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Von finanziellen und moralischen Bankrotten

Buch der Woche: "Kapital" von John Lanchester, Klett-Cotta

Von Sacha Verna

"Kapital": London als Bühne für den Zustand der westlichen Welt.
"Kapital": London als Bühne für den Zustand der westlichen Welt. (AP Archiv)

Die Anwohner der Pepys Road in Süd-London spielen die Hauptrolle in dem aktuellen Roman von John Lanchester. Die Straße dient als Spiegel der westlichen Welt schlechthin. Mikrokosmos und Makroökonomie treten im Roman zum gemeinsamen Twist an.

Es gibt zwei Arten von Geld: die konkrete und die abstrakte. Konkret sind die fünf Cent, die ein Kind nach der Schule für eine riesige rosa Kaugummikugel am Kiosk ausgeben darf. Oder die 100 Euro, die einen Autofahrer ein neuer Reifen kostet. Abstrakt ist die griechische Staatsverschuldung. Abstrakt ist das Auf und Ab an der Börse – obwohl oder gerade weil es wie ein Naturereignis verfolgt und kommentiert wird.

Ob man es mit konkretem oder abstraktem Geld zu tun hat, hängt von der Größe der Beträge ab, um die es geht. Aber nicht nur. Geld beginnt sich ins Reich des Konzeptuellen und Ideellen zu verflüchtigen, sobald es zum Synonym von Wert wird. Wert ist eine Fata Morgana. Er existiert und zugleich nicht. Man spricht bei diesem Phänomen gelegentlich auch von Kapital. Seine Berechnung beruht auf einem System, das zu ungleichen Teilen aus Algorithmen und Willkür besteht. Facebook ist an einem Tag 100 Milliarden Dollar wert, an einem anderen nur noch 50 Milliarden. Edward Munchs Bild "Der Schrei" wird für 119,9 Millionen Dollar versteigert und damit zum wertvollsten Auktions-Gemälde aller Zeiten. Was hat das zu bedeuten? Dass "Der Schrei" ein ganz besonders wichtiges Kulturgut ist? Dass ein Munch aber dennoch nur ein Stäubchen Facebook ist?

Das Rezept für diese Suppe von Nullen stammt vom Menschen. Doch mit dem Auslöffeln kommt er längst nicht mehr nach. Manchmal steigen in der Brühe auch Immobilienblasen auf, die platzen.

Jetzt war die Geschichte jedoch mit einer ganz erstaunlichen
und unerwarteten Wendung über die Anwohner der Pepys Road
hereingebrochen. Das erste Mal seit Entstehen der Straße waren
die Menschen, die in ihr lebten – nach globalen und womöglich
auch lokalen Maßstäben – reich. Ihr Reichtum ergab sich einfach
und allein aus der Tatsache, dass sie in der Pepys Road wohnten.
Sie waren reich, weil wie durch ein Wunder alle Häuser in der
Straße nun Millionen von Pfund wert waren.


Das ist das wertvolle Kapital, über das John Lanchester in seinem gleichnamigen Roman schreibt:

Bisher war die Pepys Road von der Art Leuten bewohnt worden,
für die sie auch gebaut worden war: aufstrebende, nicht besonders
wohlhabende Leute. Sie waren froh gewesen, hier leben zu können,
und dass sie hier lebten, war ein Teil ihrer zielstrebigen Bemühungen,
etwas Besseres aus sich zu machen und für sich selbst
und ihre Familien mehr Wohlstand zu schaffen. Die Häuser selbst
hatten in ihrem Leben nur einen Platz im Hintergrund eingenommen.
Sie waren zwar ein wichtiger Teil des Lebens gewesen, aber
eben nur die Bühne, auf der sich die Handlung abspielte, und nicht
die Hauptdarsteller selbst. Jetzt aber wurden die Häuser für die
Menschen, die bereits darin wohnten, so wertvoll und für die, die
gerade erst einzogen, so teuer, dass die Gebäude selbst die Rolle
von Hauptdarstellern übernahmen.


Die Pepys Road ist eine Straße im Süden von London und das Jahr 2008. Die Häuser ersetzt John Lanchester als Hauptdarsteller bald durch die Anwohner der Pepys Road. Darunter Roger und Arabella Yount, er ein Banker, sie Mutter und ständig zum Shoppen-Außer-Haus-Frau. Die Kamals, Immigranten aus Pakistan, die einen Zeitungsladen betreiben und auch Marmite und Batterien im Angebot haben. Sowie Petunia Howe, eine Witwe und der älteste Mensch in der Pepys Road, die in ihrem Haus geboren worden ist. Sie alle und ihre Nachbarn verbindet, ohne dass sie es allerdings zunächst ahnen, eine Reihe mysteriöser Postkarten.

