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StartseiteKalenderblattVor 185 Jahren verbietet König Friedrich Wilhelm III. in Preußen das Turnen02.01.2005

Vor 185 Jahren verbietet König Friedrich Wilhelm III. in Preußen das Turnen

<em>Wir leben in einer schweren Zeit. Mein Freund Karl-Ludwig Sand hat den Kotzebue ermordet; ein unglückliches Schlachtopfer, die That kann christlicher Weise nicht gebilligt werden, aber der Thäter ist gewiss rein vor Gott und seinem Gewissen, er wollte die Morgenröthe wecken.</em>

Von Klaus Kühnel

Schrieb Ernst Eiselen am 4. April 1819 in sein Tagebuch. Er war Dutzfreund von Friedrich Ludwig Jahn und begeisterter Anhänger einer Bewegung, die Jahn vor knapp 15 Jahren ausgelöst hatte. Damals war Preußen von französischen Truppen besetzt und Jahn vertrat die Ansicht:

Das Vaterland kann nur durch Ertüchtigung seiner Krieger von dieser Schmach befreit werden.

Er wusste auch, wie dieses Ziel zu erreichen war:

Das Mittel ist jugendfrische, die Knaben in ihrer Vollkraft packende Leibeskunst.

Da Friedrich Ludwig Jahn nicht nur zu übertriebener Deutschtümelei und Franzosenhass hart an der Grenze zum Chauvinismus neigte, sondern auch romantisch verbrämte Vorstellungen vom Mittelalter hatte, erfand er für die von ihm propagierten Leibesübungen der Jugend auch gleich deren Bezeichnungen - in Anlehnung an die Ritterturniere der Vergangenheit .

Turnen. Turner. Turnzeug. Turnlehrer. Turnplatz. Turngerät.

An den schulfreien Nachmittagen, das war jeweils mittwochs und samstags, zogen der Berliner Lehrer Jahn und sein Bewunderer Eiselen seit 1811 mit einer stetig wachsenden Zahl junger Menschen in die Hasenheide, wo sich einst ein kurfürstliches Hasengehege befand und jetzt ein "Turnplatz" eingerichtet war. Dort setzte Jahn seine Theorie in die Praxis um. Seine Turner trugen einheitliche Kleidung, die alle Körperbewegungen ermöglichte und natürlich aus deutschen Fabriken stammen sollte.

Eine grauleinene Jacke und eben solche Beinkleider kann sich jeder anschaffen. Würden Zeuge von ausländischen Stoffen geduldet, so müssten sich die Übungen gar bald in Übungen für Reiche, Vermögende, Bemittelte, Wohlhabende, Unbemittelte, Dürftige und Arme teilen.

Bald war Turnen die Mode Nummer eins in Berlin. Ganze Völkerscharen zogen zur Hasenheide und bewegten sich an den meist auch von Jahn erfundenen Turngeräten: Reck, Barren, Schwebebalken, Kletterstangen. Während des Turnens waren Tabak und Branntwein verboten, gestärkt wurde sich mit Brot, Salz und Wasser. Was die Berliner begeisterte, betrachtete die Polizei mit einigem Misstrauen, das sich nach der Völkerschlacht bei Leipzig noch erhöhte. Viele Turner hatten sich an diesem Kampf beteiligt. Sie waren nun Studenten geworden, hatten Burschenschaften gegründet und bei ihrem Treffen auf der Wartburg 1817 ein paar symbolische Gegenstände verbrannt.

Ich übergebe dem Feuer einen preußischen Schnürleib, einen österreichischen Korporalstock, einen hessischen Militärzopf.

Das war Rebellion und Aufbegehren! In den Augen der Herrschenden trugen Turnvereine und Burschenschaften die Schuld daran. Überall wurden jetzt deren Anhänger aufgespürt, als Demagogen, als Volksverführer, verfolgt, verhaftet, zu hohen Strafen verurteilt.

Das Aufwiegeln des Volkes muss um jeden Preis unterbunden werden.

In Preußen, in Hessen, in Bayern, aber auch in Österreich und Russland gärte es wie in einem Dampfkessel. Die um den Erhalt ihrer Macht besorgten Regierungen versuchten, den Deckel mit Gewalt niederzuhalten. Die Unterdrückten wollten sich indes nichts gefallen lassen und wehrten sich, auch mit fragwürdigen Mitteln. Sie schreckten selbst vor Mord nicht zurück. Karl Sand, Student der Theologie, Burschenschafter, Turner, Freund von Eiselen und Jahn, ein exaltierter Mann, wollte seinerseits ein Zeichen setzen und erdolchte den Stückeschreiber August von Kotzebue.

Das ist ein Spion des Zaren. Er hasst Freiheit und Gleichheit, welche wir Turner erstreben.

Der Mord an Kotzebue gab dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. endlich einen Vorwand, seinen lange gehegten Plan zu verwirklichen: Am 2. Januar 1820 verbot er das Turnen in der Hasenheide und sämtliche Turnvereine in Preußen. In der entsprechenden Kabinettsorder heißt es:

Alles Turnen hat schlechterdings zu unterbleiben. Nicht allein diejenigen, so dagegen handeln sind durch Strafe und Härte davon abzuhalten, sondern auch die, welche darüber berichten.

Natürlich ließen sich die Berliner ihre Lieblingsbeschäftigung nicht nehmen. Allerdings turnten sie nun nicht mehr öffentlich, sondern nutzten dazu Hausböden, Wohnzimmer, Keller. 22 Jahre mussten sie das tun, dann wurde das Turnen in Preußen wieder erlaubt.

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