Mittwoch, 13.12.2017
StartseiteKalenderblattDie "Razzia im Wintervelodrom"16.07.2017

Vor 75 Jahren in Paris Die "Razzia im Wintervelodrom"

Im "Wintervelodrom", einer alten Radrennbahn in Paris, begann am 16. Juli 1942 die größte Judenrazzia während der deutschen Besatzungszeit in Frankreich. Über 4000 Kinder und mehr als 8000 Männer und Frauen wurden zusammengetrieben, um ins Vernichtungslager Auschwitz abtransportiert zu werden. Verantwortlich waren französische Polizisten.

Von Peter Hölzle

Der prominente französische Rechtsanwalt Serge Klarsfeld posiert vor der Vel d'Hiv-Gedenktafel, die am am Bahnhof Paris-Austerlitz eingeweiht wurde. Die Tafel soll insbesondere an die Deportation von 4 000 jüdischen Kindern in den Jahren 1941 und 1942 von Paris in deutsche Todeslager erinnern. Am Morgen des 16. Juli 1942 hatte die französische Polizei begonnen, alle Menschen jüdischen Glaubens von Paris im "Vel d'Hiv" - dem früheren Standort der Winterrennbahn der Stadt - zusammenzutreiben. Fünf Tage später wurden sie in Viehwaggons nach Auschwitz deportiert. | (Guez)
Der französische Rechtsanwalt Serge Klarsfeld und Autor des Standardwerks "Vichy-Auschwitz" vor der Vel d'Hiv-Gedenktafel, die am am Bahnhof Paris-Austerlitz eingeweiht wurde. (Guez)

"Il y avait quatre mille enfants … Viertausend Kinder und etwa achttausend Männer und Frauen eingeschlossen mitten in Paris in einer alten Radrennbahn, die niemals dafür vorgesehen war, Frauen, Kinder, Babys und Alte aufzunehmen. Das war die Lage. Uns fehlte vor allem Wasser. Bei Radrennen hielt man sich hier einige Stunden auf. Wir aber mussten mehrere Tage hier hausen. Die Stimmung war katastrophal. Viele weinten. Überall rannten Kinder herum. Viertausend Kinder auf engem Raum zusammengepfercht! Mir war klar, dass ich von meiner Mutter getrennt werden würde. Die sagte immer wieder zu mir: 'Bei der ersten besten Gelegenheit haust du ab.' … Ma mère a toujours dit: ‘La première occasion tu t'en vas, tu fous le camp, tu pars.’"

Leon Fellmann hatte das große Glück, den Rat seiner Mutter befolgen zu können. Unter den am 16. und 17. Juli 1942 in einer Großrazzia im Wintervelodrom zusammengetriebenen ausländischen und staatenlosen Juden gehörte er zu den wenigen, die entkommen konnten. Die anderen wurden in Güterwaggons ins Vernichtungslager Auschwitz abtransportiert.
Bemerkenswert an dieser Razzia war, dass sie ohne Beteiligung deutscher Besatzungskräfte ausschließlich von der französischen Polizei organisiert und durchgeführt wurde.

Hinter diesem Entgegenkommen gegenüber der deutschen Siegermacht stand ein Kalkül. René Bousquet, der Polizeichef Vichy-Frankreichs, des nach der Niederlage 1940 gebildeten südfranzösischen Satellitenstaates von Hitlers Gnaden, wollte mit dieser Art "Amtshilfe" einen größeren Handlungsspielraum und eine bessere Bewaffnung für seine Polizei erkämpfen.

Beginn der Kollaboration von Vichy-Frankreich mit Nazideutschland

Das war aus französischer Sicht der politische Hintergrund der "Razzia des Wintervelodroms", die nicht nur die größte Judenrazzia während der deutschen Besatzungszeit in Frankreich war, sondern auch als Ouvertüre zur engen Kollaboration Vichy-Frankreichs mit Nazideutschland bei der so genannten Endlösung der Judenfrage anzusehen ist. Das Lob von deutscher Seite ließ denn auch nicht auf sich warten.

"Ich bestätige Ihnen sehr gerne, dass die französische Polizei bis jetzt eine Aufgabe erledigt hat, die großes Lob verdient", so Bousquets deutsches Gegenüber, der Höhere SS- und Polizeiführer Karl Oberg, in einem Brief am 23. Juli 1942. - Umso erstaunlicher ist, dass Bousquet nach Kriegsende für seine "Schreibtischmittäterschaft" bei der deutschen Judenvernichtung nicht zur Rechenschaft gezogen wurde. Serge Klarsfeld kommentiert dieses Versäumnis in seinem Standardwerk "Vichy-Auschwitz" 1983 so:

"Die Straflosigkeit Bousquets … zeigt nach der Befreiung die tatsächliche Gleichgültigkeit der französischen Eliten gegenüber den ausländischen Juden und ihren deportierten und ermordeten Kindern. Sie zeigt aber auch den Willen, die ganze Verantwortung dieses schrecklichen Kapitels der französischen Geschichte einzig und allein den Nazis anzuhängen."

Die Ausblendung der eigenen Untaten in der Kollaborationszeit sollte lange die offizielle Vergangenheitspolitik bestimmen. Noch der sozialistische Präsident François Mitterrand leugnete jede staatliche Beteiligung an der Razzia des Wintervelodroms.

Erst Jacques Chirac erkannte die historische Wahrheit an

"Ce sont les minorités activistes … Aktivistische Minderheiten nutzten die Niederlage, um die Macht an sich zu reißen. Sie sind verantwortlich für diese Verbrechen. Nicht Frankreich, nicht die Republik! … pas la Republique, pas la France."

Erst Mitterrands Nachfolger, der Gaullist Jacques Chirac, erkannte die bittere historische Wahrheit an.

"Ces heures noires souillent à jamais notre histoire. … Diese finstere Stunden besudeln auf immer unsere Geschichte. Sie sind eine Beleidigung unserer Vergangenheit und unserer Traditionen. Ja, jeder weiß es, der verbrecherische Wahnsinn der Besatzer wurde von Franzosen, vom französischen Staat unterstützt."

Chiracs späte Einsicht in Frankreichs Anteil an der Judenvernichtung im Zweiten Weltkrieg, ganz speziell der Razzia im Pariser Wintervelodrom, hat sich freilich noch nicht überall herumgesprochen. Im erst kürzlich zurückliegenden Präsidentschaftswahlkampf wollte Marine Le Pen, die Vorsitzende des rechtsextremen Front National, von solchem Schuldeingeständnis nichts wissen:

"Je pense que la France n’est pas responsable du Vel d’Hiv … Ich denke, Frankreich ist nicht verantwortlich für die Razzia im Wintervelodrom. Die damals verantwortlich waren, waren die damaligen Machthaber, nicht Frankreich … c’est pas la France."

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