Wir wollen, was ihr habt.

…steht ohne Absender auf der Rückseite von amateurhaften Aufnahmen der Häuser der jeweiligen Adressaten. Bedrohung liegt in der Luft.

Die Pepys Road heißt nicht zufällig so. "Es ist hübsch zu sehen, was Geld bewirkt", notierte Samuel Pepys 1667 in sein berühmt gewordenes Tagebuch. Dieser Schürzenjäger und Gourmand, dieser Chronist Londons und Meistermauschler ist dem Autor von "Kapital" nicht unähnlich. Über John Lanchesters amouröse Erfolge ist zwar wenig bekannt. Aber dass der 50-jährige Londoner kulinarische Genüsse zu schätzen und kreativ zu nutzen weiß, bewies er 1996 mit seinem gefeierten Debüt "Die Lust und ihr Preis", einem köstlichen Roman über einen mörderischen Feinschmecker. Dass er das Geben und Nehmen nicht nur auf gastwirtschaftlicher Ebene studiert hat, zeigte Lanchester kürzlich in "Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner jemals etwas zurückzahlt", einer luziden Erörterung der Hintergründe, der noch immer nicht ausgestandenen internationalen Finanzkrise.

In "Kapital" stellt die Pepys Road London im Kleinen dar. Hier treffen einige der unterschiedlichen Schichten und Schicksale aufeinander, die diese Stadt ausmachen. London wiederum dient John Lanchester als Spiegel der westlichen Welt schlechthin. Mikrokosmos und Makroökonomie treten an zum gemeinsamen Twist.

In einem Prolog, vier Teilen und 107 kurzen Kapiteln erzählt John Lanchester von den Ereignissen in der Pepys Road zwischen Dezember 2007 und November 2008.

An einem regnerischen Tag Anfang Dezember saß eine 82-jährige Frau in ihrem Wohnzimmer in der Pepys Road Nummer 42 und schaute durch ihre Spitzenvorhänge auf
die Straße hinaus. Ihr Name war Petunia Howe, und sie wartete
auf den Lieferwagen von Tesco.


So fängt an, was mit den Schlagzeilen über den Untergang von Bear Stearns und der Lehman Brothers enden wird.

Der Besitzer des Hauses gegenüber von Petunia Howe, Pepys
Road 51, befand sich an seinem Arbeitsplatz in der City. Roger
Yount saß am Schreibtisch in seiner Bank, Pinker Lloyd, und rechnete. Er versuchte herauszufinden, ob sein Bonus dieses Jahr die Summe von einer Million Pfund erreichen würde.


Roger Yount sitzt dem Kapital in diesem Roman am nächsten und rechnet trotzdem komplett am richtigen Resultat vorbei.

Ahmed Kamal, dem der Laden in Hausnummer 68 am Ende der
Pepys Road gehörte, wurde um 3.59 Uhr morgens wach, genau
eine Minute bevor sein Wecker klingelte. Durch lange Übung war
er in der Lage, seine Hand auszustrecken und den Knopf auf der
Digitaluhr herunterzudrücken, ohne dabei ganz aufzuwachen.
Dann rollte er wieder auf die andere Seite und schmiegte sich an
seine Frau Rohinka, die noch in völligem Tiefschlaf versunken
war.


John Lanchester öffnet Fenster um Fenster in die Seelen und den Alltag seiner beinahe zwei Dutzend Protagonisten. In einem Kapitel blickt man ins Innere von Nummer 27, wo gerade alles für die Ankunft eines 17-jährigen Fußballtalents aus Senegal vorbereitet wird. In einem anderen Kapitel begleitet man eine Asylbewerberin aus Simbabwe, die illegal als Hilfspolizistin arbeitet und in der Pepys Road nach falsch geparkten Aston Martins Ausschau hält.

Die häufigen Szenenwechsel bringen Abwechslung. Zudem tragen die Bekannten und Verwandten der Pepys Road-Bewohner, die man auf diese Weise kennenlernt, das Ihre zum kaleidoskopischen Ganzen bei, zu dem der Roman anwächst. Bogdan zum Beispiel, der polnische Handwerker, der eigentlich Zbigniew Tomaschewski heißt und in Häusern der Pepys Road verschiedene Aufträge erledigt:

Zbigniew fand, dass etwas
von Grund auf nicht stimmte mit diesem Land. Es gab all diese
Arbeit und all dieses Geld, das übrig blieb und nur darauf wartete,
dass jemand kam und es einkassierte, fast so, als läge es auf der
Straße. Aber das war nicht sein Problem. Wenn die Engländer
Arbeit und Geld zu verschenken hatten, dann sollte ihm das nur
recht sein.


