneutik zu begründen. Das Buch brachte seinem Autor internationalen Ruhm, und die philosophische Hermeneutik ist eine der maßgeblichen Konzeptionen der neueren Philosophie geworden. Nach wie vor bildet "Wahrheit und Methode" den Ausgangspunkt für eine philosophische Klärung des Verstehens und seiner von Gadamer behandelten Ausprägungen in Kunst, Geschichte und Sprache.

Der vorliegende Band rekonstruiert und diskutiert in Form eines kooperativen Kommentars, der Gliederung des Werkes folgend, Gadamers Gedankengang, zeigt aber auch die Perspektiven einer Philosophie auf, die sich gegenüber ihrem eigenen hermeneutischen Charakter nicht verschließt.

Hans-Georg Gadamer
Gesammelte Werke, 10 Bde.
1999 UTB Mohr Siebeck
ISBN 3-8252-2115-6
ISBN 978-3-8252-2115-7 | KNV-Titelnr.: 08371981
Wenn sich ein Philosoph im ehrwürdigen Alter von 98 Jahren - genauso alt wie dieses Jahrhundert - daranmacht, ein Buch zu publizieren, das vielleicht sein Erbstück darstellen könnte, dann muß es wichtige Gründe dafür geben. Der Philosoph ist Hans-Georg Gadamer, und das Buch hat mit dem Nachdenken über Ethik zu tun, das sich von Jahr zu Jahr innerhalb und außerhalb der Philosophie verstärkt, denn die klassischen ethischen Fragen Was sollen wir tun, was soll ich tun? sind weniger denn je zu beantworten: Die Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, vor allem was den Umgang mit Technik angeht, sind oft völlig neu, die Kriterien für eine richtige Antwort stehen nicht fest, und ohnehin lassen sich moderne Subjekte nur ungern sagen, was sie zu tun haben.


Nikomachische Ethik VI
von Aristoteles;
Griech.-Dtsch. Hrsg. u. übers. v. Hans-Georg Gadamer.
Klostermann Texte Philosophie
1998 Klostermann
ISBN 3-465-02980-1
ISBN 978-3-465-02980-9 | KNV-Titelnr.: 07429870
Mit dem VI. Buch der "Nikomachischen Ethik" legt Hans-Georg Gadarner einen Haupttext der aristotelischen Philosophie in neuer Übersetzung vor. Mit diesem Gründungstext der praktischen Philosophie, in dessen Zentrum die Klärung des praktischen Wissens der "Phronesis" steht, präsentiert Gadamer einen entscheidenden Bezugspunkt seines eigenen Denkens und damit der von ihm begründeten philosophischen Hermeneutik. Darüber hinaus stellt die aristotelische Konzeption der "Phronesis" auch die maßgebende Grundlage der "Rehabilitierung der praktischen Philosophie" (Rüdiger Bubner) unserer Tage dar. Diese Rehabilitierung setzt schon mit Heideggers Phänomenologie des Daseins ein. Ihr geht es um die zeitgemäße Aneignung der aristotelischen Ethik, geleitet von der Frage, ob nicht die auf die konkrete Situation bezogene praktische Philosophie des Aristoteles der Kantischen Moralbegründung im Rahmen einer am reinen Sollen orientierten Pflichtethik vorzuziehen sei. Diese Fragestellung bildet den H intergrund einer ausführlichen Einleitung sowie eines Nachwortes zur "Begründung der praktischen Philosophie bei Aristoteles", in dem Gadamer die philosophiegeschichtliche Einordnung und inhaltliche Erläuterung eines Textes unternimmt, der sein eigenes Denken entscheidend geprägt hat.

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