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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenVon musizierenden Automaten und dem Klangraum Auto07.06.2007

Von musizierenden Automaten und dem Klangraum Auto

Der Kongress "Kulturwissenschaftliche Technikforschung" in Hamburg

Computer, Handy oder das Auto. All das ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Aber wie ist genau die Wechselwirkung zwischen all den technischen Hilfsmitteln und der Alltagserfahrung? Wie verändert sich unsere Sprache, wenn sich Teenager beispielsweise mehr via Internet unterhalten als sich persönlich zu treffen. All das sind Fragen, die sich die kulturwissenschaftliche Technikforschung stellt. Am vergangenen Wochenende fand dazu ein internationaler Kongress in Hamburg statt. Dort diskutierte man beispielsweise über die neuen Kommunikationsformen im Internet, versuchte zu ergründen, wie Autogeräusche die Fahrer beeinflussen und präsentierte historische Musikautomaten. Hören sie mehr von Hans-Peter Ehmke.

Von Hans-Peter Ehmke

Die Geräusche eines modernen Autos werden von der Industrie nicht dem Zufall überlassen. (AP)
Die Geräusche eines modernen Autos werden von der Industrie nicht dem Zufall überlassen. (AP)

Die fast lebensgroße musizierende Frauenfigur lässt den Betrachter auch heute noch staunen. Mit höchster Präzision arbeiten im Inneren des Automaten der Schweizer Uhrmacher Pierre und Henri-Louis Jaquet-Droz eine Walze und eine Nockenwelle aus Stahl. Sie treiben die einzelnen Bewegungen der Figur an. Als die beiden Uhrmacher ihren Automaten 1773 der Öffentlichkeit vorstellten, hatten sie jedoch nicht nur die Musik im Sinn. Der Automat vollführt auch Bewegungen, die unabhängig von der Musik sind. Er atmet, schaut nach rechts und links in sein Publikum und verbeugt sich am Schluss der Vorstellung.

Beispiele aus der Geschichte der Technik spielen für die kulturwissenschaftliche Technikforschung eine genauso große Rolle wie Phänomene der Gegenwart. Seit den 60iger Jahren des letzten Jahrhunderts nimmt die Auseinandersetzung mit der Technik im Alltag einen besonderen Stellenwert in dem kleinen Fach der Volkskunde ein. So ist auch das Hamburger Kolleg für kulturwissenschaftliche Technikforschung im Institut für Volkskunde angesiedelt. In seinem Buch "Volkskultur in der technischen Welt", erschienen 1961, hatte Hermann Bausinger, der Doyen der Technikforschung in der Volkskunde, auf die Bedeutung des technischen Wandels für sein Fach hingewiesen:

"Mir war es wichtig zu zeigen, dass die Technik zum Volksleben gehört, dass sie also kein Fremdkörper ist, sondern dass sie integriert ist. Und wenn man will, kann man davon ausgehen, dass die menschliche Kultur eigentlich mit der Technik anfängt, egal ob ich an das Feuer denke oder an andere Errungenschaften, das sind technische Errungenschaften. Und man kann natürlich von der Gegenwart ausgehen, wo es einfach undenkbar ist, dass jemand ohne technische Geräte ohne technische Kommunikationsvorgänge lebt."

Der alte Reflex des deutschen Geisteslebens Kultur und Zivilisation strickt zu trennen, hatte bis dahin weitgehend verhindert, dass Technik und Kultur gemeinsam zum Forschungsgegenstand werden konnten. Technik gehörte zur Zivilisation, die war künstlich nicht ursprünglich. Kultur, das war das ursprüngliche und wahrhaftige, das waren Bauernhäuser und Trachtengruppen. Angesichts des allgegenwärtigen technischen Fortschritts bildete sich ein bis heute kaum überwundener Zwiespalt zwischen Technikfeindlichkeit und Fortschrittsglauben. Bausinger:

"Zivilisation, das waren tatsächlich die technischen Errungenschaften. Das war aber nicht das Wesentliche, sondern das Wesentliche das war die Kultur. Das Interessante ist, dass man so gesprochen hat, während man anders gehandelt hat. Also in der gleichen Zeit, in der die Zivilisation in Frage gestellt wurde, sind ja die großen technischen Erfindungen gemacht worden. Das war die gleiche Zeit in der das Automobil erfunden wurde und in der andere technische Neuerungen auch in Deutschland aufgekommen sind."

Das Kolleg Kulturwissenschaftliche Technikforschung ist auch heute noch eine der wenigen Einrichtungen in denen Technik und Kultur zusammen gedacht werden. Das Betätigungsfeld der Volkskunde wurde dabei erheblich erweitert. Bezüge zu Fächern wie Ethnologie, Geschichte, Literaturwissenschaft, Kunstwissenschaft, Geschichte, Kommunikationswissenschaft, Informatik und zahlreichen anderen Disziplinen werden bewusst gesucht und gefördert. Das Feld der Forschung ist breit gefächert. Bearbeitet werden Fragen nach dem Sinn von technischen Großprojekten, nach sinnvollen Textstrukturen für Gebrauchsanleitungen genauso wie die Fragen nach den Gefühlen, die Geräusche und Klänge des Autos auslösen können.

