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Von Tieffliegern und Bruchpiloten

Die wirtschaftlichen Folgen des Berliner Flughafendesasters

Von Claudia van Laak

Besonders hart trifft die Verzögerung beim Hauptstadtflughafen Händler und Gewerbetreibende.
Besonders hart trifft die Verzögerung beim Hauptstadtflughafen Händler und Gewerbetreibende. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Bereits zum vierten Mal musste der geplante Starttermin für den Berliner Großflughafen BER verschoben werden. Für Unternehmer und Gewerbetreibende, die sich dort bereits eingemietet haben, ist die Verzögerung mit erheblichen finanziellen Verlusten verbunden. Denn Zins und Tilgung laufen weiter.

Eine Villa im gediegenen Südwesten Berlins, Neujahrsempfang eines Unternehmerverbands. Am Tag zuvor hat Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit den Misstrauensantrag der Opposition überstanden. Natürlich ist der Flughafen Berlin-Brandenburg das bestimmende Thema zwischen Sekt und Häppchen. Manch ein Unternehmer sagt auch: Fluchhafen.

"Das ist eine katastrophale Entwicklung, ziemlich schlimm und bestätigt ja leider das Vorurteil, Berlin kann's ja doch nicht."

"Dass auch weltweit deutsche Ingenieurskunst belächelt wird und das ist ein Debakel für die Stadt."

"'Ne Schande, dass wir in einem Land wie Deutschland das nicht hinkriegen, einen Flughafen zu bauen."

"Grauenhaft, wirklich grauenhaft und Berlin versinkt wieder so in seiner Mittelmäßigkeit, fürchterlich."

Bettina Mützel echauffiert sich, ihre Stimme wird laut. Sie ist Geschäftsführerin der Firma "TTS-Office-Support", einem Büroservice für Freiberufler und Kleinunternehmer. Sie engagiert sich in der IHK und beim Verband der Familienunternehmer. Die Nachricht von der vierten Verschiebung des Eröffnungstermins war keine zwei Minuten alt, da kamen die ersten bösen Mails, erzählt Bettina Mützel:

"So nach dem Motto 'Wir können alles außer Flughafen', man muss sich das schon anhören: 'Na, habt ihr jetzt schon einen Flughafen?' Noch ist es lustig, aber es wird irgendwann beißend."

Die Umstehenden nicken, alle Unternehmer hier haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Kein Telefonat mit Kunden oder Geschäftspartnern in München, Hamburg oder London ohne Witzeleien über den Hauptstadtflughafen. "Berlin kriegt keinen hoch", wird geunkt. Oder: "Der Schimmel über Berlin." Eine Facebook-Gruppe lädt zur Flughafeneröffnung am 1. April 2026 ein, 84.000 haben schon zugesagt. Und dann ist da noch die Postkarte mit dem Foto von Walther Ulbricht: "Wir haben nicht die Absicht, einen Flughafen zu errichten." Ha-ha-ha. Den meisten bleibt das Lachen längst im Hals stecken.

Umfrage Unternehmer: "Wenn ich so im Unternehmen planen würde, könnte ich mein Unternehmen schließen. - Keiner möchte so schnell hierher, weil, wenn wir nicht mal einen Flughafen hinkriegen, wie kriegen wir dann das wirtschaftlich gestemmt in dem Land."

Die Unternehmer befürchten einen langfristigen Imageschaden für Berlin, der schwer zu beheben ist. Und sie fordern, – in seltener Übereinstimmung mit den Grünen - die Politiker aus dem Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft abzuziehen und stattdessen Bauexperten zu entsenden.

Umfrage Unternehmer: "Ich würde mir im Übrigen auch wünschen, dass der Aufsichtsrat mit Fachleuten besetzt wird, und nicht weiterhin mit Politikern.
– Eine Katastrophe, die Politik hat da drin nichts zu suchen."

Die Spitzen der Wirtschaftsverbände sehen dies anders als ihre Mitglieder. Natürlich müssen die Eigentümer des Flughafens, also die Länder Berlin, Brandenburg und der Bund, im Aufsichtsrat vertreten sein, sagt Berlins IHK-Chef Eric Schweitzer:

"Wenn es eine öffentliche Gesellschaft ist, dann ist es auch richtig, dass Politiker, diejenigen, die den Eigentümer vertreten, also den Staat, auch dort vertreten sind. Ob es alleinig die Politik sein muss, oder ob es Politiker sein müssen, oder ob es nicht sinnvoll ist, hier eine richtige Mischung zu finden, das ist hier die Diskussion."

