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Seit 02:07 Uhr Kulturfragen
StartseiteCorsoVon der Poesie des Speisedeutsch11.09.2012

Von der Poesie des Speisedeutsch

Corsogespräch mit Axel Hacke über sein neues Buch "Oberst von Huhn bittet zu Tisch"

Axel Hacke gilt als Popstar unter den Kolumnisten. Seit Jahren schreibt er im SZ-Magazin, sein "Kleiner Erziehungsberater" stand zwei Jahre auf den Bestsellerlisten. In seinem Buch "Oberst von Huhn bittet zu Tisch" kredenzt er Speisen wie "Feng Shui vom Schwein" und "Frosh-Enkel".

Das Gespräch führte Thekla Jahn

Der Kolumnist Axel Hacke (dpa/)
Der Kolumnist Axel Hacke (dpa/)

Thekla Jahn: Axel Hacke, als Hors d'oeuvre gefragt: was bitte versteht man unter dem Gericht, das Ihrem Buch den Titel verliehen hat und in Gänze so heißt: Oberst von Huhn breitet sich drastisch in einer Weißweincreme aus mit Penne Nudeln Federn und Parmesankäse?

Axel Hacke Das Gericht heißt im Original: "Supreme of Chicken and Mushroom" und so weiter und so weiter. Und "Supreme" – da ist natürlich im Französischen die "Suprême" gemeint, also ein besonders gutes Teil vom Huhn, die Brust und der Flügel, aber der "Supreme" ist natürlich auch der Oberst, der Supreme Court ist der oberste Gerichtshof – und "Supreme of Chicken" ist dann plötzlich "Oberst von Huhn". Ich weiß nicht, der Übersetzungscomputer hat sich da wahrscheinlich gedacht: Suprême, das ist ja gar kein deutsches Wort, das nehmen wir nicht, da nehmen wir mal das Oberste und dann hat man eben diesen "Oberst von Huhn", der eine wunderbare Figur ist. Jetzt: wieso breitet der sich drastisch aus' Das hat zu tun mit dem Wort "mushroom". Das ist das nächste. Und "mushroom" das ist der Pilz, wie wir alle wissen, aber "mushroom" ist auch ein Verb, das heißt "to mushroom" und das heißt eben sich pilzartig sich wuchernd, sich drastisch ausbreiten. Und so kommt das zustande: Oberst von Huhn breitet sich drastisch aus, wo? In einer Weißweincreme.

Jahn: So gibt es ganz viele Beispiele in Ihrem Buch. Es gibt auch makabere: "Kinder mit Tomatensoße mit zwei Zutaten Ihrer Wahl" oder "Das Ding vom Chef". Sie führen all diese Fehler auf Fehler der Übersetzungsprogramme zurück?

Hacke Naja, früher war es ja immer so, zumindest bei italienischen Restaurants, dass da die Nichte vom Bruder des Chefs, die in der ersten Klasse in der Schule deutsch hat, das dann übersetzt hat oder so was. Heute gibt es ja Übersetzungscomputer und diese Übersetzungscomputer, die möchten schlau sein, die wissen immer alles besser. Das wissen wir ja: Computer wissen immer alles besser. Und so kommt ein Gericht zustande. Und da gibt es wahnsinnig viele solcher Beispiele.

Jahn: Wenn ich das richtig sehe, dann hat es Ihnen sehr viel Spaß gemacht herauszufinden, wie es zu diesen Übersetzungsfehler gekommen ist, die wir dann auf den Speisekarten lesen; auf denen, die Ihnen von Ihren Lesern zugeschickt werden. Die füttern Sie ja mit all den Speisekarten, die sie irgendwo auf der Welt finden , mit all diesen kruden Gerichten, die dabei rauskommen, mit diesen teilunverständlichen oder auch irrwitzigen, manchmal auch poetischen Übersetzungen.

