Sonntag, 21.01.2018
StartseiteKalenderblattWilsons Programm für den Weltfrieden in 14 Punkten08.01.2018

Vor 100 JahrenWilsons Programm für den Weltfrieden in 14 Punkten

Frieden, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung für alle Nationen der Welt: Nichts Geringeres hatte US-Präsident Wilson im Sinn, als er vor 100 Jahren seine 14 Bedingungen für eine stabile Weltordnung verkündete. In Europa machte er sich mit diesem Masterplan keine Freunde.

Von Bert-Oliver Manig

US-Präsident Woodrow Wilson. (imago/United Archives International)
US-Präsident Woodrow Wilson entwarf vor 100 Jahren eine Alternative zur klassischen Machtpolitik. (imago/United Archives International)
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Woodrow Wilson, der 28. Präsident der Vereinigten Staaten, besaß zeitlebens einen starken Glauben an die Kraft des Rechts: Schon der Neunjährige schrieb eine "Verfassung" für sein Baseballteam. Und als der Sohn eines presbyterianischen Pfarrers 1913 ins Weiße Haus einzog, sah er seine Mission in der Wiederherstellung der Rechte aller gegenüber mächtigen egoistischen Einzelinteressen:

"Gegenwärtig erleben wir die Nation im Aufbruch. Offensichtlich ist ein neues Zeitalter angebrochen. Zwei große Aufgaben liegen vor uns. Eine davon ist die Etablierung der Herrschaft der Gerechtigkeit und des Rechts."

Doch Wilson ging nicht als erfolgreicher innenpolitischer Reformer, sondern als gescheiterter außenpolitischer Revolutionär in die Weltgeschichte ein. Nachdem die USA 1917 widerwillig in den Ersten Weltkrieg eingetreten waren, strebte Wilson nichts Geringeres als eine grundlegende Neuordnung der internationalen Politik an. Ohne die verbündeten Regierungen in London, Paris und Rom zu konsultieren, verkündete er am 8. Januar 1918 in einer Rede vor beiden Häusern des US-Kongresses 14 Bedingungen für eine stabile Weltfriedensordnung, darunter vor allem:

"Öffentliche Friedensverträge, die offen zustande gekommen sind, und danach sollen keine geheimen internationalen Vereinbarungen irgendwelcher Art mehr getroffen werden, sondern die Diplomatie soll immer offen und vor aller Welt arbeiten. Ein allgemeiner Bund der Völker muss gegründet werden, um großen und kleinen Nationen gleichermaßen Garantien ihrer territorialen Unversehrtheit und Unabhängigkeit zu geben."

Territoriale Einbußen für Deutschland, Auflösung des Vielvölkerstaats Österreich-Ungarn

Wilson beschränkte sich in seinen 14 Punkten nicht auf die Zukunftsvision einer demokratischen Weltordnung ohne Geheimdiplomatie, Hegemoniestreben und Rüstungswettläufe, sondern er legte auch die amerikanische Position zur unvermeidlichen territorialen Neuordnung Europas dar. Seine Leitidee des Selbstbestimmungsrechts der Nationen bedeutete für Deutschland territoriale Einbußen, für Österreich-Ungarn die faktische Auflösung des Vielvölkerstaats. Aber auch Großbritannien, Frankreich und Italien mutete Wilson einiges zu, etwa indem er sich für die Rechte der kolonialisierten Völker Asiens und Afrikas stark machte.

Die verbündeten Regierungen in Paris, London und Rom reagierten daher kühl auf Wilsons Vorstoß. Am schärfsten fiel jedoch die Ablehnung des deutschen Kriegsgegners aus. Reichskanzler Graf Georg von Hertling warf Wilson am 24. Januar 1918 im Reichstag Hochmut vor:

"Immer wieder dringt die Auffassung durch, als seien wir die Schuldigen, die Buße tun und Besserung geloben müssen. So spricht der Sieger mit dem Besiegten. Von diesem Standpunkte sollen sich auch die Führer der Entente zuerst losmachen. Mögen sie sich gesagt sein lassen: Unsere militärische Lage war niemals so günstig, wie sie jetzt ist!"

Deutschland begann im März 1918 eine Großoffensive an der Westfront, um den endgültigen Sieg zu erringen. Nach immensen Opfern auf beiden Seiten – mehr als eine Million Soldaten verloren binnen dreier Monate Leben oder Gesundheit – lief sich der deutsche Vormarsch fest. Die Reichsregierung richtete im September 1918 ein Waffenstillstandsgesuch an Wilson.

Durchsetzen konnte er allein den Völkerbund

Nach dieser faktischen Kapitulation setzte man in Deutschland plötzlich alle Hoffnung in einen gerechten "Wilson-Frieden". Doch wer meinte, der US-Präsident könne jetzt noch bei seinen Verbündeten milde Friedensbedingungen durchsetzen, musste politisch naiv oder verlogen sein. Denn die deutsche Niederlage schwächte Wilsons Verhandlungsposition innerhalb der Entente. Der französische Premierminister Georges Clemenceau spottete auf der Pariser Friedenskonferenz:

"Wilson langweilt mich mit seinen 14 Punkten; selbst der Allmächtige hatte nur 10 Gebote."

Die Pariser Friedensverträge trugen nur zum Teil Wilsons Handschrift. Sein wichtigstes Ziel, die Gründung eines Völkerbundes, hat er durchsetzen können. Aber der US-Senat lehnte die Ratifizierung des Versailler Friedensvertrags ab, die USA fielen in den Isolationismus zurück - in Wilsons Augen eine kleinmütige, unehrenhafte und unverantwortliche Haltung, die die Welt erneut ins Chaos stürzen musste. Sein revolutionärer Gedanke einer weltweiten Ordnung kollektiver Sicherheit war entscheidend geschwächt. Und in Europa wurde schon bald wieder mit verheerenden Folgen Großmachtpolitik betrieben.

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