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StartseiteForschung aktuellVon Finanzsorgen blockiert30.08.2013

Von Finanzsorgen blockiert

Armut wirkt sich auf Entscheidungsfähigkeit aus

Psychologie. - In etlichen westlichen Staaten gilt immer noch das Ideal etwas, dass man es durchaus vom Tellerwäscher zum Millionär schaffen kann. Dagegen betonen sozialwissenschaftliche Studien, dass sich die Kluft zwischen Arm und Reich zumindest zementiert, wenn nicht sogar erweitert. Ein internationales Forscherteam hat jetzt überprüft, ob eine prekäre wirtschaftliche Situation möglicherweise die Fähigkeiten beeinträchtigt. Das Ergebnis wurde heute in der Fachzeitschrift "Science" veröffentlicht.

Von Kristin Raabe

Verhaltensexperiment: Finanzsorgen haben Folgen. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
Verhaltensexperiment: Finanzsorgen haben Folgen. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Sind arme Menschen vielleicht selbst schuld an ihrer Situation? Sind ihre mangelnden Fähigkeiten der Grund für ihre Armut? Die aus Indien stammende Wirtschaftswissenschaftlerin Anandi Mani ist von dieser These allerdings nicht sehr überzeugt.

"Aus Umfragen wissen wir zum Beispiel, dass viele Menschen glauben Arme seien faul und unmotiviert, weswegen sie eben auch arm bleiben. Warum sollte man für so jemanden das Geld der Steuerzahler verschwenden? In unserer Studie wollten wir, überprüfen, ob das wirklich stimmt. Es könnte ja auch sein, dass Armut viele geistige Kapazitäten blockiert, was dann auch dazu führen würde, dass arme Menschen unaufmerksame Eltern und ineffiziente Arbeiter sind. Mit unserer Studie wollten wir solche Fragestellung endlich klären."

Anandi Mani arbeitet als Wissenschaftlerin am CAGE Institut der Universität von Warwick in Großbritannien. In Kooperation mit Kollegen aus den USA und Kanada, hat sie zwei Studien durchgeführt. Die erste fand in einem Einkaufszentrum in New Jersey statt. Die Einkaufenden wurden zunächst nach ihren Einkommensverhältnissen gefragt und dann gebeten, an einem Experiment teilzunehmen. Zunächst konfrontierten die Forscher sie mit einem finanziellen Problem, beispielsweise wurden für die Reparatur eines Autos mal 200, mal aber auch 2000 Dollar benötigt. Danach mussten die Versuchspersonen einen Intelligenztest und andere Tests zu ihrer geistigen Leistungsfähigkeit absolvieren.

"Wir haben dabei festgestellt, dass es für die reichen Versuchspersonen überhaupt keinen Unterschied macht, ob es um 200 oder 2000 Dollar geht. Aber die armen Versuchspersonen schnitten deutlich schlechter ab, wenn wir sie vor den Tests mit dem 2000-Dollar-Problem konfrontiert hatten, bei der 200-Dollar-Autoreparatur gab es zwischen reich und arm kaum einen Unterschied."

Ein wohlhabender Amerikaner muss sich wegen einer Autoreparatur von 2000 Dollar offenbar keine großen Sorgen machen, während ein in Armut lebender Amerikaner davon stark belastet wird. Zumindest bei diesem Experiment scheinen die finanziellen Nöte auch die Ergebnisse des Intelligenztests beeinflusst zu haben. Ob auch bei realen Finanzproblemen ein ähnlicher Effekt auftritt, untersuchten die Forscher um Anandi Mani bei Zuckerrohrbauern in Südindien.

"Direkt vor der Ernte sind sie sehr arm, aber einige Wochen nach der Ernte, wenn sie ihr Geld bekommen haben, haben sie plötzlich relativ viel Geld. Wir haben also bei ein und demselben Bauern die Ergebnisse seines Intelligenztests von vor der Ernte, als er kein Geld hatte, mit denen nach der Ernte verglichen, als er viel Geld hatte."

Insgesamt untersuchten Anandi Mani und ihre Kollegen über 460 indische Bauern. Die Testergebnisse waren eindeutig und bestätigten die Ergebnisse aus dem Versuch im Einkaufszentrum:

"Die Bauern in Indien schnitten vor der Ernte viel schlechter bei den Intelligenztests ab, als nach der Ernte. Im Schnitt war ihr Intelligenzquotient um 13 Punkte niedriger. Wir konnten in unserer Studie auch zeigen, dass das nicht etwa an der Ernährung liegt. Sie haben vor und nach der Ernte die gleiche Nahrung zu sich genommen. Auch andere Faktoren wie Stress oder physische Beanspruchung konnten wir in unserer Studie ausschließen. Wir sind wirklich davon überzeugt, dass die Effekte, die wir sehen mit dem Geld zusammenhängen. Vor der Ernte haben sie einfach kaum geistige Ressourcen frei, da ihre Kapazitäten mit den finanziellen Sorgen schon zu stark belastet sind."

Die Armut ist also der Grund für die schlechte geistige Leistungsfähigkeit von armen Menschen. Die Annahme ihre mangelnden geistigen Fähigkeit seien die Ursache für ihre Armut konnte mit dieser Studie widerlegt werden. Wenn die Studienergebnisse auch bei Förderprogrammen für Arme berücksichtigt würden, könnten solche Programme vielleicht auch größere Erfolge verzeichnen.

"Ich glaube das zeigt auch, wie wichtig das Timing von Förderprogrammen für Arme ist. Denken Sie zum Beispiel an Düngemittel. Wenn wir die Farmer vor der Ernte damit konfrontieren, haben Sie keine Kapazitäten übrig. Nach der Ernte können sie dagegen, die Vor- und Nachteile von Düngemitteln abwägen und eine Entscheidung treffen. Ihre geistigen Ressourcen sind dann nicht so stark von Geldsorgen blockiert."

Auch in Industrieländern könnten Programme zur Armutsbekämpfung von solchen Überlegungen profitieren. Häufig ist beispielsweise hierzulande die Aufnahme in solch ein Programm mit erheblichem bürokratischen Aufwand verbunden, der jene, die solche Hilfen am nötigsten bräuchten, in ihrer Situation geistig überfordert.

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