Hacke Ja praktisch jeden Tag kriege ich da ein, zwei drei solcher Mails oder Briefe - und das kenne ich ja schon. Ich hab vor drei Büchern den "Weißen Neger Wumbaba" geschrieben über das Missverstehen von gesungenen Texten. Da haben die Leute mir schon ganz viel geschickt und jetzt schicken sie mir eben diese Speisekarten. Das ist ein Riesenvergnügen, wenn man so mit seinen Lesern zusammenarbeiten kann, wenn man morgens als Erstes die Post aufmacht und als Autor erstmal was zu lachen hat, weil einem die Leser wieder was geschickt haben. Das finde ich irgendwie ganz besonders, dass die Leser nicht mehr nur die Konsumenten eines Buches sind, sondern sie sind sozusagen die Voraussetzung, dass es überhaupt ein Buch geben kann.

Jahn: Ist denn dann so ein Buch schnell geschrieben, weil die Stilblüten, die die Leser einsammeln, liegen ja schon vor?

Hacke Ja das ist das eine, dass man das Material schon hat. Das andere ist, was man aus dem Material macht. Man könnte einfach richtig und falsch gegenüber stellen. Das fände ich ein bisschen langweilig. Ich bin ja keiner von denen, die sagen: das Deutsche muss immer richtig sein oder das Deutsche verfällt. Das finde ich nicht. Ich habe einfach Freude an diesen Fehlern, die ja unser Sprachgefühl in der Regel schärfen und uns zeigen, was man mit unserer Sprache noch so alles machen kann, wenn man nicht immer so furchtbar korrekt wäre. Also für mich ist einfach die Grundthese dieses Buches, dass das Deutsche erst richtig schön, richtig poetisch, richtig witzig wird, wenn es die deutschen Grenzen überschreitet, wenn also das Deutsche im Ausland ist, da wird es erst richtig Deutsch, wenn es befreit ist von Sinn, von Grammatik, von Struktur, von Bedeutung. Da macht das Deutsche plötzlich richtig vergnügen.

Jahn: Jetzt ist die Frage: Wie viel ist denn davon, was sie uns da präsentieren, Dichtung wie viel Wahrheit. Denn bei dem ganzen Soufflé von Verben, all diesen pochierten Präpositionen und gerösteten Substantiven, da fragt man sich ja schon: fußt das immer auf einer tatsächlich eingeschickten Speisekarte, oder haben Sie sich nicht vielmehr inspirieren lassen durch all das, was Sie so gelesen haben, um uns so ein bisschen etwas unterzuschieben, was es in Wirklichkeit gar nicht gibt?

Hacke Nein, nein, nein. Das ist sehr, sehr wichtig. Da ist eigentlich nichts erfunden. Nicht nur eigentlich. Da ist nichts erfunden in dem Buch. Das ist alles wahr. Ich hab das dann auch – soweit es irgendwie ging – nachgeguckt, ob es das Lokal wirklich gibt, selbst wenn das irgendwo in Südamerika liegt. Das lässt sich ja im Internet teilweise recherchieren, ob es das Lokal wirklich gibt. Also das ist tatsächlich alles wahr. Zum großen Teil habe ich sogar ein Foto von dieser Speisekarte oder so etwas. Wenn Sie im Restaurant sind, zücken sie mal unauffällig Ihr Smartphone und fotografieren die Karte und dann geht das per email an mich ab.

Jahn: Vor ein paar Jahren haben Sie mal gesagt, dass ja Internet, neue Medien - dass Sie damit eigentlich gar nicht so viel anfangen können. Ist das ein Kokettieren von Ihnen damit, dass Sie zu alt sind für die neuen Medien - denn sie verwenden Sie ja doch?