Eric Schweitzers Stimme ist eine wichtige in Berlin und bald auch im Bund – im März wird der Unternehmer aller Voraussicht nach zum Präsidenten des Deutschen Industrie- und Handelskammertags DIHK gewählt. Schweitzer fordert von Flughafen und Politik, sich jetzt um die kleinen Händler und Gewerbetreibenden zu kümmern, die sich am Hauptstadtflughafen eingemietet haben.

Eric Schweitzer: "Der, der nicht aus eigener Schuld in wirtschaftliche Schwierigkeiten kommt durch die Verschiebung, das klassische Beispiel diejenigen, die Ladenflächen gemietet haben am Flughafen, die Personal eingestellt haben, die investiert haben am Flughafen, das ist kein eigenes schuldhaftes Verhalten, denen sollte geholfen werden und da werden wir auch drauf drängen."

Die 160 Läden, Restaurants und Serviceeinrichtungen sind fix und fertig eingerichtet, die Betreiber haben dafür in den allermeisten Fällen Kredite aufgenommen. Zins und Tilgung laufen weiter, die Einnahmen aber bleiben aus. So auch bei Beatrice Posch.

"Die kleine Gesellschaft", so heißen die Spielzeugläden von Beatrice Posch. Zwei davon gibt es bereits in Berlin, der dritte sollte am neuen Hauptstadtflughafen BER entstehen:

"Mich hat angezogen am Flughafen, dass vor allem regionale Läden und Gastronomen eine Hauptrolle spielen sollten, und dass das eigentlich den Flughafen unverwechselbar machen sollte im Vergleich zu allen anderen Flughäfen in Deutschland."

Kleinunternehmer aus Berlin und Brandenburg sollten den Vorrang vor großen Handelsketten und Filialisten erhalten und damit zum Wirtschaftsaufschwung in der Region beitragen. So sah es das Konzept der Flughafengesellschaft vor, für das es viel Lob gab. Eine Confiserie aus der Lausitz, eine Uhren-Manufaktur aus Berlin, der Spielzeugladen von Beatrice Posch. All diese Kleinunternehmer haben jetzt das Nachsehen:

Beatrice Posch: "Also, ich gehe mit meinen Vertragspartnern anders um. Seit Sommer ruhen die Gespräche mit dem Flughafen, weil man nicht vorwärts kommt. Für mich ist das sehr viel Geld, da erwarte ich schon, dass der Flughafen auf uns zukommt."

Rechtlich gesehen ist die Flughafengesellschaft auf der sicheren Seite. In den Verträgen mit den Mietern ist vereinbart, dass diese nur einen Anspruch auf Schadensersatz haben, wenn sich die Eröffnung des Airports um mehr als 18 Monate verzögert. Das heißt: Finanzielle Entschädigung erhalten die Mieter nur, wenn der Hauptstadtflughafen Willy Brandt nicht bis spätestens November 2014 in Betrieb geht. Die Einzelhändler und Gastronomen hoffen, dass ihnen bis dahin nicht die Puste ausgeht. Und sie sind besorgt über die neuesten Meldungen von der Baustelle. War bislang immer davon die Rede, den Flughafen fertig bauen zu müssen, heißt es plötzlich: Es sind Umbauten nötig, zum Beispiel der Brandschutzanlage. Unternehmerin Posch geht deshalb davon aus, dass ihre bisherigen Investitionen in Höhe von mehreren zehntausend Euro komplett für die Katz waren. Das für den neuen Laden am Flughafen eingestellte Personal musste sie wieder entlassen:

"Sie haben da mit Ihrem Geld eine Decke eingebaut in diesen Flughafen, und die muss rückgebaut werden, fachmännisch gesagt. Und Rückbau heißt einfach mal Abriss. Also, die reißen das, was Sie mit Ihrem Geld dort bezahlt haben wieder raus, nur um ihre Arbeiten, die irgendwo fehlerhaft gemacht wurden, dann wieder zu berichtigen."

Die ursprünglich gute Idee der Flughafengesellschaft, viele Läden und Restaurants an regionale Mittelständler zu vermieten, erweist sich jetzt als Bumerang. Ist doch die Verschiebung des Eröffnungstermins für die Kleinen viel schwerer verkraftbar als für Großkonzerne wie Starbucks oder McDonalds.

