Kultur heute / Archiv /

 

Von der Schrankwand ins Netz

Brockhaus geht online

Moderation: Doris Schäfer-Noske

Blick in ein Bücherregal einer Bücherei.
Blick in ein Bücherregal einer Bücherei. (Stock.XCHNG / Paul Ijsendoorn)

Der Brockhaus-Verlag stellt seine komplette Enzyklopädie künftig zur freien Verwendung ins Internet. Man habe feststellen müssen, "dass ein Markt für klassische Nachschlagewerke schlicht nicht mehr im Print ist, sondern online", sagte Verlagssprecher Klaus Holoch. Das Angebot werde sich durch Werbung finanzieren.

Doris Schäfer-Noske: Eine Lehrerin wollte mal wissen, ob ihre Schüler die "Schachnovelle" von Stefan Zweig wirklich gelesen hatten, also stellte sie Fragen zum Inhalt. Vorher las sie aber im Internet den einschlägigen Eintrag bei Wikipedia, und dann überlegte sie sich Fragen, auf die man dort keine Antwort findet.

Nicht nur bei Schülern ist es üblich geworden, sich im Internet zu informieren, zu spüren bekommen das auch die Herausgeber der großen Lexika. Denn Nachschlagewerke, die einen Besitzer lebenslang begleiten sollen, verlieren ihren Wert gegenüber den ständig aktualisierbaren und erweiterbaren Konkurrenten. Brockhaus hat nun Konsequenzen gezogen. Der Verlag gab bekannt, seine komplette Enzyklopädie Mitte April ins Netz zu stellen und den Abruf der Einträge kostenfrei zu ermöglichen.

Klaus Holoch ist Pressesprecher beim Brockhaus-Verlag. Frage an ihn, Herr Holoch, heißt das denn, dass es die 22. Auflage der Brockhaus-Enzyklopädie gar nicht mehr geben wird?

Klaus Holoch: Im Moment gehen wir davon aus. Das tut natürlich weh. Wir kommen natürlich aus einer Lexikontradition von 202 Jahren, und es gab immerhin 21 Auflagen der Großen Brockhaus-Enzyklopädie, die letzte kam 2005. Jetzt müssen wir aber feststellen, dass dieses Thema bei den Kunden ganz stark ins Internet wandert. Das heißt, nachschlagen wollen die Menschen künftig online. Und jetzt müssen wir uns einfach dieser neuen Situation stellen und bringen deshalb am 15. April selber ein großes Online-Portal "Brockhaus Online". Und das heißt, dass jeder auf unsere Substanz künftig kostenlos zugreifen kann.

Schäfer-Noske: Wie soll das Ganze denn finanziert werden?

Holoch: So wie die meisten Internetportale, die sich mit Informationen beschäftigen, es wird ein werbefinanziertes Modell sein. Und wir glauben, dass die Brockhaus-Substanz so attraktiv ist im Netz, dass sehr, sehr viele Menschen draufgehen werden auf dieses Angebot und dass wir damit auch die Werbeerlöse erzielen, die wir brauchen, um die Redaktion und das Unternehmen auch für die Zukunft zu sichern.

Schäfer-Noske: Aber Werbung, widerspricht das denn nicht der Seriösität von Brockhaus?

Holoch: Na, die Werbung wird natürlich klar abgetrennt sein von den Inhalten. Aber ich halte auch jede Tageszeitung für seriös, und da ist natürlich auch zwischen den Artikeln irgendwo eine Anzeige. Bei uns wird es nicht zwischen den Artikeln sein, sondern, wie das im Web üblich ist, an den Seiten.

Schäfer-Noske: Sie haben immer wieder Versuche gestartet, die Brockhaus-Bände attraktiv zu halten. Die Einbände wurden zum Beispiel auch von Armin Müller-Stahl künstlerisch gestaltet. Ist das jetzt eine Kapitulation vor Wikipedia?

Holoch: Nein, wir haben mehrmals die Versuche gestartet, wir haben die Einbände und das ganze Produkt attraktiv gemacht. Trotzdem müssen wir feststellen, dass ein Markt für klassische Nachschlagewerke schlicht nicht mehr im Print ist, sondern online, und damit müssen wir uns auseinandersetzen. Und das hat auch nichts mit Wikipedia zu tun, sondern das hat mit der kompletten Entwicklung im Internet zu tun, man findet auch über Google sehr viel. Und wir müssen künftig sicherstellen, dass die Nutzer Inhalte auch von Brockhaus finden. Wir setzen auch im Internet auf gesichertes, auf richtiges Wissen, und wir setzen auf Themen wie Relevanz und Sicherheit. Das heißt, bei uns wird nichts manipulierbar sein.

Schäfer-Noske: Liegt diese Entwicklung vielleicht auch daran, dass man heute die Welt gar nicht mehr in so und so viel Bänden erklären kann?

