Montag, 11.12.2017
StartseiteKalenderblattAls die letzte Dampflok der Bundesbahn in Rente fuhr26.10.2017

Vor 40 JahrenAls die letzte Dampflok der Bundesbahn in Rente fuhr

Mit weit sichtbaren Rauchwolken, offenem Feuer im Kessel und lautem Schnaufen standen die schwarzen Stahlrösser fast anderthalb Jahrhunderte lang für Fortschritt und Industrialisierung: Am 26. Oktober 1977 fuhr die letzte Dampflokomotive der Bundesbahn aufs Abstellgleis.

Von Regina Kusch

Die Dampflok 043 903-4 steht am 19.10.2017 in Emden (Niedersachsen) vor dem Bahnhofsplatz als Denkmal für die letzte Fahrt einer Dampflokomotive der Bundesbahn (dpa/picture alliance)
Denkmal für die letzte Fahrt einer Dampflokomotive der Bundesbahn: Die Dampflok 043 903-4 auf dem Bahnhofsvorplatz in Emden (dpa/picture alliance)
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Unter Dampf

"Das war jetzt die S 3/6, eine Schnellzuglokomotive von der königlich-bayerischen Eisenbahn, die vor allen Dingen vor besonderen Reisezügen eingesetzt wurden. Vorm Rheingold ist sie gefahren und hat auch einen Teil der Strecke des Orientexpresses übernommen."

Die glänzend grün lackierte Dampflok mit roten Rädern und schwarzer Rauchkammertür an der Front stammt aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, als man Reisen noch mit der Eisenbahn unternahm. Sie steht im Verkehrszentrum des Deutschen Museums in München. Ulrike Sturm-Hentschel, die Kuratorin für Schienenverkehr, führt dort auch einen Nachbau der ersten funktionstüchtigen Industrielokomotive vor, die Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelt wurde:

"Puffing Billy, der rauchende Wilhelm, kommt aus England, …, und brachte Kohle von der Grube zum Fluss. Jetzt haben wir nur die klappernden Geräusche, nicht noch von Dampf usw., aber das Kommunizieren zwischen Lokführer und Heizer war da schon eher noch eine Herausforderung."

20.000 Kilometer Schienenwege

Zwei Dampfloks fahren im Volkspark "Großer Garten" in Dresden (Sachsen).  (picture alliance / ZB / Sebastian Kahnert)Zwei Dampfloks im Volkspark "Großer Garten" in Dresden (Sachsen). (picture alliance / ZB / Sebastian Kahnert)1835 begann in Deutschland das Eisenbahnzeitalter mit der Jungfernfahrt des "Adler" von Nürnberg nach Fürth. Diese Lokomotive war im englischen Newcastle gebaut worden. Schon drei Jahre später verließ als erste funktionstüchtige deutsche Lok die "Saxonia" die Produktionshallen der Leipzig-Dresdener Eisenbahn-Compagnie. Die weit sichtbaren Rauchwolken, das offene Feuer im Kessel und das laute Schnaufen der schwarzen Stahlrösser standen seitdem fast anderthalb Jahrhunderte für Fortschritt und Industrialisierung. 1870 verbanden 20. 000 Kilometer Schienenwege die wichtigsten Städte und Wirtschaftsgebiete Deutschlands. Das ermöglichte einen schnellen und günstigen Transport von Rohstoffen und Waren. In kürzester Zeit ließen sich große Mengen Truppen und Kriegsmaterial bewegen - und mit den Massendeportationen in die Vernichtungslager schrieb die Reichsbahn das dunkelste Kapitel der deutschen Eisenbahngeschichte. In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg symbolisierten die Stahlkolosse Wiederaufbau und wirtschaftlichen Aufschwung. Doch, so Ulrike Sturm- Hentschel:
"Das Ende begann sich in den 50er-Jahren abzuzeichnen. Also Individualverkehr, die Massenmotorisierung auf der Straße war in den 50er, 60er-Jahren ganz immens, hat im Personenverkehr einen starken Konkurrenzdruck gemacht, viele sind mit dem Auto in Urlaub gefahren, Richtung Süden, Geschäftsreisen geflogen."

"Unsere Loks gewöhnen sich das Rauchen ab"

Ende der 50er-Jahre stellte die Bahn schließlich den letzten "schwarzen Riesen" in Dienst. Statt auf Kohle und Wasserdampf setzte die Bundesbahn nun auf Diesel- und starke Elektrolokomotiven. Die waren schneller, und man musste nicht alle 200 Kilometer die Fahrt unterbrechen, um Wasser und Kohle nachzufüllen. Außerdem sparte man den Heizer ein. Die Bahn präsentierte sich als modernes Unternehmen und warb mit dem Slogan "Unsere Loks gewöhnen sich das Rauchen ab" für umweltfreundlichere Technologie. Mit Blasmusik und Medienrummel veranstaltete sie ein großes Abschiedsfest für das Dampfross.

Lokführer der Harzer Schmalspurbahnen (Andreas Diel)Lokführer der Harzer Schmalspurbahnen (Andreas Diel)

Am 26. Oktober 1977 zogen noch einmal drei Dampflokomotiven schwere Güterzüge durch das Ruhrgebiet. Die letzte wurde um Mitternacht im Bahnbetriebswerk Rheine offiziell stillgelegt. Einen Tag später verhängte die Bahn ein Dampflokverbot, mit dem Argument, es fehlten Brandschutzstreifen auf den Strecken und Depots, um Wasser und Kohle aufzunehmen.

Etwa 150 Dampfloks heute noch einsatzbereit

Erst 1985, zum 150-jährigen Jubiläum der Deutschen Eisenbahn, lockerte die Bahn das Verbot, sodass Nostalgie-Fahrten möglich waren.
In der DDR hingegen rauchten die Lokomotiven weiter, sagt Ulrike Sturm-Hentschel: "Es gab bis '88 auf den Regelspurstrecken weiter Dampfloks. Die letzte offizielle Fahrt war ein Personenzug von Halberstadt nach Thale und zurück."

Etwa 150 Dampfloks sind heute noch einsatzbereit. Dass diese alte Technologie so beliebt bleiben würde, hatte in den Chefetagen der Bahn niemand für möglich gehalten. Das Gros der Stahlrösser landete nicht in Museen, sondern in der Schrottpresse.

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