Donnerstag, 14.12.2017
StartseiteKalenderblattDie Volkssolidarität wird gegründet24.10.2015

Vor 70 Jahren in DresdenDie Volkssolidarität wird gegründet

Deutschland im Jahr 1945. Die alliierten Siegermächte haben das Land in vier Besatzungszonen unterteilt. Die Infrastruktur ist zerstört, die Menschen hungern, Deutschland liegt in Trümmern. Mühsam beginnt der Wiederaufbau. Am 24. Oktober 1945 wird in Dresden die Volkssolidarität gegründet.

Von Wolf-Sören Treusch

Produktion von fahrbarem Mittagstisch für Senioren in der Großküche der Volkssolidarität in Dresden (imago/Ulrich Hässler)
In der Großküche der Volkssolidarität in Dresden wird im April 1987 der fahrbare Mittagstisch für Senioren zusammengestellt. (imago/Ulrich Hässler)
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"Dresden war damals nicht nur Schauplatz erster bescheidener Verkäufe rationierter Lebensmittel. In der Elbestadt, der der imperialistische Krieg Trümmerberge und Not hinterlassen hatte, war eine gegen die Not kämpfende Organisation gegründet worden. (Zweiter Sprecher) 'Volkssolidarität'."

So erinnert der Rundfunk der DDR später an den 24. Oktober 1945, den Tag, an dem ein breites Aktionsbündnis aus Kirchen, Parteien und Gewerkschaften in Dresden die Volkssolidarität gegen Wintersnot gründet. Die Hilfsorganisation kümmert sich zunächst in Sachsen, bald darauf in allen Ländern der sowjetischen Besatzungszone um Kriegsversehrte und Ausgebombte, vor allem um Kinder.

"Sie müssten die Augen dieses fünfeinhalbjährigen Kindes vor dem im Lichterglanz strahlenden Weihnachtsbaum sehen. Sie müssten sehen, wie sie sich jetzt über ihre Geschenke beugt und überhaupt nichts sagen kann. Und ein paar neue Schuhe, Inge, was sagst du dazu? (Kind) Gut."

Die Volkssolidarität organisiert Kleiderspenden, richtet Volksküchen ein und sucht Familien, die an Weihnachten besonders bedürftige Kinder bei sich aufnehmen. Gunnar Winkler, später viele Jahre lang ihr Präsident, erinnert sich an das Weihnachtsfest 1947.

"Da wurde ich vermittelt an den Fleischermeister in Leipzig, Stetterholz, also nicht nur ich, sondern noch drei Jungens, und sind dann den ersten und den zweiten Weihnachtsfeiertag dort essen gegangen, gab's Frischfleisch, Klöße, Kuchen, also es war schon 'ne gute Aktion."

Konzentration auf die Betreuung von älteren Menschen

Wärmestuben, Kindergärten, sogar Kinderdörfer entstehen. Als 1949 die DDR gegründet wird, gehen fast alle der mittlerweile mehr als eintausend Sozial- und Wirtschaftseinrichtungen in staatliche Regie über. Die SED ist überzeugt, dass die größte Not nun überwunden und die soziale Frage gelöst ist. Sie beschließt: Die Volkssolidarität soll sich auf die Betreuung älterer Menschen konzentrieren. Landesweit entstehen Tausende Treffpunkte für Tanztees und sogenannte Veteranenklubs. Die alten Menschen sind begeistert.

"Ich bin hier zuhause. Und ich liebe das friedliche Zusammensein und alles. – Wie ne Familie. – Ja. – Und wenn wir feiern, dann feiern wir ooch."

"Noch nie wurde auf deutschem Boden der Gedanke und die Tat von der praktischen Solidarität so umfassend verwirklicht. Auf Vorschlag des Politbüros."

1985 erhält die Volkssolidarität eine der bedeutendsten Auszeichnungen im Arbeiter- und Bauernstaat. Politbüromitglied Erich Mückenberger nimmt die Ehrung vor."

"... der Volkssolidarität den Orden 'Stern der Völkerfreundschaft' in Gold verliehen."

Verlockungen des Westens

Als vier Jahre später die Mauer fällt, hat die Volkssolidarität etwas mehr als zwei Millionen Mitglieder. In den Wirren des Vereinigungsprozesses kümmert sie sich konsequent um ihre Klientel. Sie schafft Beratungsstellen zum Rentenrecht, übernimmt viele der heruntergekommenen Altenwohn- und Pflegeheime, aber auch etliche Kindertagesstätten. Im Osten ist sie bald Marktführer unter den Sozialverbänden, gerade weil sie den Verlockungen des Westens standhält, sagt Gunnar Winkler, von 2002 bis 2013 Präsident der Volkssolidarität.

"Wir hatten Angebote von anderen Wohlfahrtsverbänden, die uns übernehmen wollten, die wollten aber die Volkssolidarität nicht, die wollten die Infrastruktur: das Büro mit dem Telefon und dem Auto. Wir haben es nicht zugelassen, und das hat uns auch geholfen."

Kind der DDR

Den Ost-Rentnern ist die Volkssolidarität Heimat. Bis heute. Hier fühlen sie sich geborgen. Es gibt Tanztees und Spielenachmittage, Grillfeste, Strickklubs und Videoabende. Ingeborg Steiner ist 80 Jahre alt. Sie ist Bezirksvorsitzende in Berlin-Lichtenberg und leitet noch immer eine der 3.741 Ortsgruppen in Ostdeutschland.

"Unsere Ortsgruppen machen in einem großen Umfang nachbarschaftliche Hilfe, wir gehen auch nicht nur zu unseren Mitgliedern, sondern wir versuchen auch, andere Menschen mit einzubeziehen, und das, finde ich, ist noch ein Rest des Zusammengehörigkeitsgefühls, was in der DDR doch relativ ausgeprägt war in den Hausgemeinschaften. Der Zusammenhang der Menschen ist ein anderer. Und dazu trägt unter anderem auch Volkssolidarität bei."

Heute vertritt die Volkssolidarität knapp 200.000 Mitglieder. Sie ist im Paritätischen Gesamtverband organisiert, einem der sechs Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege in Deutschland. Doch im Westen ist sie fast gar nicht vertreten. Sie versteht sich als Kind der DDR – und das will sie auch bleiben.

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