Oder Smitty...

…der Performance- und Installationskünstler und die Allround-
Legende der gesamten Kunstwelt…


…der eigentlich Graham Leatherby und Petunia Howes 28-jähriger Enkel ist und John Lanchesters Version von Banksy, dem britischen Graffiti-Guerillero, den die einen für ein Genie, die anderen für einen Vandalen halten. Smitty erweist sich vor allem als narzisstischer Kunst-Kasperl. Sein größtes Kapital ist seine Anonymität. Als seine Identität bekannt wird, geht Smitty Pleite. Alle haben in diesem Roman etwas zu verlieren. Womit wir wieder beim Bankrott wären, auf den "Kapital" hinausläuft. Oder hinauszulaufen scheint.

Denn ganz so simpel strickt John Lanchester nicht. Finanzielle Bankrotte taugen als Motoren. Doch für den Kitzel auf belletristischen Achterbahnfahrten sorgen moralische Bankrotteure und ihre strahlenden Gegenentwürfe und alle Schattierungen dazwischen.

Die Viktorianer liebten sogenannte "Condition-of-England"-Romane. Das waren Romane, deren Autoren die gesellschaftlichen Probleme der Zeit, ob Kinderarbeit oder Gewerkschaftsproteste, in erbauliche Lektüre für die Mittel- und Oberschicht verwandelten. Charles Dickens hat eine ganze Serie davon verfasst, von "Harte Zeiten" und "Little Dorrit" bis "Unser gemeinsamer Freund". Die Gattung machte auch außerhalb Englands Schule – in Amerika etwa erschien Harriet Beecher Stowes Anti-Sklaverei-Märchen "Onkel Toms Hütte". Und in Russland Leo Tolstois "Anna Karenina", das Ehebruchsdrama mit den Zügen einer religiösen Agrar-Tragödie.

In diesen und staubigen Stapeln obskurerer Werke arbeitet sich ein Ensemble exemplarischer Figuren an einem Missstand ab. Tränen werden vergossen und Herzen gebrochen, und stets ist daran explizit oder implizit der Umstand schuld, der überhaupt zum verhandelten Missstand geführt hat - nämlich die ungerechte Verteilung des Geldes. Das gilt auch für John Lanchesters "Kapital".

Geld, in seiner konkretesten und in seiner abstraktesten Form spielt in diesem Roman erwartungsgemäß eine zentrale Rolle. Für 71 Pence Taschengeld treten die Insassen eines Ausschaffungsheims in einen Hungerstreik. Roger Yount überlegt sich zum ersten Mal in seiner Karriere, wie lange er sich die 30 Pfund für eine Taxifahrt noch zu leisten vermag. Um geschätzte 1,5 Millionen ist die Tochter von Petunia Howe reicher, als ihre Mutter stirbt:

Die Gleichung
war zu einfach und zu deprimierend. Auf der Sollseite
stand, dass sie ihre Mutter verloren hatte, auf der Habenseite war
ein riesiger Haufen Geld.


Andere, wie der Handwerker Zbiginiew alias Bogdan denken sich vom Spezifischen ins Allgemeine:

Was ihren Reichtum anbetraf – Arabellas Reichtum und den
seiner anderen Kunden –, so dachte er nicht lang darüber nach,
auch wenn er ihn sehr wohl bemerkte. Jemand, der wie er in einem
Wohnsilo am Rande Warschaus aufgewachsen war, konnte es
kaum vermeiden, dass ihm die Arbeitsflächen aus Marmor ins
Auge stachen, oder die teuren Teakmöbel, die Teppiche und Kleider,
der ganze Technikkram und all die anderen alltäglichen Extravaganzen,
die überall in dieser Stadt zur Normalität gehörten.
Was ihm darüber hinaus auffiel, waren die Kosten, die grotesken
Preise, die man für fast alles bezahlen musste, angefangen
beim Wohnen über die öffentlichen Verkehrsmittel und das Essen
bis hin zu Kleidern; und was das Ausgehen anbetraf, wenn
man ein bisschen Spaß haben wollte, das war nahezu unmöglich.
Zbigniew fand es deprimierend, wie schnell ihm das Geld durch
die Finger rann, nur wegen ganz alltäglicher Dinge. Aber auf ge-
wisse Weise war das ja der Grund, warum er hier war: Alles war so
teuer, weil die Engländer eben viel Geld hatten. Und er war hier,
um seinen Teil davon zu verdienen.


