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StartseiteKultur heuteVon Hass und Vergebung22.09.2011

Von Hass und Vergebung

"Nach der Stille" erzählt aus ungewohnter Sicht vom palästinensisch-israelischen Konflikt

Ihr Mann geht am 31. Mai 2002 mittags ins Restaurant und kehrt nie wieder zurück. Yael Cernobroda verlor ihren Mann bei einem palästinensischen Attentat in Haifa - doch statt auf Rache zu sinnen, trifft sie sich mit der Mutter des Attentäters.

Von Josef Schnelle

Nach einem Anschlag in Jerusalem - "Stille" begleitet Menschen, die täglich mit der Gewalt leben.  (AP)
Nach einem Anschlag in Jerusalem - "Stille" begleitet Menschen, die täglich mit der Gewalt leben. (AP)

"Mein Name ist Yael Arméné. Ich bin Französin und lebe in Israel. Mein Mann Dov Chernobroda ist von einem Selbstmordattentäter aus Dschenin getötet worden."

Manchmal ist ein Film nicht genug. Das gilt vor allem für Dokumentarfilme. Denn sie stellen etwas mit den Menschen an, deren Schicksal sie erzählen. Und so beginnt die Geschichte dieses Films von Jule Ott und Stephanie Bürger mit einem anderen Film. Der heißt "Das Herz von Jenin" und erzählt die Geschichte eines palästinensischen Vaters, der ein Zeichen setzen wollte gegen die Eskalation des Hasses. Seinen 11-jährigen Sohn Ahmed traf im Flüchtlingslager von Jenin im Norden des Palästinensergebietes 2005 eine tödliche Kugel der israelischen Armee. Ismail Khatib entschloss sich, auf Rache zu verzichten und die inneren Organe seines Sohnes israelischen Kindern zu spenden. Eine Geste der Versöhnung sollte das sein.

Der deutsche Dokumentarfilmer Marcus Vetter bekam für den Film, der diese Geschichte erzählt, zahlreiche Preise - darunter den Deutschen Filmpreis. Yael Chernobroda sah diesen Film und dachte sich, dass ihrem Mann, der 2002 in Haifa mal eben ins Restaurant ging und von einem Jungen aus Jenin zusammen mit 15 anderen Menschen in die Luft gesprengt wurde, dieser Film mit seiner Friedensbotschaft gefallen hätte. Sie entschloss sich selbst, ihren Hass auf die Terroristenhochburg Jenin zu überwinden und die Mutter des Jungen zu besuchen. Nach dem krachenden Lärm der Explosion und der Stille danach wollte sie einen neuen Anfang machen. Jule Ott und Stephanie Bürger haben sie begleitet und zeigen, wie sie die gleichfalls leidgeprüfte Mutter des Täters trifft. In deren Wohnzimmer hängt ein Porträt des verführten Mörders Shadi Tobassi im Stile eines Märtyrerphotos. Doch die beiden Frauen haben den Mut zur friedlichen Begegnung. Sie sind Freundinnen geworden und haben den Film Anfang Februar am Rande der Berlinale präsentiert.

Hinter jedem Dokumentarfilm mit realen Menschen steckt ja eine lange Zeit der Vorbereitung, die zu einen wichtigen Teil darin besteht, das Vertrauen der Protagonisten zu erwerben. Jule Ott und Stephanie Bürger profitierten von Marcus Vetters Film "Das Herz von Jenin" und dessen Erfolg und von der sozialarbeiterischen Aufbauarbeit ihres Filmdozenten, der sich zusammen mit Ismail Khatib, dem Vater des Jungen, dem Ziel verschrieb, das "Cinema Jenin" wiederaufzubauen. Vetter wurde bei diesem Projekt vom deutschen Außenministerium und dem Sänger von Pink Floyd, Roger Waters, sowie vielen freiwilligen Helfern unterstützt.

Im Augenblick wird der Film, der das alles beschreibt, montiert. Er wird der dritte Film des Projekts "Cinema Jenin", der sich vor allem der Aufbauarbeit dieses schwierigen Versöhnungsprojektes widmet und später in diesem Jahr zu sehen sein wird. Beschönigt wird jedoch nichts. Der Weg zum Frieden ist lang und beschwerlich. Noch regiert das Misstrauen und Marcus Vetter, der drei Jahre seines Lebens in dieses Projekt gesteckt hat, ist hin und hergerissen zwischen Begeisterung und Frust.

Fortschritt und Rückschritt halten sich die Waage, aber wer in "Nach der Stille" diese beiden Frauen, die Witwe des Opfers und die ebenfalls traurige Mutter ihres geliebten Sohnes, der zum Täter wurde, zusammen weinen gesehen hat, kann begreifen, dass auch ausweglos scheinende Konflikte gelöst werden könnten. Denkt noch jemand, der beim Grenzübergang zwischen Deutschland und Frankreich Gas gibt, daran, dass er das Territorium eines einst erbitterten Erzfeindes betritt? "Nach der Stille" macht nachdenklich wie jeder gute Dokumentarfilm der ernsthaften Sorte. Niemand ist eine Insel, und am Ende siegt dann doch immer die Vergebung über den Hass. Das ist eine christliche, eine muslimische und eine außerdem vernünftige Weisheit. Wer auch nur einen Menschen rettet, rettet die ganze Welt. Wer auch nur einen Film mit dieser Botschaft dreht, verdient viele Zuschauer.

Linktipp:
Thema 2011-09-22 "Hass und Revanche, diese Gefühle habe ich niemals gefühlt" - Der Film "Nach der Stille" zeigt eine ungewohnte Seite des Palästina-Israel-Konflikts: Versöhnung

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