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Seit 08:10 Uhr Interview
StartseiteBüchermarktVorkriegs-"Zauberberg" à la viennoise22.04.2009

Vorkriegs-"Zauberberg" à la viennoise

Thomas Stangl: "Was kommt", Droschl Verlag

Schon in seinem früheren Roman Ihre Musik hat der 1966 in Wien geborene Autor Thomas Stangl seine Figuren den schnellen Umschwüngen vom Dasein ins Fortsein, von der Erscheinung in die Schemenhaftigkeit ausgesetzt. Emilia und Dora Degen, Mutter und Tochter, sehen sich gegenseitig dabei zu, wie ihnen das Leben in der gemeinsam bewohnten Wohnung, einem Museum mitgeschleppter Gewohnheiten, durch die Finger gleitet; mit tödlichen Folgen.

Von Gisela von Wysocki

Der Roman beginnt 1937,  ein Jahr vor dem Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland. (AP Archiv)
Der Roman beginnt 1937, ein Jahr vor dem Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland. (AP Archiv)

In seinem neuen Buch greift Stangl die Figur der Emilia nochmals auf, der wir nun im Jahr 1937 begegnen, also ein Jahr vor dem Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland. Die Tochter aus begütertem Haus verliebt sich in ihren jüdischen Mitschüler Georg, Sohn eines Buchhändlers, mit dem sie sich in ihrer Suche nach einem eigenen, einzelgängerischen Leben verbündet.

Du liest viel, sagt Georg, sie erzählt von der Enge, die zum Ersticken ist, und den anderen Welten, die sie zwischen zwei Buchdeckeln findet; von den Mooren von Yorkshire, vom Italien vergangener Jahrhunderte, wo alle Gesetze, die hier gelten, ohne Wert sind. Sie erzählt, wo sie überall hin möchte und schaut in die ruhig auf sie gerichteten dunklen Augen. Sie weiß plötzlich, dass es nicht unsinnig und lächerlich ist, was sie denkt.

Bevor Georg eines Nachts in Todesangst beschließt, aus Wien zu fliehen, bleibt den beiden, die sich in der eigenen Stadt wie Nomaden auf fremdem Boden bewegen, das Glück eines kurzen Sommers. In einer weit ausholenden sprachlichen Suchbewegung folgt Stangls Buch ihren Reisen durch Wiens verwinkelte, unaufgeräumte Gassen, Wohnungen und Seelen. Reisen, die direkt in den "Bildraum" der Stadt hineinführen, direkt in die von Spiegelungen und Tableaus festgehaltene Wirklichkeit.

Dabei entstehen abgründige Portraits von Anblicken und Empfindungen, die die heraufziehende Katastrophe in den Gerüchen der Körper, den Ausdünstungen der Zimmerwände, Treppenhäuser und kleinen Läden ausfindig macht. In ihnen nistet schon das abstoßende und gefährliche Fluidum der Gewalt. Zukunft, das will Stangl zeigen, liegt nicht nur in der Luft. Sie hat einen langen Vorlauf auf der Erde, wo sie in einer ungeregelten, aber beredten Sprache frühzeitig ihre Zeichen setzt.

Ihr Füllfeder gleitet übers Papier ihres Heftes, Degen, schreit der Lehrer, schauen Sie keine Löcher in die Luft, wiederholen Sie, was ich eben erklärt habe. Jawohl, Herr Professor, sie schaut auf das Abzeichen der Vaterländischen Front an seinem Revers und seinen pulsierenden Adamsapfel über der Krawatte, sie weiß, er ist ein Wicht. Wahrscheinlich würde es sie interessieren, was er sagt, wenn sie es nicht hier hören würde, in dieser Form, unbezweifelbar und ausgeleert.

Georg und Emilia entdecken den argentinischen Tangosänger Gardel, sie lesen Gedichte und "Das Kapital" von Karl Marx , Bücher, die Georg aus dem Laden des Vaters mitbringt, und stellen sich vor, am Spanischen Bürgerkrieg teilzunehmen.

Er macht einen tiefen Zug an der Zigarette, reicht sie ihr weiter, sie macht einen tiefen Zug an der Zigarette, spürt die Hitze in ihrem ganzen Körper. Sag etwas, meint Georg, irgendetwas, du sprichst nicht so wie die anderen, du sprichst, als würdest du singen.