Generell betrachten John Lanchesters Akteure die Dinge mit der Nüchternheit von EU-Bürgern des 21. Jahrhunderts. Stilistisch orientiert sich der Autor allerdings sehr wohl am Gesellschaftsroman des 19. Jahrhunderts. Wie Dickens und Tolstoi, wie Balzac und Fontane weiß der Erzähler alles über seine Figuren. Er schildert die Geschehnisse fadengerade, doch elegant und mit der nötigen Anschaulichkeit.

Rohinka Kamal wusste aus Erfahrung, dass sie mit den Besuchen
ihrer Schwiegermutter, Mrs Fatima Kamal, am besten so umging,
als handelte es sich dabei um eine Naturkatastrophe. Man konnte
gegen Erdbeben, Tsunamis, Waldbrände und Überflutungen sinnvolle
Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, aber es nützte überhaupt
nichts, wenn man sich schon vorher die ganze Zeit Sorgen machte.
Genauso wenig nützte es, wenn man sich vor Mrs Kamals Besuchen
fürchtete, die alle zwei Jahre stattfanden.


Man möchte die Dame nicht vom Flughafen abholen müssen.

Wie seine Vorgänger in ihren "Conditon-of-" oder eben Zustandsromanen präsentiert John Lanchester in "Kapital" gewisse Typen. Petunia Howe steht für die lautere kriegsgeprüfte Generation von Vorgestern. Die Younts verkörpern das neue Geld, die Kamals die aufstrebenden Zuwanderer.

Was John Lanchester fehlt, ist der reformatorische Eifer. "Kapital" ist keine Pepys-Road-, London-, England- oder gar Welt-Verbesserungsliteratur. Lanchester modelliert sein fiktives Universum nach dem, was er vorfindet. Dabei schwankt er zwischen Satire und emphatischem Realismus. Die Younts sind reinste Karikaturen der materiell Maximal- und geistig Minderbemittelten:

Roger ging gerade quer über ein Feld in Norfolk und hatte sein
Purdey-Gewehr mit aufgeklapptem Lauf unterm Arm und eine
Tasche mit Patronen über der Schulter. Er hatte das gesamte Outfit
an – flache Kappe, Barbour-Jacke, Burberry-Cordhosen und grüne
Hunter-Stiefel –, und fand, dass er so, wie er aussah, sehr gut nach
Balmoral gepasst hätte. Er war schon vorher ein paar Mal auf die
Jagd gegangen, immer bei Einladungen, die mit der Arbeit zu tun
hatten, und zu diesem Anlass hatte er sich auch diese ganze Ausrüstung
gekauft. Roger hatte die Angewohnheit, sich einen Haufen
teurer Ausrüstung zu kaufen, und zwar immer dann, wenn er
mit dem Gedanken spielte, ein neues Hobby auszuüben. Er hatte
versucht, diese Angewohnheit abzulegen, wusste aber nur zu gut,
dass ihm das bisher nicht gelungen war. Das war mit der Fotografie
so gewesen (…) Er hatte mit Fitnesstraining angefangen (…)
Dann hatte er sich für Wein interessiert, hatte in ihrem umgebauten Souterrain einen Hightech-Weinkeller eingerichtet und ihn
mit lauter teuren Flaschen gefüllt, die er auf Empfehlungen hin
erworben hatte. Das Problem war nur, dass man das Scheißzeug
dann jahrelang liegen lassen musste, bevor man es trinken durfte.


Rogers Frau Arabella ist immerhin zu differenzierten Überlegungen wie den folgenden fähig:

Die Vorstellung von Luxus, ja sogar das Wort
"Luxus" hatte für sie einen sehr hohen Stellenwert. Luxus hieß per
definitionem, dass etwas viel zu teuer war, aber so erlesen und
wunderbar, dass einem der Preis nichts ausmachte. Ja, der Preis
wurde sogar zu einem wesentlichen Bestandteil der Sache. Die
Kostspieligkeit machte den Unterschied aus zwischen den Leuten,
die sich so etwas nicht leisten konnten, und den wenigen Auserlesenen,
die dazu sehr wohl in der Lage waren, die aber gleichzeitig
auch begriffen, wie erstrebenswert es war, einen so hohen Preis zu
bezahlen. Arabella wusste, dass es reiche Menschen gab, die sich
alles leisten konnten, ohne je einen Gedanken an ihr Geld zu verschwenden,
aber sie sah sich selbst nicht als Teil dieser Spezies. Sie
gehörte zu einer kleinen Elite von Menschen, die sich nicht nur
alle Wünsche erfüllen konnten, sondern auch die Bedeutung des
Geldes kannten. Das Wissen um diese Bedeutung verlieh der
Dramatik der hohen Preise noch eine besondere Würze. Sie liebte
teure Sachen, weil sie wusste, was deren Kostspieligkeit repräsentierte.
Sie verstand alle Signifikanten.


