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StartseiteKalenderblattDie erste Kindesentführung in der Bundesrepublik15.04.2018

Vor 60 Jahren Die erste Kindesentführung in der Bundesrepublik

Fälle von Kindesentführung hatte es zuvor in der Bundesrepublik nicht gegeben. Die Polizei war völlig unvorbereitet und überfordert, als am 15. April 1958 der siebenjährige Joachim Göhner entführt und ermordet wurde.

Von Regina Kusch

Opfer Joachim Göhner in der Kleidung, die er am Tag der Tat trug (Fotomontage). (dpa)
Eine Fotomontage von Joachim Göhner in der Kleidung, die er am Tag der Tat trug, 1958 (dpa)

"Ich bin von der Polizei. Ein Mann, ein schlechter Mann hat das Gritli getötet. Es gibt solche schlechten Männer. Sie locken die Kinder in ein Versteck, in einen Wald, in einen Keller oder in ein Auto. Und manchmal verletzt ein solcher Mann ein Kind so schwer, dass es dann sterben muss. Wir müssen die Männer, die so etwas tun, deswegen einsperren. Ihr werdet nun fragen, warum wir sie nicht einsperren, bevor es zu einem Unglück kommt. Man sieht es ihnen nicht an. Es gibt daher nur eins:  Geht nie mit einem Menschen, den Ihr nicht kennt."

Diese Szene, in der ein Kommissar in einer Schule ermittelt, wurde zu einem Lehrstück für alle Eltern der jungen Bundesrepublik: eine Warnung vor dem "Bösen Onkel". Der Film "Es geschah am helllichten Tag" nach einem Drehbuch von Friedrich Dürrenmatt erzählt die Geschichte einer erfolgreichen Jagd auf einen Kindermörder. Er kam als Reaktion auf eine wahre Begebenheit in die Kinos, die in Deutschland zu hochemotionalen Diskussionen geführt hatte: die Entführung und Ermordung des siebenjährigen Joachim Göhner aus Stuttgart am 15. April 1958. Der Sohn eines wohlhabenden Unternehmers war mit einem Unbekannten mitgegangen, der dem Jungen versprochen hatte, er dürfe ein zahmes Reh streicheln. Der Kriminalautor Stefan Ummenhofer hat in seinem Buch "Entführt und verloren?" über diesen Fall geschrieben. 

"Es handelt sich dabei um die erste Kindesentführung in der Bundesrepublik Deutschland. Joachim wurde ermordet, und zwar schon relativ früh, dennoch hat der Täter beim Vater des Jungen versucht, 15.000 Mark Lösegeld zu generieren. Gekennzeichnet wurde der Fall auch durch einige Polizeipannen, nicht zuletzt deshalb, weil die Polizei in Deutschland überhaupt keine Erfahrungen mit solchen Tätern hatte."

Erster Verdächtiger hatte ein Alibi

Fälle von Kidnapping kannte man bis dahin nur aus den USA, wie zum Beispiel. die Entführung und Ermordung des Sohnes der Fliegerlegende Charles Lindbergh. Doch der leitende Ermittler Kurt Frey holte sich keine Hilfe bei der im Stuttgarter Raum stationierten US-Army, sondern versuchte den Fall selbst zu lösen - mithilfe einer Telefonüberwachung, die zum Erpresser führen sollte. 

"Man muss aus heutiger Sicht sagen, recht dilettantisch. Zum einen gab es Probleme bei der Telefonaufnahme, der Entführer meldete sich mehrfach bei dem Vater des Jungen, die Polizei zeichnete aber erst nicht richtig auf. Dann wurde irgendwann klar, dieser Mann hat von einer öffentlichen Telefonzelle aus angerufen. Als dann tatsächlich der nächste Anruf einging, dauerte es etwa fünf Minuten, bis die Polizisten an der richtigen Telefonzelle waren, da war der Täter schon längst über alle Berge."

Die Polizei hatte inzwischen einen Verdächtigen verhaftet, doch der hatte ein Alibi. Eine Woche nach Joachim Göhners Verschwinden fand ein Arbeiter das gefesselte und ermordete Kind. In den Medien wuchs die Kritik an der überforderten Polizei. Profilierungssüchtige Politiker forderten sogar, die gerade abgeschaffte Todesstrafe bei Kindesmord wieder einzuführen. Deshalb entschloss sich die Mordkommission, Ausschnitte der Telefonate zwischen dem Entführer und dem Vater René Göhner im Radio auszustrahlen.   

Göhner: "Wie geht’s ihm?"
Entführer: "Dem geht’s gut."
Göhner: "Hat er nicht Heimweh?"
Entführer: "Selbstverständlich, das ist doch klar. Halten Sie sich bereit, ich rufe später noch mal an. Da war irgendwas in der Leitung."
Rundfunksprecher: "Wer kennt diese Stimme? Für Hinweise, die zur Ergreifung des Täters führen, sind 10.000 Mark Belohnung ausgesetzt."

Entführer brauchte viel Geld für seine Hochzeit

Zwar hagelte es erneut Kritik an der Polizei, diesmal wegen der schlechten Tonqualität der Aufzeichnung, dennoch gingen Tausende von Hinweisen ein, die schließlich zu Emil Tillmann führten, einem 40-jährigen Gärtner aus Stuttgart Degerloch. Der gestand die Tat. Er habe viel Geld für seine Hochzeit gebraucht, deshalb habe er Joachim entführt und versucht, dessen Vater zu erpressen.  

"Der festgenommene Täter sagte, er hätte das Kind sofort nach der Entführung umgebracht, die Gerichtsmedizin hat allerdings festgestellt, es hat vermutlich noch eine Woche gelebt. Und wenn man den letzteren Fall annimmt, dann wäre, wenn die polizeilichen Maßnahmen sofort gegriffen hätten, tatsächlich noch was zu retten gewesen."

Wann Joachim Göhner wirklich starb, und warum er gefesselt war, haben die Ermittler nie herausgefunden. Emil Tillmann erhängte sich nach einem unvollständigen Geständnis noch in der Untersuchungshaft. Seiner Verlobten, die die Polizei als Mitwisserin verdächtigte, konnte eine Beteiligung an der Tat nie nachgewiesen werden.

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