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StartseiteKalenderblattDer unfreiwillige Geldfälscher von Sachsenhausen12.08.2017

Vor 100 Jahren geborenDer unfreiwillige Geldfälscher von Sachsenhausen

Der gelernte Drucker Adolf Burger musste nach seiner Verhaftung und Deportation für die SS im KZ Sachsenhausen schuften und in großem Maß Geld fälschen. Am 6. Mai 1945 wurde er befreit. Heute wäre Adolf Burger hundert Jahre alt geworden.

Von Bernd Ulrich

Autor Adolf Burgerbei der Vorstellung der Neuererscheinung "Des Teufels Werkstatt" am Mittwoch (11.04.2007) in Berlin an seinem Buch vorbei. Burger, geboren 1917 in der Slowakei, berichtet über den größten Geldfälscherbetrieb, der sich hinter dem Decknamen "Unternehmen Bernhard" verbarg. Er war einer von insgesamt 144 jüdischen Häftlingen, die im Konzentrationslager Sachsenhausen unter der höchsten Geheimhaltung vor allem britische Pfundnoten fälschten. Burger lebt heute in Prag. Foto: Rainer Jensen dpa/lbn +++(c) dpa - Report+++ | Verwendung weltweit (dpa)
Adolf Burger -2007 mit seinem Erinnerungsbericht "Des Teufels Werkstatt", der inzwischen in viele Sprachen übersetzt wurde. Seine Erinnerungen dienten auch als Vorlage für den Spielfilm «Die Fälscher»,von 2008 (dpa)

"Nach dem Frühappell musste ich zum Lagerführer. Ich klopfte und stellte mich stramm und meldete Häftling 64401 zur Stelle. Da guckt er rauf, und sagt: ‚Sind Sie Herr Burger?‘ Ich bin erschrocken, man durfte ja seinen Namen nicht sagen. Da sagte ich nur so: Jawohl. Sagt er: ‚Sind Sie Buchdrucker von Beruf?‘ Dann sag ich: ja! Da steht er auf, und er sagt: ‚Herr Burger, morgen kommen Sie von hier weg, Sie fahren nach Berlin. Wir brauchen solche Fachleute wie Sie sind in unseren Buchdruckereien.‘"

Von Auschwitz ging die Fahrt für Adolf Burger im Spätsommer 1944 nicht nach Berlin, sondern ins KZ Sachsenhausen. Dort wurde er in zwei Holzbaracken, "Blöcke" genannt, untergebracht, erinnert sich Burger: 


"Aber was waren das für Blöcke? Die waren ja von oben bis unten mit Stacheldraht verzogen, über die Dächer. Wie eine Mausefalle sah das aus!"

Adolf Burger, geboren am 12. August 1917 im damaligen Großlomnitz am Fuße der Hohen Tatra, weiß wovon er spricht. Nach seiner Verhaftung als Widerstandskämpfer in der Slowakei und seiner Deportation nach Auschwitz 1943 vermochte er mit Glück und Geschick – anders als seine geliebte Ehefrau - über ein Jahr zu überleben. Auch von den Holzbaracken in Sachsenhausen ging eine starke Bedrohung aus. Burger begriff sofort:

130 Millionen Pfund Sterling wurden gefälscht

"Eineinhalb Jahre hab ich gekämpft drum, um zu überleben, um einmal rauszukommen, um einmal zu sagen, was diese Nazis fähig waren. Und dann komm ich in einen Block, und das ist ja schrecklich, das ist ja schrecklich, ein Zeuge zu werden, und selbst mitzumachen bei Fälschungen von englischen Pfundnoten, das ist ja ein Staatsterrorismus, das ist ja ein Verbrechen – und wenn jemand, ein Häftling, von so einem Verbrechen weiß, dann ist er ja eigentlich im Vorhinein zum Tode verurteilt."

Die so genannte Fälscherwerkstatt wurde auf Befehl Heinrich Himmlers im Herbst 1942 eingerichtet und vom SS–Sturmbannführer Krüger organisiert. Die Tarnbezeichnung lautete nach dessen Vornamen: "Aktion Bernhard". In deren Verlauf hatten bis Anfang Mai 1945 über 140 jüdische Spezialisten wie Drucker, Graveure oder Schriftenmaler, die in NS-Lager verschleppt worden waren, Pässe, Dokumente, Briefmarken, vor allem aber Banknoten nachzumachen. Allein über 130 Millionen Pfund Sterling wurden gefälscht – überaus erfolgreich im Übrigen - und gleichermaßen eingesetzt zur Destabilisierung der englischen Währung wie zur Beschaffung dringend benötigter Devisen.

Der Schriftenmaler Isaak Jack Plapler aus Kassel etwa erlebte im KZ Ravensbrück seine Abkommandierung zur "Fälscherwerkstatt" so, erinnert sich Jack Plapler: 


"Die Juden mal herhören! Wer von Euch ist Maler, wer ist Drucker, wer ist Graveur, wer ist Grafiker? Und da haben wir uns gemeldet!"

Angesichts der Fälschungserfolge mussten die Häftlinge im Akkord schuften. Agnes Ohm, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Gedenkstätte Sachsenhausen:

Der Holocaust-Überlebende Adolf Burger (Archivbild).  (ISIFA)Adolf Burger (Archivbild). (ISIFA)

"Man hat dann die Produktion, nachdem es erfolgreich war, hochgefahren, und dann mussten die Häftlinge im Schichtdienst arbeiten, täglich zwölf Stunden, Beginn war morgens um 6 und abends um 6."

Ab dem 20. Februar 1945 erfolgten die Auflösung der Werkstatt in Sachsenhausen und ihre Verlegung in das KZ Mauthausen. In dessen Außenlager Schlier sollte die Produktion weitergehen – unter Aufsicht der brutal agierenden SS, so Adolf Burger:


"Der eine hat angefangen auf uns zu brüllen, der hat geschrien: Was lungert ihr herum, rein in Block, rein in Block! Ich hab wieder gesehen das verzerrte Gesicht der SS-Leute von Auschwitz. Die Maske ist gefallen .Sie hatten schon den Befehl zur Liquidation in der Hand von Krüger, und wir wurden auf einmal ganz gewöhnliche Juden, Häftlinge, und die wurden auf einmal SS-Leute."

Burger stirbt im Dezember 2016

Am 6. Mai 1945 wurden Adolf Burger und 133 weitere Überlebende von amerikanischen Soldaten befreit. Burger arbeitet zunächst wieder als Drucker in Prag. Aber als sich die Holocaustleugnungen häuften, widmete er seit 1972 sein Leben der Aufklärung. Bis zu seinem Tod im Dezember 2016 hat Adolf Burger vermutlich vor fast 100.000 jungen Menschen gesprochen:


"Die hören von mir drei Stunden alles, was in Birkenau und Auschwitz geschehen ist, wie vergast wurde, alles. Und wie wir gedruckt haben das Falsche Geld. Alles sage ich Ihnen, ja? Aber dann am Ende sag ich: Ihr dürft nie, nie zu den Neonazis!"

 

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