Hacke Nein um Himmels willen. Im Gegenteil, ich bin total begeistert von diesen neuen Medien. Wissen Sie, das hat man Leben verändert -im Positiven. So eine Kolumne, wie ich sie schreibe im Magazin der Süddeutschen Zeitung, das kann man eigentlich nur machen, wenn man email und Internet zur Verfügung hat, weil man jederzeit unglaublichen Zugriff auf entlegenstes Material hat. Also schon die Themen dieser Kolumne sind praktisch nur im Internet zu finden. Sie heißt ja: "das Beste aus aller Welt". Also man findet oft eine Geschichte über eine wissenschaftliche Untersuchung, die ein amerikanische Institut gemacht hat: "Wer kriegt zum Beispiel am meisten Trinkgeld' Am meisten Trinkgeld kriegen Kellnerinnen, die rote Sachen anhaben". Das ist erwiesen. Das hat man wissenschaftlich untersucht und das ist irgendwo eine Untersuchung in Amerika. Das ist ein Thema für meine Kolumne. Und so etwas finde ich nur durchs Internet. Das ist das eine. Und das andere ist, dass ich überall schreiben kann. Ich muss nicht in meinem Büro sitzen.

Jahn: Aber so ganz weg vom Buch mit den papiernen Seiten kommen sie nicht, oder?

Hacke Das Buch liebe ich nach wie vor. Also ich könnte mir jetzt nicht vorstellen eine Internetkolumne zu schreiben oder ein Blog. Das ist nicht meine Welt. Also die Grundlagen meines Arbeitens, das hat alles ganz viel mit Internet zu tun, aber veröffentlicht sehe ich das am Liebsten nach wie vor im Buch.

Jahn: Und das Buch, das bei Kunstmann erschienen ist, "Oberst von Huhn bittet zu Tisch", das ist ja auch – nomen est omen – kunstvoll gestaltet. Unprätentiös aber sehr schön eben mit diesen Zeichnungen, wo man dann sieht zum Beispiel eine Zwiebel auf dem Telefonhörer, die Umsetzung der "Onion rings".

Hacke Ja die "Onion rings" von einer griechischen Speisekarte, wo links alles auf Griechisch war, das konnten wir gar nicht lesen, in der Mitte Englisch – da gab es ein Gericht, so ein kleines nebenbei zum Retsina "Onion rings", das hieß im Deutschen dann: "Zwiebel ruft an". Was falsch ist, aber nicht ganz falsch. Denn: "Onion" – die Zwiebel, "to ring" – anrufen: "Onion rings" – Zwiebel ruft an. Und darüber nicht nur zu schreiben und damit zu spielen mit Worten, sondern dazu auch noch so ein schönes Bild zu haben von dieser sprechenden Zwiebel, die da auf dem Telefonhörer steht, das finde ich wahnsinnig gut und das liebe ich – einfach so ein Buch wie dieses jetzt, wenn ich das in der Hand habe mit den Bildern vom Dirk Schmidt – oder sonst mit den Bildern vom Michael Sowa. Oder auch eine gedruckte Kolumne mit einer Illustration. Das habe ich mir immer vorgestellt. Schon Jahrzehnte bevor ich es dann machen konnte und durfte, habe ich es mir immer gewünscht, so möchte ich es mal machen. Und das ist das Schöne an so einem Verlag wie dem Kunstmann- Verlag, dass man da so viel umsetzen kann. Die machen Bücher wirklich liebevoll und detailverliebt. Und da merkt man an jeder Seite den Spaß an der Arbeit.

Jahn: Kommen wir zum Dessert. Welche der Wortkompositionen des Speisedeutsch hat Sie unlängst auf einer Karte in Verzückung gebracht?

Hacke Also das ist gar nicht in meinem Buch drin. Da hat mir jetzt gerade wieder vor ein paar Wochen ein Leser geschrieben, der war im Elsass und da hat der auf einer Karte entdeckt "Froshenkel". Also da fehlt einmal "sch". Und dann "Frosh-Enkel", das finde ich, das hat dieses überraschende. "Frosh-Enkel" – schon in der dritten Generation dieses zarte Fleisch – das gefällt mir gut. Ich habe in meinem Leben noch nie was vom Frosch gegessen, ich würde auch nie einen Frosch essen – Froschenkel schon gar nicht – würde ich niemals essen, aber als Wort gefällt es mir wahnsinnig gut. Super.

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