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Von der Poesie der Zahlen

Yoko Ogawa: "Das Geheimnis der Eulerschen Formel", Liebeskind Verlagsbuchhandlung

Ein Professor, dessen Gedächtnis nach einem Unfall nur noch exakt 80 Minuten speichern kann, und seine Haushälterin stehen im Mittelpunkt von "Das Geheimnis der Eulerschen Formel". Yoko Ogawas Roman, in Japan über vier Millionen mal verkauft, fragt danach, ob wir die, die uns nahe sind, nicht jeden Tag wieder neu kennen lernen müssen.

Von Simone Hamm

Mathematik gibt dem Professor Halt, ja Geborgenheit (Stock.XCHNG / Aleksandar Milosevic)
Mathematik gibt dem Professor Halt, ja Geborgenheit (Stock.XCHNG / Aleksandar Milosevic)
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An das, was nach seinem Unfall geschehen ist, kann der Professor sich nicht erinnern. Sein Gedächtnis kann nicht mehr als exakt 80 Minuten speichern. Außer dieser kurzen Phase gibt es für ihn nur die Zeit vor 1975. Die Zeit, als er ein brillanter Mathematiker war und Yutaka Enatsu ein berühmter Baseballspieler bei den Hanshin Tigers. Er hat keinen Namen, er ist nicht nur ein Professor, sondern der zerstreute Professor schlechthin. Auf kleinen Zetteln, die an seinem Anzug befestigt hat, hat er alles notiert oder gezeichnet, was er dem Vergessen entreißen will. Eines Tages hängt an seinem Anzug die Zeichnung einer Frau.

Sie ist eine patente Haushälterin, alleinerziehende Mutter. Sie soll dem Professor in seinem maroden Gartenhaus zur Hand gehen, die beiden schäbigen Zimmer putzen und für ihn kochen. Eingestellt hat sie dessen Schwägerin, die im Haupthaus residiert. Auch die Haushälterin hat keinen Namen, sie ist die Haushälterin schlechthin: gewissenhaft, organisiert. Sie wundert sich nicht, fragt nicht, sie nimmt alles hin. Sie ist es, die die Geschichte erzählt. Leise und unaufdringlich.

Der Professor und die Haushälterin sind zwei Menschen, die vollkommen in der Gegenwart leben, die keine gemeinsame Vergangenheit haben, jedenfalls keine, die länger als 80 Minuten andauert. Einmal sagt die Schwägerin von oben herab zur Haushälterin, dass der Professor sich immer an seine Schwägerin erinnern werden, aber niemals an sie.

Jeden Morgen vollzieht sich dasselbe Ritual - der Professor hat die Haushälterin wieder vergessen und stellt ihr Tag für Tag Fragen, die sie mit einer Zahl beantworten soll. Fragen nach ihrer Schuhgröße, ihrem Geburtsgewicht, ihrer Telefonnummer. Und immer weiß er etwas Interessantes zu der jeweiligen Zahl zu sagen. Der Professor hat sich auf Zahlentheorie spezialisiert, der Königin der Mathematik, wie Karl Friedrich Gauß meinte. Es gibt keine Zahl, die nicht eine Bedeutung hat. Der Professor und die Haushälterin haben eine ungewöhnliche Möglichkeit gefunden, einander nahe zu kommen: die Mathematik.

Um das Geheimnis der Zahlen, das Geheimnis der Formeln zu verstehen, meint der Professor, müsse man nicht Mathematik studiert haben:

"Was zählt, ist die Intuition. Wie ein Eisvogel, der jäh in den Fluss hinabtaucht, wenn nur kurz eine Rückenflosse aufblitzt. So muss man auch die Zahlen erfassen."

Er erzählt ihr von Primzahlen, befreundeten Zahlen, Zahlenreihen. In der Welt der Zahlen fühlt er sich geborgen. Mit jeder Formel, die der Professor der Haushälterin erklärt, mit jedem Beweis, den sie zu führen versucht, entsteht eine größere Intimität. Eine Nähe jenseits des Vergessens, das jeden Abend wiederkehrt.

