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StartseiteBüchermarktVon Frauen, Männern und Hunden03.07.2006

Von Frauen, Männern und Hunden

Kurzgeschichten und Zeichnungen von James Thurber

Schon das erste Buch des amerikanischen Schriftstellers und Zeichners James Thurber, das 1929 im Jahr der Weltwirtschaftskrise erschien, trug den skeptischen Titel "Is Sex Necessary?" Es ist jedenfalls nicht immer gut, dass der Mensch zu zweit sei, lautet seine Antwort in den folgenden zwanzig Bänden seiner hochkomisch illustrierten Kurzgeschichten, von denen jetzt eine Auswahl in der Anderen Bibliothek vorliegt.

Von Gabriele Killert

James Thurber war ein obsessiver Hundeliebhaber- und beobachter.  (AP)
James Thurber war ein obsessiver Hundeliebhaber- und beobachter. (AP)

Als redaktioneller Mitarbeiter des New Yorker bekam James Thurber waschkörbeweise Post, darunter auch manch seltsame Anfrage. Ob er etwa bei Mondlicht zeichne oder seine verstörenden Skizzen von Tieren und Menschen in einer alten Truhe finde. Immer wieder versuchte er, seinen vom angelsächsischen Pragmatismus geprägten Landsleuten beim Verständnis seiner skurrilen Einfälle auf die Sprünge zu helfen, indem er ihre Entstehungsbedingungen preisgab. Mancher Einfall war die Frucht eines Missgeschicks. Die Frau auf dem Bücherschrank zum Beispiel. Ursprünglich sollte sie auf dem obersten Absatz einer Treppe kauern, aber Thurber kam mit den Konventionen von Perspektive und Aufriss nicht zurecht. Jetzt hockt Mrs. Harris eben auf allen Vieren auf dem Bücherschrank zur Überraschung des Besuchers von Mr. Harris. Bei dem Flusspferd im Freien, dem eine Mrs. Millmoss zornig entgegentritt mit der Frage:

" Was hast du mit Dr. Millmoss gemacht?"

liegen die Dinge wieder anders, wie Thurber sich erinnert

" Das Flusspferd habe ich gezeichnet, um meine kleine Tochter zu belustigen. Als es dann fertig war, sagte mir irgendetwas im Gesichtsausdruck dieses Geschöpfs, dass es vor kurzem einen Menschen verspeist hatte. Ich fügte Hut und die Pfeife und Mrs. Millmoss hinzu, und die Bildunterschrift ergab sich dann wie von selbst. Meine Tochter, die damals zwei Jahre alt war, erkannte das Tier sofort. "Das ist ein Flutschpferd", sagte sie. Der New Yorker war nicht so schlau. Für ihr Archiv beschrieben sie die Zeichnung als "Frau mit seltsamem Tier". Der "New Yorker" war damals schon neun."

Offenbar wurde die Hand des Zeichners wieder mal, wie Thurber selber vermutet

" vom Unbewussten gelenkt, das seinerseits unter dem Einfluss des Unterbewusstseins stand. "

Irgendetwas im Gesichtsausdruck von Mrs. Millmoss sagt uns jedenfalls, dass Mr. Millmoss seine Gründe hatte, sich von dem Flutschpferd fressen zu lassen. Möglicherweise zog er ein Ende mit Schrecken einem Schrecken ohne Ende, sprich der Ehe mit Mrs. Millmoss vor. Er wäre nicht der erste Ehemann bei Thurber, der sich selbst oder aber seine Frau gern zum Verschwinden bringen möchte. Mr. Bidwell zum Beispiel aus der Titelgeschichte Vom Mann, der die Luft anhielt lässt sich etwas Besonderes einfallen, um seine Frau auf die Palme zu bringen. Wo er geht und steht, macht er sich einen Sport daraus, solange wie möglich die Luft anzuhalten und geräuschvoll wieder auszuatmen. Wahrscheinlich wollte er ihr schon immer sagen: Nun halt aber mal die Luft an! Da ist aber bei Mrs. Bidwell nichts zu machen. Mr. Bidwell erreicht sein Ziel, die Frau loszuwerden nur, indem er sich lächerlich macht. Bei Mr. Preble, der seine Frau eines Tages in den Keller lockt, weil er beschlossen hat, sie dort zu vergraben, führt nicht einmal das zum Ziel.