Holoch: Na gut, wir haben ja das Stichwort Relevanz, wo wir ein Stück weit natürlich auch mitbestimmen können, was kommt rein und was ist nicht drin. Allerdings haben Sie natürlich Recht, man kann im Internet natürlich weitaus ausführlicher und umfangreicher letztlich Dinge darstellen, das werden wir sicherlich nutzen. Dabei muss aber die Übersichtlichkeit auch gewahrt bleiben. Wir werden uns verstehen als Navigator in dieser Wissenswelt.

Schäfer-Noske: Ist es denn geplant, die Enzyklopädie auch online zu aktualisieren?

Holoch: Ja, natürlich. Selbstverständlich muss da täglich dran gearbeitet werden. Und wenn jemand stirbt, oder wenn jemand neu gewählt wird, dann muss das natürlich sofort drin sein - allerdings erst in dem Moment, wo das amtliche Wahlergebnis auch tatsächlich feststeht.

Schäfer-Noske: Inwieweit wird denn die Online-Enzyklopädie auch andere Schwerpunkte setzen vielleicht als das Buch?

Holoch: Wir haben natürlich die Grundsubstanz, das ist die klassische Brockhaus-Enzyklopädie, es sind zusätzliche Substanzen reingekommen, unsere ganzen Sachlexika und Substanzen, die wir dazugekauft haben. Das heißt, wir werden diesen klassischen Bildungsbegriff ausbauen. Und es wird auch Themen geben, die Sie bisher bei Brockhaus noch nicht gefunden haben, aber darüber sprechen wir dann am Loungetag, am 15.4., da möchten wir ja das Kind ja auch noch mal attraktiv machen, nicht schon heute.

Schäfer-Noske: Es geht ja da auch um die mediengerechte Aufbereitung, man kann das ja dann auch mit Bildern, mit Filmen, wird es so was auch geben?

Holoch: Ja, selbstverständlich. Das ist ja die große Chance im Internet, dass Sie ungezählt Bildmaterial letztlich zeigen können, wenn Sie es denn haben. Wir werden mit den großen Bildagenturen zusammenarbeiten, und wenn Sie dann den Eifelturm sich anschauen, können Sie aus unzähligen Bildern letztlich wählen, was Sie da sehen möchten. Das heißt, wir werden zum Start über vier Millionen Bilder auf "Brockhaus Online" zu sehen ermöglichen.

Schäfer-Noske: Brockhaus stellt seine Enzyklopädie ins Netz. Das war der Verlagssprecher Klaus Holoch.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

Gesprächsreihe "Kunst auf Lager"Retter der verborgenen Schätze

Im Lager des Kunstarchivs in Beeskow (Aufnahme von 2010)

Ein großer Teil der Bestände öffentlicher Sammlungen lagert verborgen in Kellern und Depots - häufig unter schlechten Bedingungen. Viele von ihnen drohen der Kunst- und Kulturgeschichte verloren zu gehen, wenn sie nicht gerettet werden. Die Initiative "Kunst auf Lager" setzt sich für die verborgenen Schätze ein.

Schauspiel StuttgartPsychogramm der Mutterliebe

Ein Klavier.

Mit "Herbstsonate" inszeniert Jan Bosse am Schulspiel Stuttgart elegant und einfallsreich einen Ingmar Bergmann-Film. Es geht um ein Duell zwischen Mutter und Tochter, beide Pianistinnen, das sich zu einem wahren Psychothriller auswächst.

Besucherrekorde in deutschen Museen "Das Museum muss emotional ansprechen"

 

Kultur

Zum Tod von Udo Jürgens Schlichte und tiefe Wahrheiten

Der Sänger und Komponist Udo Jürgens bei einem Konzert im Oktober 1986

Mit seinem aktuellen Album "Mitten im Leben" wollte der 80-jährige Schlagerstar im Februar wieder auf Tournee gehen. Für manche waren Udo Jürgens' Lieder ein wenig banal, den Fans hingegen sang er aus der Seele.

Theaterstück "Farbenblinde Arbeit" Kreativwirtschaft, Kunstbetrieb, Knast

Dietmar Dath (r) und Johannes Frisch (am Bass) von der Gruppe "The Schwarzenbach"

Gentechnik und die Hofer Filmtage, Missstände im Strafvollzug, Rot-Grün-Blindheit und der Feminismus - all diese Themen bringt der Autor Dietmar Dath in seinem neuen Stück "Farbenblinde Arbeit" zusammen, das in Mannheim uraufgeführt wurde.

HochschulpolitikBundesrat stimmt Lockerung des Kooperationsverbots zu

Der Bundesrat kommt heute in Berlin zur letzten Sitzung vor der Wahl zusammen

Bund und Länder dürfen bei der Förderung der Hochschulen künftig enger zusammenarbeiten. Das entsprechende Gesetz passierte heute den Bundesrat in Berlin. Die Grundgesetzänderung zur Lockerung des sogenannten Kooperationsverbotes beschloss die Länderkammer einstimmig.