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Seit 22:00 Uhr Nachrichten
StartseiteForschung aktuellVorboten von Rekordsommern12.10.2006

Vorboten von Rekordsommern

Meteorologe sieht bereits jetzt Anzeichen für Klimawandel in Deutschland

Klimaforschung. – Für die kommenden Jahrzehnte prophezeien Klimaforscher für Mitteleuropa geradezu mediterrane Zustände mit heißen Sommern wie in Athen oder Portugal. Frankfurter Meteorologen haben die Temperaturentwicklung für Deutschland im 20. Jahrhundert analysiert und sehen bereits heute Anzeichen dafür. Sie rechnen durchaus mit Spitzentemperaturen von bis zu 45 Grad.

Von Volker Mrasek

Sommerliche Gluthitze wird es künftig öfter geben. (AP)
Sommerliche Gluthitze wird es künftig öfter geben. (AP)

Die absolute Rekordmarke der Lufttemperatur in Deutschland liegt bisher bei 40,2 Grad Celsius. Sie wurde insgesamt viermal erreicht: das erste Mal im Juli 1983 in Gärmersdorf in der Oberpfalz. Und dann wieder im Rekordsommer 2003 im Oberrheingraben: in Freiburg, und gleich zweimal - an kurz aufeinander folgenden August-Tagen - in Karlsruhe. Doch nach Ansicht des Frankfurter Meteorologen und Klimaforschers Christian Schönwiese werden schon bald neue, noch höhere Rekordwerte purzeln, wie er sagt:

"Mich würde es also nicht wundern, wenn in 30, 40, 50 Jahren auch in Deutschland Temperaturwerte von 45 Grad auftreten würden. Es ist fast, fast sicher, dass dann solche neuen Rekordwerte eintreten. Es ist nur eine Frage der Zeit."

Schönwiese ist kürzlich als Professor für Meteorologie an der Universität Frankfurt emeritiert worden, aber weiterhin in der Forschung aktiv. Seine Arbeitsgruppe betreibt zwar keine Klimarechenmodelle. Sie kann deshalb im Prinzip auch keine Prognosen über künftige Spitzentemperaturen in Deutschland abgeben. Doch mit einer Fülle von Messdaten lässt sich für Schönwiese belegen: Das Klima in Deutschland ist während der letzten Jahrzehnte deutlich wärmer geworden. Und vor allem auch: deutlich extremer, inklusive stärkerer Hitzeperioden im Sommer. Laut dem erfahrenen Klimaforscher ist es kein Fehler anzunehmen, dass sich diese Entwicklung noch für Jahrzehnte fortsetzt und fürs erste nicht mehr aufzuhalten ist. Schönwiese:

"Das Klima hinkt ja hinter der CO2-Emission um Jahrzehnte nach. Also man kann ja davon ausgehen: Selbst, wenn jetzt Klimaschutzmaßnahmen ergriffen werden würden, würden die Trends erst noch mal 20, 30, 40 Jahre - keiner weiß es genau -würden sie erstmal so weitergehen. Das heißt, man darf davon ausgehen, dass also über mindestens einige Jahrzehnte wir ein sehr warmes Klima haben. Also, das ist im Klimasystem angelegt, würde ich sagen. Das ist gar nicht mehr zu verhindern."

Schönwieses Team hat die Messreihen deutscher Wetterstationen für das 20. Jahrhundert ausgewertet. Und dabei ermittelt, welche Temperatur-Spannen in den einzelnen Monaten und Jahreszeiten vorkommen. Das Ergebnis ist eine Häufigkeitsverteilung von eher seltenen extremen und eher häufigen normalen Monatstemperaturen. Schönwiese:

"Häufigkeitsverteilung ist natürlich ein altes Konzept. Das kennt sicherlich jeder. Aber das wirklich Neue ist, dass wir jetzt Jahr für Jahr sagen können, wie die Häufigkeitsverteilung sich verschiebt. Also wie ein Film."

Wenn dieser Film abläuft, dann zeigt sich: Die Temperaturenspanne im Sommer hat sich nicht nur in Richtung höherer Werte verschoben. Sie ist auch breiter geworden. Schönwiese:

"Und das heißt, dass also auf beiden Seiten, wo die Extremereignisse stattfinden - sehr hohe Temperaturen, sehr tiefe Temperaturen - dass das beides häufiger wird. Die mittleren Werte werden also seltener. Und die extremen Werte werden häufiger."

Diesen Trend kann man sich in die Zukunft verlängert denken. Schönwiese verfährt so und rechnet auf der Seite der heißen Extreme deshalb mit viel höheren Temperaturen im Sommer als bisher: 43, 44 oder sogar 45 Grad. Eine Hitze wie heute in Athen, Kairo oder Tanger. Solche Spitzenwerte könnten auftreten, wenn das nächste Mal wieder ein Hochdruckgebiet wochenlang über Mitteleuropa liegt und keine Wolke am Himmel klebt. So wie 2003. Schönwiese:

"Wir wissen also, dass der Südwesten von Deutschland besonders anfällig ist, wo 2003 die Extremwerte eingetreten sind. In Bayern, Nordbayern, das ist ein mehr kontinentales Klima. Das ist auch durchaus verdächtig. Und ich würde auch so Regionen wie Sachsen, Thüringen als Kandidaten ansehen für solche extremen Temperaturen."

Im Sommer 2003 starben in Deutschland fast 7000 Menschen an den Folgen der extremen Hitze - mehr als jährlich im Straßenverkehr. Das sind die offiziellen Zahlen von Medizin-Meteorologen des Deutschen Wetterdienstes. Steigt das Thermometer bald auf Werte weit über 40 Grad Celsius, dann sind auch neue Rekorde bei der Zahl der Hitze-Toten sicher nicht ausgeschlossen.

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