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StartseiteFeldpostbriefe aus StalingradVon Hungerrationen und Pferdefleisch24.11.2002

Von Hungerrationen und Pferdefleisch

Teil 7

Du kannst Dir gar nicht vorstellen, was für eine Freude es für uns alle ist, wenn die Flugzeuge in majestätischer Ruhe täglich ankommen, trotz aller Russenjäger, um uns zu verproviantieren. Es ist doch das einzige Verbindungsstück zwischen der Außenwelt und uns.

Von Doris Bulau

Der Tierarzt Franz Schmitt am 6. Dezember in einem Brief an seine Angehörigen Für die seit zwei Wochen eingeschlossenen deutschen Soldaten in Stalingrad sind die Transportflugzeuge Ju 52 zur Luftbrücke in ihre Heimat geworden: Ob Post, Verpflegung oder der Transport von Kranken und Verletzten. Trotzdem: die Versorgungslage wird von Tag zu Tag kritischer:

Im Sommer hatten wir zu essen genug und Durst in der Salzsteppe, dass der höchste Genuss für uns ein Glas Wasser gewesen wäre, jetzt haben wir Hunger. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie es einem jeden von uns durchs Herz geht, wenn ein Flugzeug, die gute JU, startet und in Richtung Heimat davonfliegt. Wenn sie kommt, brüllt alles vor Freude, wenn sie wegfliegt, möchte jeder mit.

Heute kam schon der Befehl durch, dass wir auf dem Luftwege zusätzlich mit Verpflegung versorgt werden. Du siehst also, für alles ist gesorgt. Dieser Tage haben wir das erste mal Pferdefleisch bekommen, was mir fabelhaft geschmeckt hat.


Max Breuer, Kanonier. Die Transportflugzeuge können bald nur noch nachts kommen. Die Rationen werden kleiner. Verendete oder notgeschlachtete Pferde werden zum wichtigsten Bestandteil der Verpflegung. Der Gefreite Paul Stöhr, schreibt wenige Woche, bevor sich seine Spur verliert, an seine Angehörigen:

Das Kohldampfschieben haben wir schon oft kennen gelernt, aber so weit waren wir noch nicht, dass wir uns freuen, wenn es abends Pferdegulasch gibt. Ich hätte nie geglaubt, dass Gaul so gut schmeckt. Hunger tut weh. Letztes Jahr lachten wir über die Russen, wenn sie über ihre Gäule herfielen. Heute lassen wir den Russen nichts mehr übrig. Doch Göring behauptet: Der deutsche Soldat hat alles was er braucht. Man will ja nicht schimpfen, aber zu viel ist zu viel.

Heute habe ich den ganzen Tag an einem Tätigkeitsbericht gearbeitet, der die letzten Monate umfaßt - Oktober bis Dezember - und die Abwärtsentwicklung unserer Pferdewirtschaft hier begründet. Eine traurige Aufstellung. Vor drei Monaten hatten wir noch 7.380 Pferde, jetzt sine sie bis auf etwa 100 alle tot.

Der Tierarzt Dr. Franz Schmitt am 5. Januar. Seine Tätigkeit als Veterinär ist beendet. Er wird in den kommenden Tagen in die Kampfverbände versetzt. Ende Januar kommt er zu Tode. - Der Hunger zehrt an den Nerven. Und für ihren Sold können sich die Soldaten nichts kaufen. Der Obergefreite Erwin Guhl, kurz bevor er vermißt gemeldet wird.

Habe heute wieder 100 RM weggeschickt. Das soll mein Weihnachtsgeschenk für dich sein. Etwas anderes kann ich Euch nicht zukommen lassen, weil wir nichts haben. Du wirst das Geld für die Kinder und Dich auch gebrauchen können. Geld ist das einzige was wir im Überfluss haben u. das aus dem einfachen Grund, weil wir für unser Geld nichts kaufen können. Wenn wir noch lange in Russland sind, kann ich Dir noch viel Geld schicken.

Dafür wird die Wunschliste, die die Soldaten an ihre Familien richten, immer länger. Der Soldat Willi Werner; er ist Wochen später ebenfalls verschollen.

Liebe Eltern, wieder einmal empfangt ihr einen Brief voller Bitten und Wünsche. Ich weiß, ich falle Euch hiermit nur zur Last. Nehmt es mir bitte nicht krumm. Im Laufe der Zeit stellt man fest, dass einem dies oder jenes fehlt. Darum bitte ich Euch, sendet mir folgende Sachen: Strümpfe, Zigaretten, Notizbuch 1943, Fußlappen, Streichhölzer, Rasierklingen, Fingerhandschuhe, Schuhkrem, Salz, Pfeffer, wenn es geht, so auch ein Feuerzeug und Süßstoff. So, liebe Eltern! Nur, wenn es Euch keine allzu große Mühe macht, sendet mir diese Sachen..... Eines fehlt mir: Eine Nachricht von Euch.


Die permanente Unterernährung macht den Soldaten gesundheitlich zu schaffen. Heinz Risse, Gefreiter. Auch seine Spur verliert sich in Stalingrad.

Die Dosen mit Fleisch, welche ich Dir schickte, kannst Du mit ruhigem Gewissen verzehren, denn was nützten mir diese Dosen, da ich doch kein Brot habe und mein Magen in einer so schlechten Verfassung ist, dass ich das Fleisch-Fett nicht vertragen kann.

Mir ist es dauernd schwindelig im Kopf vor Kohldampf. Den Luxus, morgens zu frühstücken, kann man sich schon gar nicht mehr erlauben. Mittags bekommen wir ein Kochgeschirr Suppe und abends verpinselt man sein 1/8 Brot. Da wir für 4 Tage 1/2 Brot empfangen, ist es meistens so, dass man der Versuchung nicht widerstehen kann und das Brot in den ersten beiden Tagen schon weg isst.

Der Kanonier Max Breuer wenige Tage vor dem Jahreswechsel in einem Brief an seine Angehörigen. Er wird die Gefangenschaft nicht überleben. - Der Hauptmann Friedrich Waldhausen beschreibt, wie sich der Verpflegungsmangel auf seine psychische Verfassung auswirkt.

Ich bin zur Zeit nicht in bester Verfassung. Der Mensch ist doch ein erbärmliches und kümmerliches Wesen: Jahrzehntelang geht es ihm gut; da ist er obenauf. Und wird ihm mal der Brotkorb höhergehängt, schon ist er nicht mehr fähig, einen klaren Gedanken zu fassen; Alles Denken und Trachten und Wünschen und Hoffen dreht sich ums Essen. Ich schäme mich vor mir selber.

Heute habe ich die ersten Kartoffeln seit 7 Monaten gegessen, ich habe sie mit Schale gefressen, die Sehnsucht war groß. Hoffentlich bekomme ich mal Urlaub, damit ich mich erholen könnte, ich bin fertig.

Der Soldat Hermann May. Er wird später ebenso vermißt wie Kurt Haas, der wenige Tage vorher an seinen Vater schreibt:

So ein Elend, wie es sich hier bietet, das kann sich niemand vorstellen, der es nicht gesehen hat. Es ist so hart, wenn Kameraden, die verwundet sind, um ein Stück Brot betteln und das letzte dafür hergeben wollen und es kann ihnen niemand eins geben.

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