Vorkriegs-"Zauberberge" à la viennoise. - In den poetisch gedanken-versunkenen Kosmos des Paares blendet Thomas Stangl, in einem waghalsigen formalen Manöver und mit grellen cuts, die Innenwelt einer weiteren, dritten Person ein. Andreas, ein Schüler aus den späten Siebziger Jahren in Wien, lebt bei seiner venenkranken Großmutter, mit der er abends Kartoffelchips futtert, fernsieht und Domino spielt. Jeden Tag legt sie ihm die "Kronenzeitung" auf den Küchentisch, die den Jungen ins Gebet nimmt und am Schierlingsbecher der Meinungsbildung teilhaben lässt.

Er liest die Kleinanzeigen, den Hasskolumnisten und die hasserfüllten Leserbriefe, Satz für Satz und Wort für Wort, es sind Sätze, die fest dastehen, Jahr für Jahr wiederholbar, also sind es Wahrheiten.

Wahrheiten stehen auch in den Sciencefiction-Romanen, in denen die Menschen nicht mehr wissen, ob sie Roboter sind und die Roboter nicht, ob sie Menschen sind. Bücher, in denen Körper in ihren Raumschiffen verglühen und wieder lebendig werden, sobald man sich entschließt, die Geschichte noch mal von vorne zu lesen.

Wenn er in seinen Romanen liest, kann er in ein Anderswo hinübersteigen, in die Leere des Weltalls, während er mit halbem Bewusstsein der Großmutter zuhört, die in der Küche bügelt und ihm Geschichten aus der Nachbarschaft oder aus ihrer Jugend erzählt. Wozu gibt es andere Menschen, denkt er.

Der soziale Abstand zwischen ihm, dem kleinbürgerlichen Siebzigerjahrekind, und dem exklusiven Paar von 1937 könnte nicht größer sein. Stangls Roman setzt die Stimmen und Stimmungen des explosiven Dreiergespanns dennoch zu einer unteilbaren Sprachkomposition zusammen. Der Flug seiner Protagonisten durch die Geschichte und ihr Sturz auf das harte Pflaster der Wirklichkeit werden sich am Ende des Romans als Bausteine eines gemeinsamen Dramas erweisen. Georg wird für immer verschollen bleiben und Emilia jahrelang auf der Suche nach ihm durch eine wahnsinnig gewordene Stadt jagen, in deren Straßen die Menschen gelbe Sterne an ihren Mantelaufschlägen tragen und die Selbstmörder umgehen. Andreas, der "Nachgeborene", hat nach dem Tod der Großmutter keine Kontrolle mehr über sich und lebt ein psychotisches Ich in selbstzerstörerischen Gewaltorgien aus.

Das Gute ist, dass er seine Wunden nicht mehr spürt, aus sich hinausgeschnitten hat, wie er sein Denken aus sich hinausgeschnitten hat. Man kann seine Angst und Traurigkeit in ein kleines Kästchen einsperren, außerhalb seines Kopfes, man kann sie auf beliebige andere übertragen, man kann sogar den eigenen Tod auf beliebige andere übertragen.

Thomas Stangl treibt die Menschen, die er in seinem Buch zwischen "Wien" und "Wüste" ansiedelt, einem apokalyptischen Ende zu. Es handelte sich eben nicht nur um eine "vorgetäuschte Stadt", wie Emilia angenommen hat, sondern um ein todbringendes Gebiet; stärker als die aus Wörtern und Bildern, aus Vorbildern und Helden verfassten Zufluchtsorte. Der Roman, der schon mit einem Ausschnitt in Klagenfurt zu hören war und den Telekom-Austria-Preis erhielt, hat diese Erkenntnis zu einer eindringlichen Physiognomik von Haltungen, Traditionen und Versäumnisse seines Landes verdichtet.

Ein philosophisches, aufklärerisches Resümee. Atemlos vorgetragen und in seitenlange Sprachblöcke zusammengestaucht, reißt es den Leser in das Geschehen hinein. Das Panorama, das ihn umstellt, kann man als "multioptional" bezeichnen. Als folgte die Sprache, ohne aufzublicken, der unbändigen Logik eines zeitgleich in alle Richtungen zersprengten Geschehens. Sie lässt in ihrem Kreisen um drei Jugendliche in Österreich Spielräume und Reichweiten zeitgenössischer Erfahrung und des Mitempfindens entstehen. Ein Gefühl für Ferne und Nähe des Lebens, das wir selber führen.

Thomas Stangl, "was kommt". Roman. Literaturverlag Droschl, Graz, Wien, 2009, 183 Seiten. Euro 19.-

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