Es ist klar, wo John Lanchesters Sympathien liegen:

Ahmed Kamal machte sich einen Tee, nahm etwas von dem Naan von gestern
aus dem Brotkasten und ging nach vorne, um den Laden zu
öffnen und die Zeitungen reinzuholen. Ahmed liebte seinen Laden,
liebte die Überfülle, die unglaubliche Menge an Zeug, die sich
auf engstem Raum drängte, und das Gefühl der Sicherheit, das
ihm das alles gab. All diese wahnwitzige Anhäufung von Druckerschwärze
– The Daily Mail, The Daily Telegraph, The Sun, The
Times, Top Gear, The Economist, Women’s Home Journal, Heat,
Hello?!, The Beano und Cosmopolitan, die zahllosen Sorten von
industriell hergestellten Süßigkeiten und Schokoladen, die gebackenen
Bohnen und das weiße Brot, (…)
und die ganzen anderen ungenießbaren Sachen, die die Engländer
so aßen, (…)
die Rasierklingen, Schmerztabletten und Keine-Reklame-Aufkleber,
die er erst letzte Woche ins Sortiment genommen hatte
und schon zweimal hatte nachbestellen müssen,(…)
– all das
fühlte sich gemütlich und behaglich und sicher an, es war sein ureigenster
Ort, und das vor allem frühmorgens, wenn er den Laden
ganz für sich hatte. Das gehört mir, dachte er, das ist alles meins.
Ahmed drehte die Lautstärke des CD-Spielers hinter dem Ladentisch
herunter und drückte dann auf die Play-Taste. Ganz leise
hörte er das Lied "My Ummah" von Sami Yusuf. Später am Tag
würde er dann auf das Radio und den Sender Capital Gold umschalten.
Nicht alle Leute mochten Sami Yusuf, aber keiner hatte
etwas gegen Oldies.

Mit so wenig gibt sich Ahmed Kamal zufrieden.

Die Dreidimensionalität ist in diesem Roman den hart arbeitenden Figuren vorbehalten. Und sie sind es auch, die in den Genuss der wenigen Happyends kommen. Wie schön, dass die Armen ehrlich bleiben und glücklich werden und die Reichen auf ewig dümmlich und unzufrieden sind. Wie schön und wie langweilig.

"Kapital" hat weitere Schwächen:

Wir wollen, was ihr habt.

Das Rätsel um die Postkarten verliert im selben Ausmaß an Dringlichkeit wie das, was die Leute an der Pepys Road haben, an Attraktivität verliert. Wer hinter dem zunehmend böswilligen Schabernack steckt, ist einem schon sehr bald sehr gleichgültig. Aber weiterlesen will man trotzdem.

John Lanchester entwirft in "Kapital" ein Sittenbild in separaten Teilen. Der Roman besteht aus einer Sammlung von "ein Jahr im Leben von"-Berichten, die alle ihren eigenen Reiz entwickeln und als disharmonisches Ganzes funktionieren. Lanchester illustriert den Übergang einer Klassen- zur Kontogesellschaft – einen Vorgang, den auch sein Berufs- und Landesgenosse Martin Amis beobachtet hat. Amis, der in seinen Werken selten um monetäre Daseins-Diagnosen verlegen war, sagte jüngst in einem Interview, Geld habe Klasse ersetzt. Geld sei ein viel flüssigeres und leichter messbares Medium als Klasse. Vielleicht ist diese Erkenntnis ja wirklich erst jetzt bis ins Vereinte Königreich vorgedrungen. Tom Wolfe jedenfalls, der als Amerikaner seit je her nur Klasse kennt, die sich kaufen lässt, inszenierte bereits 1987 seinen Bestseller "Fegefeuer der Eitelkeit" als Walpurgisnacht der Statusbesessenen.

In John Lanchesters "Kapital" wimmelt es vor virtuellen Werten. Ausgerechnet ein Koffer voller Banknoten erweist sich am Schluss als völlig wertlos. Eine Ironie wie die Schokoladesoße auf einem Coupe Dänemark und ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Zeiten der schickeren Desserts endgültig vorbei sind.

Literaturhinweis:
John Lanchester: Kapital. Roman. Aus dem Englischen von Dorothee Merkel. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2012. 682 Seiten. 24.95 Euro.

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