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StartseiteBüchermarktVon einer verlassenen Tochter03.11.2010

Von einer verlassenen Tochter

Betina Gonzales: "Nach allen Regeln der Kunst", Hoffman&Campe

Der Roman "Nach allen Regeln der Kunst" stand in Argentinien monatelang auf der Bestsellerliste. Es geht darin um eine junge Frau, deren Vater früh in ihrem Leben verschwunden ist. Bei ihrer Suche nach ihm begegnet sie den vielen Verflossenen ihres Vaters.

Von Ursula März

Betina Gonzales, "Nach allen Regeln der Kunst" (Deutschlandradio)
Betina Gonzales, "Nach allen Regeln der Kunst" (Deutschlandradio)

Jeden Donnerstagnachmittag ist in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires auf der Plaza de Mayo das gleiche Ritual zu sehen, seit dem Jahr 1977: Eine Gruppe meist älterer Frauen umrundet eine halbe Stunde lang mit weißen Kopftüchern stumm den Platz. Es sind Frauen der Organisation "Madres de la Plaza de Mayor", die seit über dreißig Jahren gegen das Verschwinden ihrer Kinder oder Ehemänner unter der argentinischen Militärdiktatur protestieren, beziehungsweise an dieses Unrecht erinnern.

Dieses spurlose Verschwindenlassen von Menschen, die buchstäblich von der Straße weg in Autos gezerrt und entführt wurden, war eines der wichtigsten Machtinstrumente, derer sich die Militärs nach dem Putsch im Jahr 1976 bedienten. In der argentinischen Gegenwartsliteratur spielen die Tragödie der verschwundenen Menschen und das Trauma ihrer Angehörigen eine unübersehbare Rolle, meist als politisch-zeitgeschichtliche Ereignisse. Die 38-jährige Schriftstellerin Betina Gonzales verwendet in ihrem Roman "Nach alle Regeln der Kunst" das Motiv des Verschwindens in abgeleiteter Form. Sie erzählt die Geschichte einer Tochter, deren Vater aus ihrem Leben verschwand, als sie noch ein Kind war und die nur noch schemenhafte, matte und höchst unverlässliche Erinnerungen an ihn besitzt, so, als hätte es ihn eigentlich nie gegeben, als wäre er nicht mehr als ein Phantom. Er verschwand allerdings nicht, weil Schergen der Militärs ihn entführt hätten, sondern weil er den Verführungen anderer Frauen nicht widerstehen konnte, sich bei seiner Ehefrau und den beiden Töchtern immer seltener blicken ließ und irgendwann einfach gar nicht mehr.

Eines Tages steht die Ich-Erzählerin, die nun erwachsene Tochter Claudia, in der Wohnung einer ehemaligen Balletttänzerin, die ihre Wohnung auflöst und ihre Einrichtung Stück für Stück verkauft. Unter anderem bietet sie eine kleine Statue an, die skurrile, fast parodistische Abbildung eines ausladenden Frauenkörpers an. Der Gegenstand dient in dem Roman als symbolisches Objekt des Erinnerns, als Gedächtnisschlüssel wie die Proust´sche Madeleine, denn Claudia erkennt die Statue als das Werk ihres Vaters, von dem sie weiß, dass er Bildhauer und Maler war. Ohne sich zu erkennen zu geben, fragt sie die alte Ballerina aus, erfährt, dass sie eine der Liebhaberinnen war, wegen derer der Schürzenjäger, und Lebenskünstler Fabio Gemelli die Familie einst verließ.

Claudias Nachforschungen ziehen nun immer weitere Kreise, sie gibt sogar eine Zeitungsanzeige auf, mit deren Hilfe sie - unter dem Vorwand, Kunstwerke des Vaters zu suchen oder selbst anzubieten, all die Frauen kennenlernt und ausfragt, die mit dem Vater liiert waren und mehr über ihn wissen als sie selbst. Auf einer übertragenen, ironischen Ebene gleichen diese Frauen, die sich um den abwesenden Romanhelden herum bewegen, den Madres de la Plaza Mayor, deren öffentliches Ritual jeden Donnerstag an die Verschwundenen des Militärregimes erinnert.

"Nach allen Regeln der Kunst" ist ein postmodern beeinflusster Roman, er macht die Produktion seiner Geschichte und seiner Materialbeschaffung selbst zum Thema. Jede der Frauen, die Claudia auf ihre Zeitungsanzeige hin findet, ist eine Geschichtenlieferantin, eine Zeugin für das Verschwinden des Bildhauers aus seiner Familie. Aber jede liefert ein etwas anderes Bild von ihm, denn jede hat in ihrer Liason mit Fabio Gemelli eine andere Erfahrung gemacht. Am Ende gibt es Variationen der Wahrheit, diese selbst nicht. "Nach allen Regeln den Kunst" ist literarisches Spiel - das große Vorbild der klassischen Moderne, Julio Cortazars "Rayuela" wird ausdrücklich ein paar Mal erwähnt - ein verspielter Reflexionsroman einer jüngeren argentinischen Schriftstellergeneration.

Betina Gonzales: "Nach allen Regeln der Kunst", Roman, Hoffman&Campe, 2010, aus dem Spanischen von Hans Grzimek, 188 Seiten, 19,80 Euro

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