"Mein Gott, ist das schmutzig hier unten! Was hast du denn da?" - "Ich wollte dir mit dieser Schaufel den Kopf einschlagen", sagte Mr. Preble. "Ach, wirklich?" sagte Mrs. Preble. "Vergiss es. Willst du gleich hier eine unübersehbare Spur legen, wo der erste Kommissar, der hier herumschnüffelt, sie sofort findet? Geh raus auf die Straße und such dir ein Eisenteil oder sonst was, das nicht dir gehört... Aber bleib nicht so lange weg. Und halt dich nicht bei dem Zigarrenladen auf. Ich habe keine Lust, die ganze Nacht in diesem kalten Keller zu stehen und zu frieren." - "Also gut", sagte Mr. Preble. "Ich beeil mich."

Ob bei den Millmoss, den Bidwells, den Prebles oder den Winships, - während in Europa die Mächte zum Krieg rüsten, ist er in Thurbers Geschichten längst in vollem Gange- als Geschlechterkampf. Er tobt überall, in Schlafzimmern, im Lebensmittelladen, im Büro, als Wrestling-Kampf auf Cocktailpartys oder im Felde. Männer und Frauen sind eben nicht kompatibel. Schon Thurbers erstes Buch, 1929 im Jahr der Weltwirtschaftskrise erschienen, trug den skeptischen Titel "Is Sex Necessary?" Es ist jedenfalls nicht immer gut, dass der Mensch zu zweit sei, lautet seine Antwort in den folgenden zwanzig Bänden seiner hochkomisch illustrierten Kurzgeschichten. Besser, wenn er zu dritt ist, wenn sich zu den beiden Streitparteien noch ein humanisierendes Wesen dazugesellt: der Hund.

James Thurber war ein obsessiver Hundeliebhaber- und beobachter. Die Augen eines sensiblen französischen Pudels zum Beispiel konnten für ihn "eine so ungetrübte Fröhlichkeit ausstrahlen oder sich in so tiefem Ernst verdunkeln", dass er ganz aus der Fassung geriet.

Er starb 1961 in New York, im selben Jahr wie Hemingway. Vom Jahrgang her (1894) gehört er also zur "lost generation". Von seinem Menschenbild, möchte man beinah sagen, auch. Aber das stimmt eben nicht. Thurbers Philanthropie nahm den Umweg über den Hund. Bestimmt hatte er mehrere gescheiterte Beziehungen oder Ehen, aber immer einen gescheiten Hund an seiner Seite, der ihn tröstete und humanisierte.

" Es ist durchaus vorstellbar, dass der Urmann der Frau als Gefährtin oder Mutter keinerlei Wertschätzung entgegenbrachte und dass ihn erst die Einbeziehung des Hundes in den Kreis der Familie mit jener gutartigen Krankheit infizierte, die man Liebe nennt."

Hundeliebe ist nicht nur etwas Wunderbares. Sie ist allumfassend wie eine Religion. Und Religionen verbieten die Melancholie. Kafkas Religion zum Beispiel war der Pessimismus, weswegen er sich nicht gestattete, ihn auszuleben. Thurber sich auch nicht. Bei melancholischen Anfeindungen griff er zum Stift und zeichnete seinen Hund. Manchmal gruppierte er bis zu zwanzig melancholische Beagles auf einem Blatt, die alle aussehen, als ob sie einer Motette von Orlando di Lasso lauschen.

Die ganze komische Zeichnerei huldigt ja von Loriot bis Robert Gernhardt, Sempé bis F.K. Waechter, Ernst Pfarr oder Ernst Kahl dem Hund als dem humaneren Menschen. Für Thurber aber ist der Hund beinah heilig wie die Kuh in Indien. Er blickt versonnen oder mitleidig, um nicht zu sagen ratlos auf das menschliche Treiben. Manchmal weint er oder liegt, die Augen geschlossen, in tiefer Trance. Den Hund abzurichten, ist für Thurber eine große Dummheit. Umgekehrt wird ein Schuh draus, sollte es mit der Erziehung des Menschengeschlechts noch einmal etwas werden.

James Thurber: Vom Mann, der die Luft anhielt und andere Geschichten
Herausgegeben von Hans Magnus Enzensberger
(Verlag Eichborn, Die Andere Bibliothek)

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