"Was mich ärgert: dass die einfach bedenkenlos Gelder nachschieben, die aufgrund der Verzögerung entstanden sind, aber die Kleinbetriebe, die Mittelständler bekommen keine Unterstützung, das ist der Politik völlig egal, da heißt es plötzlich, das ist unternehmerisches Risiko."

Schimpft Leonhard Müller, Geschäftsführer der Uhren-Manufaktur Askania. Er hatte Glück im Unglück, konnte einen leer stehenden Laden am Flughafen Tegel übernehmen. Andere haben es wirtschaftlich schwerer, der Imbissbetreiber Gregor Klässig zum Beispiel. Er hat 250.000 Euro für eine neue Kücheneinrichtung ausgegeben. Die Herde, Fritteusen und Kaffeemaschinen stehen jetzt auf der Airport-Baustelle und stauben ein. Seine bisherigen Gespräche mit der Flughafengesellschaft sind für ihn unbefriedigend gelaufen. Klagen will Klässig nicht – wie viele andere vom Flughafendebakel betroffene Mittelständler kann er sich eine lange juristische Auseinandersetzung nicht leisten:

"Um zu klagen, müssen Sie ein dickes Polster haben und auch darauf vertrauen und auch so risikobereit sein, dass Sie dort eine Chance haben zu gewinnen. Und da schrecken sicherlich viele davor zurück."

Karsten Schulze: "Die Weißen stehen draußen, kann ich da ran oder brauche ich einen Schlüssel?"

Der Busunternehmer Karsten Schulze in seiner Werkstatt in Berlin-Spandau. Die Weißen – das sind drei Überlandbusse, die er für insgesamt 800.000 Euro gekauft hat:

"Ja, da stehen sie, die Prachtexemplare."

Zwei Busse sind es noch, den dritten hat Karsten Schulze bereits unter Wert weiterverkauft. Der Unternehmer wollte mit den Überlandbussen einen Shuttleverkehr von Berlin-Steglitz zum Flughafen Schönefeld anbieten. Alles war mit dem Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg, dem VBB, abgesprochen. Schulze steigt in den Bus, zeigt auf den Fahrscheinautomaten:

"Ja, wie Sie sehen, VBB-Fahrscheindrucker, -entwerter. Alles da, alles gekauft, für nichts. Ich hab für 3000 Euro Fahrscheinrollen gekauft, die kann ich alle wegschmeißen. Da sich aber der Farbcode des VBB ändern wird im Jahr 2014, sind die, die wir gekauft haben, wir wollten ja schließlich ab 2012 schon fahren, leider Gottes wertlos."

Karsten Schulze rechnet mit einem Verlust von insgesamt 300.000 Euro. Die Hoffnung auf eine schnelle Inbetriebnahme des Flughafens hat er inzwischen aufgegeben, versucht jetzt, die verbliebenen zwei Busse ebenfalls zu verkaufen. Die entstandenen Schäden müssen schleunigst ausgeglichen werden, fordert der Busunternehmer im Namen aller Betroffenen:

"Ich denke, dass die Verantwortlichen im Aufsichtsrat die Geschäftsführung jetzt ganz klar anweisen müssen, bringt das in Ordnung, gleicht den Schaden aus, der entstanden ist, kauft den Ladenbetreibern zum Beispiel, die Läden am Flughafen errichtet haben, die Einrichtung ab. Dann sind die klein- und mittelständischen Unternehmen da raus. Und wenn ihr in vier Jahren soweit seid, dann könnt ihr die ja wieder anrufen und dann bauen die ihren Laden wieder auf."

Berlins Wirtschaftsverwaltung hat den betroffenen Gastronomen und Händlern Hilfe angeboten, zum Beispiel verbilligte Kredite. Eine finanzielle Entschädigung dürfte es allerdings nicht geben – denn dann treten all die auf den Plan, die ebenfalls wirtschaftliche Nachteile durch die erneute Verschiebung der Inbetriebnahme erlitten haben. Dazu gehören Fluggesellschaften, Bauunternehmen, auf Gewinn erpichte Flächenbesitzer rund um den Airport, die entlassenen Planer und Architekten und nicht zuletzt die Deutsche Bahn. 636 Millionen Euro hat das Bundesunternehmen in den unterirdischen Flughafenbahnhof investiert. Alles war startbereit, ab Juni 2012 hätten Passagiere die S-Bahn zum Flughafen BER nutzen können. Die Fahrpläne waren bereits geschrieben, versichert Jens-Oliver Voß, Pressesprecher der Deutschen Bahn:

"Ja, die Deutsche Bahn hat den Bahnhof rechtzeitig fertig gestellt, also zur Inbetriebnahme des Flughafens Berlin-Brandenburg wären dort auch Bahnen gefahren."

Nicht so schlimm, könnte man sagen: Beton ist geduldig. Doch das stimmt nicht. Wird der unterirdische Bahnhof nicht regelmäßig belüftet, bildet sich – wie in einer Wohnung - Schimmel. Feuchtigkeit richtet immense Schäden an:

Jens-Oliver Voß: "Wir haben die sogenannten Belüftungsfahrten, wir müssen darauf achten, dass kein Schimmel in den unterirdischen Anlagen sich ansetzt, weil die Luft dort steht, die Feuchtigkeit dort steht. Zwei- bis dreimal am Tag schicken wir Züge durch. Wir haben Mitarbeiter, die nachschauen, ob alles in Ordnung ist, wir bewachen die Infrastruktur, die auch zum Bahnhof hinführt. Gegen Buntmetalldiebstahl beispielsweise."

Dazu kommen Verluste durch entgangene Fahrkartenverkäufe, alles zusammen monatlich zwei Millionen Euro. Air Berlin dagegen verrät nicht, wie hoch der Schaden pro Monat ist. Die wirtschaftlich angeschlagene Airline hat voll auf den Umzug von Tegel nach Schönefeld gesetzt, wollte ihr internationales Drehkreuz am neuen Hauptstadtflughafen errichten. Jetzt hat das Unternehmen angekündigt, fast jede 10. Stelle zu streichen, 900 Jobs fallen damit weg. Die Verzögerung beim Hauptstadtairport dürfte ein Grund für das rigide Sparprogramm von Deutschlands zweitgrößter Fluggesellschaft sein. Air Berlin hat vorsorglich eine Feststellungsklage gegen die Flughafengesellschaft eingereicht, hält sich mit öffentlichen Äußerungen allerdings zurück. Berlins IHK-Chef Eric Schweitzer appelliert:

"Da muss man in guten Gesprächen zwischen der Politik, dem Flughafen und Air Berlin schauen, dass man Lösungen findet, zur Zeit gibt es ja ein Klageverfahren von Air Berlin gegenüber den Flughafen, welches wir unterstützen. Hier ist aber sicherlich besser, dass nicht geklagt wird, sondern dass man versucht, nicht auf gerichtlichem Wege eine Lösung zu finden, sondern auf einvernehmlichem Wege."

Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft rechnet mit einem Gesamtschaden in dreistelliger Millionenhöhe für die Airlines. Genau wie Air Berlin hatte sich auch die Lufthansa längst auf einen Umzug von Tegel nach Schönefeld eingestellt und eine Wartungshalle auf dem Flughafen Willy Brandt gebaut. Die haben wir abgeschlossen, sagt Lufthansa-Chef Christoph Franz. Er warnt davor, vorschnell einen neuen Eröffnungstermin zu nennen:

"Ich glaube, was jetzt wichtig ist, ist eine sorgfältige Bestandsaufnahme. Der nächste Aufschlag muss sitzen, und deswegen ist Qualität und nicht Geschwindigkeit auf der Prioritätenliste ganz oben."

Deutschlands größte Airline will vorerst keine Klage gegen die Flughafengesellschaft einreichen. Schließt sie aber nicht gänzlich aus. Abgerechnet wird zum Schluss, heißt es bei der Lufthansa. Es gibt allerdings eine aktuelle Forderung: den alten, überlasteten Flughafen Tegel noch einmal ertüchtigen. Vorstandsvorsitzender Franz:

"Hier muss jetzt Geld in die Hand genommen werden, hier muss jetzt schnell dafür gesorgt werden, dass wir einen stabilen und guten Flugbetrieb in den nächsten ein, zwei Jahren dort darstellen können. Ich hoffe, dass unsere Wunschliste da jetzt auch zügig in Angriff genommen wird."

"Wird erledigt", hat der neue Aufsichtsratsvorsitzende der Flughafengesellschaft, Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck, bereits mitgeteilt. Mit einem zweistelligen Millionenbetrag soll der alte Flughafen Tegel noch einmal auf Vordermann gebracht werden. Eine Ausgabe, die man sich hätte sparen können, wäre der BER rechtzeitig fertig geworden. Alle Blicke richten sich jetzt auf den neuen Aufsichtsratschef Platzeck. Dessen Parteifreund Klaus Wowereit hat den Job abgegeben und sich damit aus der Schusslinie genommen. Einen Rücktritt vom Amt des Regierenden Bürgermeisters wegen des Flughafendebakels lehnt der SPD-Politiker nach wie vor ab. Den Misstrauensantrag der Opposition hat er überstanden.

Klaus Wowereit: "Es ist viel komplizierter, sich der Verantwortung zu stellen, meine sehr verehrten Damen und Herren. Und ich gehöre zu denjenigen, die nicht weglaufen, sondern sich dieser Verantwortung stellen."

So Klaus Wowereit im Berliner Abgeordnetenhaus. Für die Opposition aus Linken, Grünen und Piraten ist das ein Rücktritt auf Raten. Viele rechnen damit, dass der Hauptstadtflughafen irgendwann von einem Regierenden Bürgermeister eröffnet werden wird, der nicht Klaus Wowereit heißt. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Abgeordnetenhaus, Ramona Pop:

"Der Regierende Bürgermeister hat die Chance auf einen würdigen Abgang verpasst, jetzt kommt für ihn der Abgang auf Raten. Wenn man zum Problembären wird und wie Pattex an seinem Sessel klebt, dann bleibt der letzte Skandal vermutlich wie Pattex an einem selber kleben. Herr Wowereit, wollen Sie sich das wirklich antun?"

Ein Flugzeug durchschneidet den Winterhimmel über dem Airport Willy Brandt. Es ist in Schönefeld gestartet, am früheren DDR-Zentralflughafen, nur einen Spaziergang vom neuen Airport entfernt. An dem herrscht Stille, die Bauarbeiten sind weitgehend eingestellt, weil der neue kommissarische Flughafenchef zunächst eine Bestandsaufnahme machen will. Die Ampeln vor dem Terminal blinken. Alle 30 Minuten fährt der Bus Nummer 734 vor, hält an. Kaum jemand steigt ein oder aus. Das fix und fertig eingerichtete Steigenberger Airport-Hotel ist von innen beleuchtet, aber die Tür bleibt verschlossen. Rund um den Flughafen: Fertig erschlossene Gewerbegebiete mit wohlklingenden Namen und großen Werbeschildern. Sie heißen "Logistik-Park", "Gatelands", oder "Airport-Park", stehen aber weitgehend leer. Nichts zu sehen von den 40.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen am neuen Airport, die die Politik immer wieder versprochen hatte.

An der Straße vor dem alten Flughafen stehen junge Leute, die Transparente schwenken. Sie werben für die Modemesse "Panorama" in den neuen Ausstellungshallen, eine Ergänzung zur Berliner Fashion-Week. Eine neue Modemesse am neuen Flughafen – eigentlich eine ideale Kombination, reisen doch sieben von zehn Fashion-Week-Besuchern mit dem Flugzeug an. Doch nach der vierten Verschiebung der Airport-Eröffnung sagten sich die Messemacher trotzig: Wir eröffnen auch ohne Flughafen.

Shuttle-Busse holen die Fachbesucher vom Flughafen Tegel und von den anderen Modemessen in der Innenstadt ab, fahren sie direkt auf das Gelände neben dem unfertigen Hauptstadtflughafen. Die drei Hallen sind voll mit Menschen, die neue "Panorama" ist ein Erfolg.

Umfrage:

"Ja, hervorragend. Also, ich bin erstaunt wie groß die schon ist für ein erstes Mal. Also, steht sehr gut da".

"Doch, ich bin sehr überrascht, übertrifft unsere Erwartungen deutlich".

"Aller Anfang ist schwer. Aber wir sind doch angenehm überrascht."

Ein Start von 0 auf 100: Mehr als 500 Modemarken haben sich in den neuen Ausstellungshallen an der Airportbaustelle präsentiert. Da die Premiere so erfolgreich war, wird die Modemesse Panorama ab sofort zweimal jährlich parallel zur Fashion-Week stattfinden. Dieses Mode-Event zieht von Jahr zu Jahr mehr Besucher an, ist für die Stadt mittlerweile wirtschaftlich bedeutender als die Berlinale. Berlin ist und bleibt also Kreativhauptstadt. Und wir können improvisieren, sagt Messechef Jörg Wichmann:

"Wir haben uns ja auch in den letzten Monaten unabhängig gemacht vom Flughafen. Die Messe, die braucht keinen Flughafen."

Die Messe vielleicht nicht, die Hauptstadt schon. Wann der Airport Willy Brandt eröffnet und wie viel er die Steuerzahler insgesamt kosten wird, diese Frage kann derzeit niemand beantworten.

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