Leise und unaufdringlich erzählt Yoko Ogawa. Zwar ist die Perspektive die der Haushälterin, aber es kommen viele Dialoge vor. In ihrem zarten, eindringlichen Roman lässt Yoko Ogawa den Professor die Zahlen in Poesie verwandeln:

"Wenn die Primzahlen größer werden, nimmt der Abstand zwischen ihnen zu. Es wird dann schwieriger, welche aufzuspüren. (...) Man läuft und läuft und trifft auf keine einzige Primzahl. Es gibt nichts als ein Meer von Sand, soweit man nur blicken kann. Die Sonne brennt erbarmungslos herunter, die Kehle ist schon trocken, und vor Deinen Augen beginnt alles langsam zu verschwimmen. Schließlich glaubt man, eine Primzahl zu sehen. Man rennt los und will danach greifen, doch es ist nur eine Fata Morgana. Nicht mehr als heiße Luft. Trotzdem gibt man nicht auf und taumelt weiter, Schritt für Schritt. Bis schließlich am Horizont die Oase der Primzahl auftaucht, die einem frisches Wasser spendet."

Aber die Mathematik ist nicht nur Poesie, sie gibt dem Professor Halt, ja Geborgenheit. Indem er seine Welt in die Welt der Zahlen fügt, schafft er sich eine lebensnotwenige Ordnung.

Als der Professor erfährt, dass seine Haushälterin einen kleinen Sohn hat, der daheim allein auf sie wartet, ist er empört. Um Kinder müsse man sich kümmern. Fortan kommt auch der zehnjährige Sohn nach der Schule in das kleine Gartenhaus, in dem der Professor lebt. Er nennt den Jungen Root, weil sein Kopf so schnurgerade wie ein Quadratwurzelzeichen sei. Die Wahlfamilie scheint komplett.

Aber natürlich hat Yoko Ogawa lange schon angedeutet, dass diese Idylle nicht von Dauer sein kann.

Es passiert nicht viel in dieser Novelle. Einmal begleitet die Haushälterin den Professor zum Friseur, er soll einmal etwas anderes riechen als Papier. Einmal gehen die drei zu einem Baseballspiel. Einmal laufen die Haushälterin und ihr Sohn von Antiquar zu Antiquar, um ein Sammelbild des großen Baseballspielers Yutaka Enatsu zu finden, dass sie dem Professor schenken wollen. Eines aus der Zeit, an die er noch zurückdenken kann. Sie wissen, wie groß die Freude sein wird, die sie ihm machen wollen. Ansonsten bleiben sie in dem heruntergekommenen Gartenhäuschen.

Kann man eine Frau lieben, an den man sich nach 80 Minuten nicht mehr erinnern kann? Kann man sich fürsorglich um ein Kind sorgen, dass man jeden Tag, wenn es aus der Schule kommt wieder neu kennenlernt?

Yoko Ogawa hat in ihrer klaren, schnörkellosen Sprache ein kleines, sehr stilles Buch geschrieben, indem sie die großen philosophischen Fragen anreißt. Die Frage danach, ob wir heute derselbe Mensch sind wie am nächsten Tag. Und ob wir die, die uns nahe sind, nicht jeden Tag wieder neu kennen lernen müssen. Heraklits Pantha Rei klingt an und seine Frage nach Erfahrung und Erkenntnis. Sind Zeit und Raum real, wie sie es für Isaak Newton waren, oder existieren sie nur als reine Anschauungen im Kantschen Sinne?

Yoko Ogawa: Das Geheimnis der Eulerschen Formel.
Aus dem Japanischen von Sabine Mangold.
Liebeskind Verlagsbuchhandlung, München. 256 Seiten. 18,90 Euro

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