Montag, 19.02.2018
 
Seit 01:10 Uhr Interview der Woche
StartseiteKommentare und Themen der WocheDie SPD-Zwerge sind groß geworden22.01.2018

Vor den KoalitionsverhandlungenDie SPD-Zwerge sind groß geworden

Die SPD müsse sich in den anstehenden Koalitionsverhandlungen mit der Union nicht klein machen, meint Frank Capellan. Gemessen am schlappen Wahlerfolg habe SPD-Chef Martin Schulz nach den Sondierungen schon beachtliche sozialdemokratische Inhalte auf der Haben-Seite. Nun müsse knallhart weiterverhandeln.

Von Frank Capellan

Die Delegierten stimmen auf dem Sonderparteitag mit roten Stimmkarten ab. (dpa-Bildfunk / AP / Michael Probst)
Die SPD-Delegierten stimmten auf dem Sonderparteitag am 21. Januar 2018 für Koalitionsverhandlungen mit der Union (dpa-Bildfunk / AP / Michael Probst)
Mehr zum Thema

Die SPD und die Große Koalition Stillstand oder großer Wurf?

Der Tag mit Gunter Gebauer SPD: Vor dem Aufbruch oder vor dem Untergang?

SPD-Vize Schäfer-Gümbel "Wir werden sicherlich schwierige Verhandlungen bekommen"

Medienwissenschaftler über den SPD-Parteitag "Da waren Jeanne-d'Arc-Figuren auf der Bühne"

SPD-Sonderparteitag Von Zwergen und Riesen

David gegen Goliath. 20,5 Prozent SPD-Chef gegen 33 Prozent Kanzlerin. Es darf verhandelt werden. Endlich! Mit Ach und Krach hat Martin Schulz seine Partei noch mal auf Kurs gebracht. Die Erleichterung darüber ist ihm auch heute noch anzumerken. Ähnliches gilt für Angela Merkel: Ein Nein des SPD-Parteitages zur Großen Koalition hätte vermutlich nicht nur den SPD-Vorsitzenden das Amt gekostet, sondern auch die Nachfolgediskussion mit Blick auf die CDU-Spitze enorm angefacht. Aber natürlich: In trockenen Tüchern ist die Neuauflage des dritten schwarz-roten Regierungsbündnisses unter Angela Merkel noch nicht.

Diesmal ist alles anders. Denn ganz so klein, wie es die Prozentzahlen vom Wahlabend nahelegen, muss sich die SPD nicht machen. Schon die Sondierungsergebnisse haben gezeigt, dass es den Sozialdemokraten gelingt, sich vom politischen Zwerg ein wenig doch zum Riesen zu machen. Zwar konnte Schulz die ganz großen Trophäen nicht nach Hause bringen, gemessen am schlappen Wahlerfolg aber hat er schon jetzt beachtliche sozialdemokratische Inhalte auf der Haben-Seite. Und er kann und muss weiter pokern. Mit Aussicht auf Erfolg.

SPD kann und muss weiter pokern 

Denn die Union hat bei der Bundestagswahl mit einem Minus von 8,5 Prozent noch deutlich größere Verluste hinnehmen müssen als der Koalitionspartner. Es rumort bei den Christdemokraten. Der Sockel der Kanzlerin bröckelt. "Die Große Koalition ist Merkels Lebensversicherung!" analysiert ein Mitglied der SPD-Spitze völlig zu Recht. Wie gut, dass sie sich auf die Sozialdemokraten verlassen kann! Kann Sie das wirklich?

Mit dem Blick nach Bonn konnte Merkel gestern beobachten, wie sehr Schulz unter Druck steht. In seinem Erfolg steckt auch eine Menge Niederlage. Die Zahl der Groko-Gegner in der SPD ist noch einmal deutlich gewachsen, Schulz ist mit einem blauen Auge davon gekommen. Auch seine Autorität als Parteichef ist geschwunden. Deshalb wird er nun knallhart mit der Union verhandeln müssen.

Votum der SPD-Mitglieder steht aus

Nur wenn es zu einer Angleichung der Arzthonorare kommt, mit der sich die Auswüchse der Zwei-Klassen-Medizin zumindest abmildern ließen, nur wenn die Union bei der sachgrundlosen Befristung von Arbeitsverträgen mit sich reden lässt, nur wenn es beim Familiennachzug großzügigere Härtefallregelungen geben wird, dürfen sich Merkel und Schulz Hoffnungen machen, auch das Votum der SPD-Mitglieder glimpflich überstehen zu können.

Wie sagte die Kanzlerin nach den Gesprächen mit der SPD so schön: "Wir haben ein Papier des Gebens und Nehmens vereinbart." Sie dürfte ahnen, dass sie noch einiges mehr würde geben müssen, um sich in eine neue Koalition zu retten. Alexander Dobrindt hat sich im Übrigen selbst einen Bärendienst erwiesen mit dem Satz vom Zwergenaufstand bei den Genossen, den Schulz endlich in den Griff bekommen solle. Die SPD-Zwerge nämlich hat der CSU-Landesgruppenchef damit ein ganzes Stück größer gemacht.

Frank Capellan, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Bettina Straub  )Frank Capellan, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Bettina Straub )Frank Capellan, geboren 1965 im Rheinland, studierte Publizistik, Neuere Geschichte und Politikwissenschaften, Promotion an der Universität Münster. Nach einer Ausbildung bei der Westdeutschen Zeitung folgte ein Volontariat beim Deutschlandfunk, dem er bis heute treu geblieben ist. Zunächst Moderator der Zeitfunk-Sendungen, unter anderem der Informationen am Morgen; seit vielen Jahren als Korrespondent im Hauptstadtstudio tätig, dort u. a. zuständig für die SPD, die Familienpolitik und Entwicklungszusammenarbeit.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk