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StartseiteKalenderblattDer Brotfrieden mit der Ukraine09.02.2018

Vor 100 Jahren Der Brotfrieden mit der Ukraine

Nach der Oktoberrevolution 1917 erklärte sich die Ukraine für unabhängig. Die Mittelmächte, darunter Deutschland und Österreich-Ungarn, befanden sich im Krieg gegen Russland. Sie erkannten die Ukraine an, forderten im Gegenzug Lebensmittellieferungen. Am 9. Februar 1918 wurde der Separatfrieden unterzeichnet.

Von Otto Langels

Deutsche Infanteristen verfolgen Bolschewiki in der Ukraine im Herbst 1917. (imago / Topfoto)
Deutsche Infanteristen verfolgen Bolschewiki in der Ukraine im Herbst 1917. (imago / Topfoto)
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"Deutschland, Österreich-Ungarn, Bulgarien und die Türkei einerseits und die Ukrainische Volksrepublik anderseits erklären, dass der Kriegszustand zwischen ihnen beendet ist. Die vertragschließenden Parteien sind entschlossen, miteinander fortan in Frieden und Freundschaft zu leben."

Mit diesen Sätzen beginnt der Friedensvertrag, den die vier Mittelmächte und die Ukraine am 9. Februar 1918 in der russischen Grenzstadt Brest-Litowsk unterzeichneten und der als "Brotfrieden" bekannt wurde. Zu dem Zeitpunkt waren deutsche und österreichische Truppen weit auf ukrainisches Territorium vorgedrungen.

Die Ukraine war bis 1917 Teil des Zarenreiches

Bis zu den politischen Umwälzungen des Jahres 1917 war die Ukraine Teil des Zarenreiches gewesen, erklärt der Osteuropahistoriker Jörg Baberowski von der Berliner Humboldt-Universität:

"Die Ukraine als solches existierte nicht als Staat und nicht als Territorium, sondern nur in der Imagination von Nationalisten. Der Nationalismus, das vergessen wir häufig heute, war eine sozial progressive Form der Mobilisierung."

Autonomiebestrebungen nach der Oktoberrevolution

Nach der Oktoberrevolution nahmen die Autonomie- und Unabhängigkeitsbestrebungen in dem Vielvölkerstaat Russland zu. In Kiew, Charkow und anderen großen Städten der Ukraine formierte sich eine nationale Bewegung, die sich im Januar 1918 von Russland lossagte."

"Die Unabhängigkeitserklärung der Ukraine ergab sich aus dem Zerfall des alten Imperiums. Und die überzeugendste Struktur, die sich aus dem Machtvakuum ergab in fast allen Regionen des Imperiums, war der Nationalstaat. Aserbeidschan, Georgien, Lettland, die Ukraine, all diese Staaten erklärten sich für unabhängig."

Separatfrieden für Gegenleistungen

In Brest-Litowsk verhandelten Abgesandte der Ukraine mit Vertretern der Kriegsgegner Deutschland und Österreich-Ungarn, um einen Separatfrieden zu schließen. Parallel führten die Mittelmächte Gespräche mit russischen Delegierten, um den Krieg im Osten zu beenden. Wichtigstes Ziel aufseiten der Ukraine war die internationale Anerkennung des jungen Staates.

Deutschland und Österreich-Ungarn hingegen waren in erster Linie an den riesigen Getreidefeldern der Ukraine interessiert. Denn vor allem die Deutschen hatten Probleme, ihre Bevölkerung in Kriegszeiten ausreichend mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Die "Kornkammer Europas" eröffnete einen Ausweg aus der zunehmenden Ernährungskrise. Das Ergebnis war der sogenannte Brotfrieden vom 9. Februar 1918.

"Die diplomatischen und konsularischen Beziehungen zwischen den vertragschließenden Teilen werden sofort nach der Ratifikation des Friedensvertrags aufgenommen werden. Die vertragschließenden Teile verpflichten sich gegenseitig, unverzüglich den Warenaustausch zu organisieren: Bis zum 31. Juli des laufenden Jahres ist der gegenseitige Austausch der Überschüsse der wichtigsten landwirtschaftlichen und industriellen Produkte zur Deckung der laufenden Bedürfnisse durchzuführen."

"Interessiert an der wirtschaftlichen Ausplünderung"

Dazu der Osteuropahistoriker Jörg Baberowski:

"Das ist das Eigentliche, woran die Deutschen interessiert waren. Sie interessierten sich im Grunde überhaupt nicht für die Ukraine und den ukrainischen Nationalstaat, sondern sie interessierten sich im Grunde nur für die wirtschaftliche Ausplünderung der Region."

Umgekehrt verschaffte der Vertrag der Ukraine auf dem Papier begrenzte diplomatische Anerkennung. Alexander Ssewrjuk, einer der Verhandlungsführer, betonte nach der Unterzeichnung:

"Wir sind überzeugt, dass wir einen demokratischen und für beide Teile ehrenvollen Frieden erzielt haben, und dass vom heutigen Tage an die ukrainische Volksrepublik als selbstständiges Reich in die internationalen Beziehungen eintritt."

Ukrainischer Staat als Marionette der Reichsregierung

Faktisch aber beruhte die Unabhängigkeit allein auf dem vordergründigen Entgegenkommen Deutschlands, der ukrainische Staat war nicht mehr als eine Marionette der Reichsregierung in Berlin.

"Und es war von da an klar, dass die Ukraine nur von Deutschlands Gnaden ein unabhängiger Staat sein würde. Vor allem aber hat das die ukrainische Führung diskreditiert, weil sie sich mit den Eroberern eingelassen hatte und weil sie die Eroberer in ihr Land ließ."

Aufgerieben im Bürgerkrieg 1918 bis 1921

Immerhin existierte 1918 trotz der Abhängigkeit von den Mittelmächten zum ersten Mal seit dem 17. Jahrhundert ein ukrainischer Staat, mit einer eigenen Verwaltung und einem eigenen Bildungswesen. Doch im russischen Bürgerkrieg der Jahre 1918 bis 21 wurde die ukrainische Republik aufgerieben.

"Eigentlich ist das ein tragischer Fall, weil die Ukraine als Staat zerfiel, sie wurde zum Spielball unterschiedlicher Parteien im Bürgerkrieg."

Im Dezember 1922 wurde die Ukraine Teil der neu gegründeten Sowjetunion mit begrenzter Autonomie. Erst mit der Auflösung der Sowjetunion im Dezember 1991 erlangte die Ukraine erneut ihre staatliche Unabhängigkeit.

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