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StartseiteKalenderblattFriedensschluss in El Salvador16.01.2017

Vor 25 Jahren Friedensschluss in El Salvador

Es war einer der grausamsten Bürgerkriege Lateinamerikas: Über zehn Jahre lang kämpfte im kleinen El Salvador die linksgerichtete Guerilla-Bewegung FMLN gegen das Militär-Regime. Heute vor 25 Jahren beendete ein Friedensvertrag die Kämpfe, die Ursachen der Gewalt aber beseitigte er nicht.

Von Matthias Bertsch

Flagge von El Salvador, 30.01.2007 - EPA/RPBERTO ESCOBAR (picture alliance / dpa / EPA/RPBERTO ESCOBAR)
El Salvador ist seit dem Friedenvertrag von 1992 Demokratie (picture alliance / dpa / EPA/RPBERTO ESCOBAR)
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Es war einer der grausamsten Bürgerkriege Lateinamerikas: über zehn Jahre lang kämpfte im kleinen El Savador die linksgerichtete Guerilla-Bewegung FMLN gegen ein korruptes Regime und brutal agierende Militärs. Etwa 70.000 Menschen fielen dem Konflikt zum Opfer, tausende blieben  vermisst. Der heute vor 25 Jahren unterzeichnete Friedensvertrages beendete die Kämpfe. Doch die wichtigsten Ursachen der Gewalt beseitigte er nicht

"Ich möchte einen besonderen Appell an die Männer in der Armee richten: Brüder, die Menschen, die ihr tötet, gehören unserem Volk an, es sind Bauern, die eure Brüder sind"

Verehrer des ermordeten Erzbischofs Romero tragen ein Porträt von ihm durch die Straßen. (Oscar Rivera, dpa picture-alliance)Romero war ein schonungsloser Kritiker von sozialer Ungerechtigkeit und Bandenkriminalität in seinem Land. (Oscar Rivera, dpa picture-alliance)"Der Erzbischof von San Salvador, Oscar Arnulfo Romero, wurde 1977 zum Bischof gewählt, war eher ein Kandidat, der galt als ein Vertreter des konservativen Klerus, und hat sich dann aber, nachdem ein Pfarrer in einer Gemeinde seiner Diözese ermordet wurde, 1977, sehr schnell eben von der Oligarchie abgewendet, hat gemerkt, es muss sich etwas ändern im Land, das kann so nicht weitergehen, vor allem, weil auch die Zahl der politischen Morde an Oppositionellen immer mehr angestiegen ist."

Oscar Romero ließ seinen Überzeugungen klare Worte folgen, so der El Salvador-Experte des entwicklungspolitischen INKOTA-Netzwerks, Michael Krämer, auch bei seiner Predigt in der Kathedrale in San Salvador im März 1980:

Über dem Befehl zu töten muss das Gesetz Gottes stehen, das sagt: Du sollst nicht töten!"

Michael Krämer: Wenige Tage später wurde Romero in einer Messe ermordet, da war klar, das ging der Oligarchie und dem Militär zu weit, dann haben sie selbst davor nicht mehr zurückgeschreckt, den obersten Kirchenmann El Salvadors zu töten, um diese wichtige, ganz zentrale Stimme der Opposition zum Schweigen zu bringen."

Ein Land im Besitz von 14 Familien?

Der Widerstand gegen das Regime wurde durch den Mord allerdings noch größer. Im Oktober 1980 wurde die nationale Befreiungsbewegung FMLN gegründet, ein Zusammenschluss linksgerichteter Gruppierungen. Was sie einte, war der Wunsch nach mehr Gerechtigkeit und die Überzeugung, dass diese nur auf dem Weg eines bewaffneten Kampfes gegen die Oligarchie erreicht werden könne, so Michael Krämer. "Es wurde in El Salvador von den sprichwörtlichen 14 Familien gesprochen, die das Land beherrscht haben, die den größten Teil des Agrarlandes kontrolliert haben und eben auch über das Militär die Politik im Land. Die haben dafür gesorgt, dass es ihnen sehr gut ging und andererseits eben die große Mehrheit der Bevölkerung eben von der Entwicklung ausgeschlossen blieb und in großer Armut gelebt hat."

Im Januar 1981 startete die FMLN eine Großoffensive, die Regierung reagierte mit brutaler Repression gegenüber allen, die sie der Sympathie mit der Guerilla verdächtigte. Unterstützung erhielt sie dabei von den USA, die Waffenhilfe der Reagan-Administration für die "antikommunistische Aufstandsbekämpfung" betrug täglich bis zu zwei Millionen Dollar. Nach zehn Jahren Bürgerkrieg und über 70.000 Toten – vor allem Zivilisten - mussten beide Seiten erkennen, dass sie den Krieg nicht gewinnen konnten. Unter dem Dach der Vereinten Nationen kam es zu Verhandlungen und am 16. Januar 1992 wurde in Mexiko-Stadt ein Friedensvertrag unterzeichnet. Die Truppenstärke des Militärs wurde begrenzt und besonders repressive Polizeieinheiten wurden aufgelöst, und mehr noch, so Michael Krämer

"Ein dritter wesentlicher Bereich ist, dass die FMLN als politische Partei anerkannt wurde, und es ermöglicht wurde, dass sie in den politischen Prozess eingegliedert wird, dass sie an nächsten Wahlen teilnehmen konnte, und das alles hat auch sehr gut funktioniert."

Die Eigentumsverhältnisse blieben bis heute unangetastet

Der Friedensvertrag beendete den Bürgerkrieg und läutete eine neue Ära ein: El Salvador ist seitdem eine Demokratie, seit acht Jahren regiert die FMLN. Und doch, so Michael 'Krämer, wurde die Hoffnung auf eine Versöhnung der Gesellschaft enttäuscht.

Inhaftierte Mitglieder der Jugendbande "Mara Salvatrucha" im Dezember 2003 in Ilopango (El Salvador). (dpa / picture alliance / epa Ulises Rodriguez)Heute terrorisieren nicht die Militärs, sondern Jugendbanden das Land: Inhaftierte Mitglieder einer Pandilla in El Salvador. (dpa / picture alliance / epa Ulises Rodriguez)"Im Friedensabkommen wurde eine Wahrheitskommission vereinbart, die die wichtigsten Kriegsverbrechen aufklären sollte. Das hat sie auch gemacht, hat ihren Bericht ein Jahr später, 1993, vorgelegt, und nur wenige Wochen nach der Vorlage dieses Berichtes hat die rechte Parlamentsmehrheit ein Amnestiegesetz beschlossen, mit dem alle Verbrechen, Menschenrechtsverletzungen der Kriegszeit amnestiert wurden, und in der Folge kam es zu überhaupt gar keiner strafrechtlichen Aufarbeitung der Kriegszeit."

Nicht versöhnt ist die Gesellschaft auch deswegen, weil die Eigentumsverhältnisse durch das Friedensabkommen nicht angetastet wurden. El Salvador ist bis heute ökonomisch und sozial tief gespalten, und das ist der Nährboden für neue Gewalt. Seit ein paar Jahren terrorisieren allerdings nicht mehr rechte Todesschwadronen die Bevölkerung, sondern Jugendbanden. El Salvador ist das Land mit den weltweit meisten Gewalttoten außerhalb von Kriegsgebieten.

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