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StartseiteEuropa heuteVon der Wiege bis zur Bahre10.03.2010

Von der Wiege bis zur Bahre

Eine Deutsch-Griechin berichtet über die fest verwurzelte Korruption im griechischen Alltag

Eine Hörerin des Deutschlandfunk - in Athen geboren, seit vielen Jahren wohnhaft in Deutschland - hat ihre eigenen Erfahrungen mit der griechischen Korruption gemacht. Sie begleitet einen von der Wiege bis zur Bahre - berichtet die engagierte Deutsch-Griechin.

Von Ursula Welter

Griechische Zeitungen schreiben über  den Tag der Ankündigung von massiven Einschnitten durch Papandreou:  "Schock" (AP)
Griechische Zeitungen schreiben über den Tag der Ankündigung von massiven Einschnitten durch Papandreou: "Schock" (AP)

Eine Hörerin des Deutschlandfunk. In Athen geboren, seit vielen Jahren wohnhaft in Deutschland, mehrfach im Jahr besucht sie ihre Familie in Griechenland. Den Brief schreibt die Hörerin unter dem Eindruck einer Hintergrund-Sendung, die sie gehört hat – eine Hintergrundsendung im Deutschlandfunk über "Griechenland in der Krise".

Mit großem Interesse aber auch mit viel Schmerz habe ich Ihre Sendung gehört. Schmerz war dabei, weil ich gebürtige Griechin mit deutschem Pass bin. Sie können sich vorstellen, dass es nicht leicht zu verkraften ist, aus einem Land zu kommen, das nur kritisiert wird. Leider aber zurecht.

Der Brief ist mit viel Engagement geschrieben und er handelt von Enttäuschung. Enttäuschung über eine zutiefst marode Gesellschaft:

Bei der Steuerhinterziehung, die Sie in Ihrer Sendung erwähnen, geht es nicht nur um die sogenannten Reichen. Sondern um jeden einzelnen Bürger, stets und ständig.

Beispiel Gesundheitswesen:

Mein Vater hatte vor fünf Jahren sein Bein gebrochen, vor zwei Jahren einen Schlaganfall. Was wir an Barem in beiden Fällen zahlen mussten, kann sich hier in Deutschland niemand vorstellen.

Der Vater, so schildert die Deutschlandfunk-Hörerin, sei in Athen in einem auf orthopädische Leiden spezialisierten Krankenhaus operiert worden.

Der festangestellte Chirurg des Krankenhauses hat von uns 2000 Euro bekommen, damit er meinen Vater operiert und ihn aus dem Sechs-Bett-Zimmer nimmt und ihn in einem Zwei-Bett-Zimmer unterbringt. Erst, nachdem wir ihm das Geld versprachen, hat er die genannten Leistungen erbracht. Ich weiß von Verwandten und Bekannten, dass Ärzte, die nicht willig sind, das sogenannte "Fakelaki", das Briefumschlägchen mit dem Schmiergeld anzunehmen, dass diese Ärzte von Patienten gemieden werden.

Nach dem Motto: Wer kein Schmiergeld verlangt, muss ein schlechter Arzt sein.

Sie ziehen es vor, zu einem "richtig tickenden" Arzt zu gehen.

Aber nicht nur die Ärzte in Griechenland bekommen Geld an der Steuer vorbei:

Weil es nicht genug Krankenschwestern gibt, die die Patienten versorgen, vermittelt das Krankenhaus selbst Personen, die die Patienten pflegen. Eine solche Krankenschwester bekommt zehn Euro die Stunde, da sind also locker jeden Tag mindestens 100 Euro weg. Sie bekommt das Geld bar und stellt keine Quittung dafür aus.

Aber auch die niedergelassenen Ärzte, so berichtet die Frau in ihrem Brief an den Deutschlandfunk, seien kaum ehrlicher. Für jeden Besuch eines Arztes würden in Griechenland zwischen 70 und 100 Euro verlangt. Jede zusätzliche Untersuchung koste auch zusätzlich. Ein Bekannter habe ihr berichtet, er habe dem Chirurgen für die Herzbehandlung seines Vaters 7000 Euro geben müssen.

Denken Sie bitte nicht, dass dies alles nur von Reichen bezahlt wird. JEDER muss diese Kosten auf sich nehmen. Notfalls verkauft man sein Eigentum. Man sagt in Griechenland, dass man für die Gesundheit und die Bildung bezahlen muss. Das weiß man, deswegen spart man ein ganzes Leben lang und hat zwei oder drei Nebenjobs.

Und nicht nur das griechische Gesundheitswesen sei marode. Auch das Schulsystem sei schlecht, deshalb gäbe es die vielen Nachhilfeinstitute, in denen die Kinder nach dem Besuch der offiziellen Schule mindestens vier Stunden täglich verbringen müssten.

Die Kinder werden dort von den Lehrern unterrichtet, die vormittags in den öffentlichen Schulen den mangelhaften Unterricht leisten. Die Lehrer werden dort schwarz beschäftigt und die Eltern bezahlen pro Jahr mehrere Tausend Euro schwarz, damit ihre Sprösslinge eventuell einen Studienplatz in den schlechten Universitäten bekommen. Alles an der Steuer vorbei.

Nahezu alle Bereiche des griechischen Wirtschaftslebens seien davon geprägt und darauf ausgerichtet das Zahlen von Steuern zu umgehen:

Wenn Sie einen Handwerker für eine Leistung nach Hause bitten, bezahlen Sie bar mindestens 50 Euro, egal wie lange er bei Ihnen gewerkelt hat. Selbstverständlich ohne Quittung oder nachfolgende Rechnung. Wenn Sie diese verlangen, wird Sie das nicht nur mehr Geld kosten, sondern der Handwerker kommt entweder schon an diesem Tag nicht oder künftig nie wieder.

Steuerhinterziehung, die sich wie ein roter Faden durch das ganze Leben eines jeden Griechen ziehe, bis ans Lebensende und - wie sich in diesem Fall zeigte - darüber hinaus:

Als mein Vater starb, mussten wir ein Bestattungsunternehmen besorgen. Als wir zur Bezahlung kamen, hat der Bestatter zwei Alternativpreise angeboten: 4500 Euro mit Mehrwertsteuer, oder 3000 Euro ohne Mehrwertsteuer. Bei der zweiten Variante bot er uns eine Quittung über 1500 Euro an, die wir dann bei der Rentenkasse hätten einreichen können, um das Geld zurückzubekommen.

Die Maßnahmen der griechischen Regierung, so schließt die Deutschlandfunk-Hörerin ihren Brief an die Redaktion, seien wohl aussichtslos, denn ein Volk und seine Mentalität ändere sich so rasch nicht . Vor allem gelte in Griechenland das Prinzip, dass immer "die Anderen" schuld seien: Die EU, die NATO, die Amerikaner. Und doch, so schreibt die gebürtige Griechin mit deutschem Pass, sei ihre Heimat eine Reise wert:

Fahren Sie trotzdem hin zum Urlaub. Ein schönes Land bleibt es weiterhin!

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