Die Klangwelt des Autos gehört zu den alltäglichen Erfahrungen des modernen Menschen. Die Kulturwissenschaftlerin Uta Rosenfeld hat die Wirkungen von typischen Autogeräuschen auf Fahrer und Fahrerinnen untersucht.

"Sie gehen nicht bewusst damit um, um so mehr wirkt es aber. Weil das Hören an andere Bewusstseinsschichten herankommt dadurch, dass es so unmittelbar wirkt, und zwar auch sehr körperlich. Und dadurch sind die Reaktionen natürlich auch viel schneller als wenn ich im Kopf irgendwelche Regeln abrufe, als wenn ich höre, der Motor knarrt oder kreischt, und dann schnell wieder Kupplung treten und den Gang rein. Das sind alles Verweise darauf wie wichtig dieser Klang ist."

Der Klang und die Geräusche eines modernen Autos werden von der Industrie nicht dem Zufall überlassen. Die kulturwissenschaftliche Forschung will aber über die dort inszenierte Klangwelt der Funktionalität und des guten Gefühls hinausgehen. Das Auto wird häufig als zweites Zuhause genutzt, das als zentraler Rückzugs- und Freiraum über die Befriedigung des Bedürfnisses nach Mobilität weit hinausgeht. Das Gehör scheint dabei eine wichtige Rolle zu spielen. Uta Rosenfeld:

"Für die Alltagskulturwissenschaft ist es sehr interessant, weil es eine Wahrnehmungsweise ist, die bisher noch nicht berücksichtigt, reflektiert und auch nicht untersucht ist. Und jetzt diese Schnittstelle von Gefühl von Emotion, die Klangliches auslöst. Es ist eine spannende Schnittstelle, um an die Zwischenschichten zu kommen von kulturellen Kodierungen, die hier doch nicht so vorgefasst sind."
Die Frage ist also, welche Gefühle werden durch den Klangraum des Autos ausgelöst und wie kann man sie beschreiben. Gibt es dafür neue Begriffe, die eine allgemeingültig Verwendung erlauben. Dann lassen sich auch Veränderungen beschreiben.

Ein anderer Bereich der kulturwissenschaftlichen Technikforschung ist der Wandel in der schriftlichen Kommunikation vor allem durch die unterschiedlichen Nutzungen des Internets. Chatroom, Weblogs oder auch E-Mail haben die Gewohnheiten des Schreibens verändert. Das technische Medium Computer schafft neue Kommunikationssituationen, die durch die Vorgaben der Technik sehr stark strukturiert werden. Die Literaturwissenschaftlerin Kerstin Paulsen beschreibt das Forschungsinteresse ihres Faches:

" Das Forschungsinteresse für die Literaturwissenschaft ist, inwiefern das Medium Internet also die Technisierung des Schreibens die Textformen und auch den Textverlauf und die Strukturen verändert, beeinflusst, ob es sie verändert und ob diese Veränderungen sich auch wieder auf die andere Schriftlichkeit außerhalb des Internets auswirkt." "

Dabei kann man davon ausgehen, dass sich hier ein Prozess entwickelt, der sich innerhalb wie außerhalb des Internets vollzieht. Vor allem mündliche Traditionen der Kommunikation werden in die schriftliche Interaktion einfließen. Das Internet ist schließlich auch ein schnelles Medium, das schnelle Reaktionen ermöglicht und auch einfordert.

"Es ist natürlich so, dass die Kommunikationsformen, die wir im Internet finden, auch in der wirklichen Welt vorhanden sind und nicht einfach nur im Internet entstanden sind. Aber sie werden auf andere Art und Weise durch die Technik vorangetrieben. Zum Beispiel durch den großen Zeitdruck, der entsteht, wenn Sie in einem Internetchat sich austauschen wollen, kommunikativ agieren wollen. Da haben Sie einen ungeheuren Zeitdruck und der beeinflusst die Sprache und Ausdrucksweise ungemein."

Kennzeichnend für das Schreiben im Internet ist deshalb vor allem der informelle Stil und die Verwendung von Abkürzungen. Das führt oft dazu, dass sich Gruppensprachen entwickeln, die nur Eingeweihte verstehen können, besonders wenn es um Akronyme geht , wenn also ganze Sätze oder Satzteile abgekürzt werden. Gleichzeitig setzen sich immer mehr Eigenheiten der Internetkommunikation im Alltagshandeln durch, wenn zum Beispiel die Gesichter der Smileys auch außerhalb des Internet verwendet werden. Mit der allseits verbreiteten Akzeptanz stellt sich allmählich eine Gewöhnung ein. Man muss sich nicht mehr ständig neu mit einem technischen Gegenstand auseinandersetzen. Infolge der gegenseitigen Durchdringung von Technik und Alltag betrachtet der Leiter des Hamburger Forschungskollegs Kulturwissenschaftliche Technikforschung, Thomas Hengartner, die enge Verbindung von Technik und Kultur als Grundlage für die Ausgestaltung der Handlungsfähigkeit des Menschen:

"Es geht eigentlich gar nicht anders als Technisches und Kultur zusammen zu sehen. Es geht ja um die Handlungskraft und den Handlungswillen des Menschen. Wenn ich mal im ganz übergeordneten Sinne über Kultur spreche und Handeln quasi mit Hilfen, und da werde ich jetzt mal Technik drunter subsumieren wollen, kann nicht künstlich getrennt werden."

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