Freitag, 15.12.2017
StartseiteKalenderblatt"Die Welt lieber ärgern als unterhalten"30.11.2017

Vor 350 Jahren geboren: Jonathan Swift"Die Welt lieber ärgern als unterhalten"

Mit "Gullivers Reisen" schrieb Jonathan Swift einen der beliebtesten Klassiker der Weltliteratur. Der Autor war über seine stetig steigende Popularität keineswegs erfreut. Er hatte mit dem als Satire konzipierten Buch seinen Hass auf die Zustände ausdrücken wollen.

Von Christian Linder

Zeitgenössisches Porträt des irisch-englischen Schriftstellers Jonathan Swift (1667-1745) (picture alliance / dpa)
Zeitgenössisches Porträt des irisch-englischen Schriftstellers Jonathan Swift (1667-1745) (picture alliance / dpa)

"Als Bevollmächtigter meines Freundes und Vetters Mr. Lemuel Gulliver möchte ich darauf hinweisen, dass … auch die folgenden Reisebeschreibungen zuweilen etwas satirisch erscheinen mögen, indessen keinerlei Beleidigungen enthalten …"

Diese Warnung vor einer giftig-bösen Überzeichnung der Weltzustände, die Jonathan Swift einen vorgeschobenen Herausgeber seines Buchs "Gullivers Reisen" aussprechen lässt, erwies sich als überflüssig, denn das als Gesellschafts-Satire konzipierte Buch schockierte weniger als dass es gefiel – und zwar überraschenderweise vor allem den Kindern. Dass Lemuel Gulliver als Schiffbrüchiger auf seiner ersten Reise in ein Land kommt, das Liliput heißt und von Zwergen bewohnt wird – das war aber auch eine märchenhafte Geschichte. Das Schiff auf der zweiten Reise erwies sich als stabiler:

"Ein gutes Schiff." – "Das will ich meinen, Mr. Gulliver. Sie macht gute Fahrt. Bald werden wir in Tonkin sein."  – "Ach, noch nie war ich in Ostindien."

Auf der Bühne des Deutschen Nationaltheaters Weimar proben die Schauspieler Jeanne Devos als Vaniliput sowie im Video Hagen Ritschel als Gulliver in Weimar eine Szene aus "Gullivers Reise" von John von Düffel nach Jonathan Swift.  (Martin Schutt/dpa)"Gullivers Reise" war ursprünglich eine scharfe Satire. Hier eine Inszenierung am Deutschen Nationaltheater Weimar (Martin Schutt/dpa)

Tatsächlich kommt Gulliver aber nach Brobdingnag, ein von riesigen, "menschenähnlichen" Wesen bewohntes Land, in dem sich Gulliver zwar diesmal als Zwerg vorkommt, aber bald den alten Philosophen Recht gibt, "dass nichts groß oder klein ist, falls ein Vergleich es nicht groß oder klein macht."

Es waren diese beiden ersten der insgesamt vier Erzählungen, die später immer wieder nachgedruckt wurden und "Gullivers Reisen" zu einem Klassiker der Weltliteratur werden ließen. Der Autor selbst war mit dem Erfolg allerdings nicht zufrieden:

"Das Hauptziel … bei all meinen Arbeiten … ist eher, die Welt zu ärgern als zu unterhalten."

"Die Menschheit hasse ich mehr als Kröten, Wespen und Vipern"

Die Welt sah er als Hölle, geprägt von leerem Geschwätz und grotesken Streitereien – wenn zum Beispiel die Liliputaner mit ihren Nachbarn einen Glaubenskrieg führen wegen der Frage, ob Eier am spitzen oder breiten Ende aufzuschlagen sind. Vor allem in den beiden letzten und weniger rezipierten Reise-Erzählungen Gullivers gab Swift seine ganze Verachtung zu erkennen: 

"Die Menschheit hasse ich mehr als Kröten, Wespen und Vipern. Ehrgeiz veranlasst die Menschen, die niedrigsten Dienste zu verrichten: so wird ihr Klettern zum Kriechen."

Aus welchen persönlichen Erfahrungen kam dieser Blick? Geboren am 30. November 1667 in Dublin – der Vater war zu dem Zeitpunkt schon ein paar Monate tot –, entführte ihn seine Amme kurz nach der Geburt nach England und brachte ihn erst nach ein paar Jahren zu seiner Mutter zurück. Nach einem Studium der Theologie in Dublin und einer anschließenden Zeit als Landpfarrer tauchte Swift auf einmal wieder in England auf, als Privatsekretär des Diplomaten Sir William Temple.

Damals studierte er die Gepflogenheiten der englischen Oberschicht, um sie in der 1704 erschienenen Satireschrift "A Tale of a Tub", "Ein Tonnenmärchen" zu karikieren. Zwar anonym erschienen, wurde ihm der Text aber bald öffentlich zugeschrieben, man rühmte auch sein Formuliertalent und seinen Esprit, aber Swifts politischen Ehrgeiz – er träumte von einem Bischofsamt in der anglikanischen Kirche – wollte man aufgrund seiner "Lästereien" nicht befriedigen und speiste ihn 1714 ab mit einem Dekanat in seiner irischen Heimat Dublin. Von dort aus ging er als Autor auf große Reisen, um am Ende festzustellen:

"Geneigte Zuhörer, dies war die getreuliche Schilderung meiner Reisen, bei der ich mich weniger um stilistische Schönheiten als um die Wahrheit bemüht habe. Das sollte das Ziel aller Schriftsteller sein – statt, um sich einen größeren Leserkreis zu verschaffen, dem arglosen Publikum die gröbsten Lügen aufzutischen." (Zitat, Gullivers Reisen)

Ein Misanthrop im Dienst der Freiheit

Als Priester wie als Autor wurde Jonathan Swift in ganz Irland nicht nur verehrt, sondern geliebt – auch weil er sich in einer wieder satirisch-treffenden Schrift gegen die Ausbeutung der Insel durch die englische Herrschaft gewandt hatte. In seinen letzten Lebensjahren ein körperlich und seelisch gebrochener Mann, konnte er die Böller-Schüsse, die die Iren zu seinen Geburtstagen abgaben, allerdings nicht mehr wahrnehmen.

Nach seinem Tod am 19. Oktober 1745 in seiner Kirche, der St. Patricks Kathedrale beerdigt, verkündet eine Gedenktafel, die Swift noch selbst entworfen hatte:

"Die sterblichen Überreste von Jonathan Swift liegen hier begraben, wo wilde Empörung sein Herz nicht mehr zerreißen kann. Auf, Reisender, und folge ihm nach, der sein Äußerstes tat, für die Freiheit einzutreten."

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