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StartseiteBüchermarktVon Kaffee und eine Prise Magie24.04.2010

Von Kaffee und eine Prise Magie

Andrea Grill: "Das Schöne und das Notwendige", Otto Müller Verlag, Salzburg 2010, 280 Seiten

Die österreichische Biologin und Schriftstellerin Andrea Grill lässt in ihrem neuen Roman "Das Schöne und das Notwendige" Ideen wuchern und entwickelt eine verrückte Geschichte am Kreuzungspunkt zwischen Wissenschaft und Literatur. Ihr Blick gilt zwei Lebenskünstlern in der Großstadt.

Von Anja Hirsch

Menschen sind wie Kaffeepflanzen - hegt man sie, wachsen sie über sich hinaus. (Monika Seynsche)
Menschen sind wie Kaffeepflanzen - hegt man sie, wachsen sie über sich hinaus. (Monika Seynsche)

Menschen sind wie Kaffeepflanzen: Es gibt die Erfolgsverwöhnten, die meterhoch in den Himmel wachsen, resistent gegen Schädlinge und äußere Störfaktoren. Andere wachsen nur wild. Und bleiben sie wirtschaftlich ungenutzt, kann es sein, dass sie ihre Tage unter Brücken verläppern und irgendwann aussterben - es sei denn, sie riskieren Ungewöhnliches. Dann schießt womöglich Koffein in ihre Adern, und mit ein wenig aktivem Zuwarten regelt sich das Leben, die Liebe, der Gewinn von selbst.

Andrea Grill erzählt eine solche Geschichte der Bewährung zweier Männer in ihrem neuen Roman "Das Schöne und das Notwendige". Gerne mischt die Autorin, die über sardinische Schmetterlinge promovierte, ihrer Prosa Wissenspartikel bei. Auch hier: Kurze Erklärungen über unterschiedlichste Sorten von Kaffeepflanzen stimmen auf ihre vierzig Kapitel ein; ein gestalterisches Mittel, das nur dann Sinn macht, wenn es sich im Erzählten spiegelt. Und tatsächlich: Während man diesen lexikalischen Schnipseln folgt, bildet sich unaufmerksam eine Kulisse für jene zwei im Zentrum stehenden Freunde - witterungsgepeinigte Überlebenskünstler mit einer Idee, die am Ende dieser verrückten Geschichte fruchtbar gen Himmel ragen wird. Dies ist die Kunst Andrea Grills: Literatur am Kreuzungspunkt von Wissenschaft und Leben durch ein skurriles Figurentheater zum Flimmern zu bringen.

Vom Umbau zweier Leben erzählt sie, erlebt in der sengenden Hitze einer Großstadt, getragen von der Sehnsucht, das Schöne mit dem ökonomischen Zwang in Einklang zu bringen. Ferdinand, genannt Fiat, bettelt anfangs in Zügen um Geld. Er liebt es, Schuhe anzuprobieren - aber nur, weil er sicher sein kann, dass die Verkäuferin ihn enttäuscht, denn seine Größe gibt es nirgends. Fiat ist eine jener von der Moderne ausgespuckten, nicht so sehr freiwilligen Flaneursfiguren, deren Blicken man gerne folgt. Bei aller Mühsal hat er sich eine unangestrengte Naivität bewahrt. Finzens, der Geld als Ruhestifter in einer Kathedrale verdient, holt ihn ins aktive Leben zurück. Die Männer-WG funktioniert gut, bis Fiat das Geld seines Gönners verspielt. Der verfällt, statt Trübsal zu blasen, auf eine kuriose unternehmerische Idee: Schleichkatzen, hat er recherchiert, koten veredelte Kaffeebohnen. Warum nicht hier, in großstädtischen, europäischen Gefilden, die Katze als Goldbrunnen nutzen? Und so soll sich, während Finzens schon mal den Vertrieb des edlen Katzenkaffees plant, Fiat als Tierpfleger in den heimischen Zoo einschmuggeln - dort nämlich gibt es die seltene Art, ein Fleckenmusang, von Kameras bewacht, mit runden Ohren "wie kleine Kaffeelöffel". Nur füttern lässt sie sich nicht, jedenfalls nicht mit in Schinken gewickelten Kaffeebohnen, so dass man das arme Tier irgendwann einfach klaut und im Wohnzimmer im fünften Stock weiter experimentiert. Hier wird der Text etwas irreal und das Zusammenwohnen von Mensch und Tier zum Spannungsmoment ausgebaut: Die Schleichkatze stinkt, aber kackt schließlich doch, was man durch ein Glasgehege im Zimmer noch zu steigern gedenkt. Auch Wald und Bäume nachzubauen ist im Gespräch - der Fleckenmusang liebt Rieseneichhornnester. Doch stirbt er, während der Kaffeeverkauf floriert. Nicht einmal einen Namen hatten die beiden Jungunternehmer ihrer treu verdauenden "Maschine" gegeben. Es gibt zum Glück aber bald eine neue Schleichkatze, viel Situationskomik, schicksalsträchtige Zufallsbegegnungen und noch einiges über das Leben zu lernen.

Der Mythos vom armen Mann mit genialer Idee mag als Vorlage gedient haben. Er steht aber nicht im Vordergrund. Diese dialogreiche, forsche Prosa wirkt in den vielen kleinen Randszenen, genau beobachtete Pastiches, denen oft eine Prise Magie innewohnt. Sie ist selbst in gewissem Sinn "organisierte Wildheit": Andrea Grill lässt Ideen wuchern und traut sich auch sprachlich oft eine originelle Üppigkeit. Manche Triebe ließen sich freilich stutzen. Das Ganze aber fügt sich zu einem Märchen unserer Zeit.

Andrea Grill: "Das Schöne und das Notwendige"
Otto Müller Verlag, Salzburg 2010, 260 Seiten, 18 Euro.

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