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StartseiteBüchermarktVon Indern und Ungarn17.12.2003

Von Indern und Ungarn

Ronald Reng über sein Leben als Engländer

Es gibt Romane, die recht angenehm dahinplätschern, am Ende aber leichte Bitterkeit zurücklassen – wobei man nicht immer weiß, ob dies beabsichtigt war.

von Werner Köhne

Ronald Reng, "Mein Leben als Engländer", Coverausschnitt (KiWi)
Ronald Reng, "Mein Leben als Engländer", Coverausschnitt (KiWi)

Ronald Rengs Roman "Mein Leben als Engländer" gehört vielleicht auch deshalb in diese Kategorie , weil hier in saloppem Ton so etwas wie eine Volksselenkunde versucht wird, eine vergleichende Studie zur Frage, was Engländer von Deutschen unterscheidet – und diese wiederum von Indern und Ungarn. Gerade in Zeiten offener Grenzen laufen manche Diskurse heiß, wenn es um das Thema nationale Besonderheiten und Mentalitäten geht. Das Gerede über die Anderen muß sich dabei nicht unbedingt der Vorurteile von einst bedienen, es kommt heute auch in der Attitüde des Wohlmeinens daher, ja wählt zuweilen den Zungenschlag der Selbstironie.

Deutsche beschweren sich bei allen Gelegenheiten, geben sich betroffen und bis zum Erbrechen weltoffen - mögen es allerdings überhaupt nicht, wenn sie Landsleuten in der Fremde begegnen. Inder, die in England leben, mögen naturgemäß keine Pakistani und entwickeln ihre Identität über eine Überidentifikation mit britischen Tugenden. Ungarn haben einen Minderwertigkeitskomplex gegenüber Westeuropäern, lieben es, schwerfällig zu lieben und verstehen die Operetten nicht, die über sie gemacht wurden mit all der Pusta-Paprika Seligkeit.

Engländer hingegen finden erst dann, wenn sie in fremdem Land weilen, zu einer wahrnehmbaren Solidarität untereinander, während sie zu Hause zumindest in der Öffentlichkeit nicht miteinander kommunizieren, kaum Duftmarken ihres viel besungenen Humors setzen und gegenüber Ausländern extrem unnahbar bleiben. Nicht nur, dass sie in der Londoner City an einem vorbeirauschen wie Aliens – auch abends findet man sie nicht dort, wo der gutwillige Ausländer sie vermutet und ansprechen möchte: in Diskotheken und Cafes. Fast könnte man glauben, diese Insel--Spezies sei für Hinzugezogene überhaupt nicht faßbar und existent.

So zumindest geht es dem Helden des Romans, Zoltan, genannt Zoli, einem jungen Ungarn, den es nach London treibt, weil er dort all den vielen englischen Denk- und Merkwürdigkeiten zu begegnen hofft. Schon bald macht er eine frappierende Erfahrung: er lernt keine Engländer kennen – nur Ausländer: junge herumstreunende Brasilianerinnen, deutsche Manager und einen Inder namens Dr. Mukherjee , der sich als glühender Verehrer der eisernen Lady Margret Thatcher outet. Im Haushalt des Mediziners arbeitet er zunächst als Au Pair boy und später assistiert er ihm in der Praxis. Dr. Mukherjee mag den kleinen Ungarn und dieser mag ihn. Beide sind enttäuschte Liebhaber, können nicht ablassen von ihrem englischen Traum.

Ein anderer Traum scheint sich hingegen für Zoli zu erfüllen, als er auf seinen engländerfreien Streifzügen durch das Londoner Nachtleben eine junge Deutsche kennenlernt, die dem obigen Mentalitäts-Muster voll entspricht: Sie ist weltoffen, betroffen, selbstironisch und mag keinem Deutschen im Ausland begegnen. Trotz ihres zur Schau gestellten Laisser faire befindet sie sich auf der Überholspur und ist von teutonischer Strenge, was die Korrektheit der Gefühle und die Besitzverhältnisse in der Liebe angeht. Der junge Ungar, eingeschüchtert von so viel Willenskraft, geht mit ihr nach Deutschland – und lernt dort – konkret in München - den german way of life kennen. Einige Eindrücke genügen ihm, um dort - nach einem letzten Beziehungsgespräch mit der teutonischen good will-Frau - wieder seine Zelte abzubrechen und nach London zurückzukehren – wohl auch deshalb, weil er im Englischen Garten einige Engländer trifft, die - man mag es nicht glauben - mit ihm reden. Da erwacht die alte Obsession für England wieder – und wird ihn wohl trotz eingestandener Existenznöte im Post-Thatcher-country bis an sein Lebensende nicht mehr loslassen.

Natürlich ist der Erzähler, der hinter all dem steckt, kein Ungar, sondern ein Deutscher. Ronald Rengs Versuch, sich in die Haut eines Anderen zu stehlen, um sich den großen Fragen der nationalen Differenzen zu nähern, amüsiert, solange man das Absichtsvolle und irgendwie Neudeutsche darin überliest. Der Autor – so weist der Kladdentext aus – hat mehrere Jahre in London zugebracht und dort wohl jene Erfahrung mit Engländern und Deutschen gemacht, die zu einem Roman zu formen ihm als Ungar offensichtlich leichter fällt, als als Frankfurter freier Journalist, der er ist. – Warum nur ? Ist da jene Scham am Werk, die seit vierzig Jahren die nachwachsenden Generationen hierzulande prägt ? Einst zog man mit Ikea gegen Gelsenkirchener Barock zu Felde oder trank toskanischen Rotwein statt Oppenheimer Spätlese. Heute präsentiert sich das in multinationale Geschmacksurteile verstreute Lebensgefühl junger Deutscher durchaus komplexer: die Sucht nach Weltbürgertum, nach Anglizismen aller Art, läßt zuweilen auch das Spiel mit Ressentiments, manchmal gar Erfahrungen mit den Anderen zu. Natürlich nicht offen, sondern ein wenig - undercover.

Ronald Reng
Mein Leben als Engländer
KiWi, 300 S., EUR 8, 90

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