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StartseiteCampus & KarriereVorlesung mit Polizeischutz12.07.2005

Vorlesung mit Polizeischutz

Störaktionen bei der Leipziger Ringvorlesung Israel-Palästina-Deutschland

Wenn es um Palästina und Israel geht, dann birgt jede Diskussion darüber viel Sprengstoff. Nicht anders bei einer öffentlichen Ringvorlesung in Leipzig. Dort müssen Besucher derzeit damit rechnen, die Referenten nicht immer verstehen zu können. Denn eine Gruppe von Studenten protestiert gegen die Veranstaltung - auf manchmal recht radikale Weise.

Von Antje Glück

Proteste gegen die Räumung des Gazastreifens - Der Nahostkonflikt sorgt nicht nur vor Ort für hitzige Diskussionen. (AP)
Proteste gegen die Räumung des Gazastreifens - Der Nahostkonflikt sorgt nicht nur vor Ort für hitzige Diskussionen. (AP)

Es ist ruhig heute in der Ringvorlesung über Palästina und Israel. Zwei Polizisten sind anwesend. Vielleicht hält das die schärfsten Kritiker der Vorlesung zurück - das Bündnis gegen Antisemitismus. Die meisten Mitglieder des Bündnisses gehören der extremen Linke an. Sie sind kategorisch gegen diese Vorlesung, wollen sie abschaffen. Dem Veranstalter wird unterstellt, antizionistisch zu sein - gegen den Staat Israel. Das bekam auch Helga Baumgarten, Politikwissenschaftlerin an der Birzeit-Universität in Palästina zu spüren. Das Bündnis lehnte ihren Vortrag über die Hamas radikal ab. Baumgarten sollte fast mundtot gemacht werden, berichten Teilnehmer:

" Es ging schon an der Treppe los, da standen junge Leute, die wollten uns einfach nicht durchlassen. "

" Im Prinzip kann ich nur sagen, dass eineinhalb Stunden die ganze Veranstaltung dadurch gestört wurde, dass Lärm gemacht wurde in Form von Handyklingeln, Reinrufen von Meinungen und Kommentaren, und dass Flaschen gegen Sitze geschlagen wurden, um eben laute Geräusche zu erzeugen. "

Höhepunkt war der Angriff auf einen jungen Fotografen. Die Kamera ist kaputt, den Schock jedoch hat Christoph Hochholzer überwunden.

" Als ich auf dem Boden lag und unter Schock stand und dann im Laufe der Woche verarbeiten musste, dass ich von selbst ernannten Linksradikalen angegriffen wurde, was ich übrigens ganz furchtbar finde, dass die sich so nennen, und gerade von einem Bündnis gegen Antisemitsmus, und das tut natürlich noch besonders weh. Wenn es Rechtsradikale gewesen wären, dann wäre das was anderes gewesen. "

Zwar war der Angriff auf den Fotografen ein Ausrutscher, so Bündnismitglied Andreas Müller. Dennoch rechtfertigt er die radikalen Protestmethoden der Gruppe. Schließlich sei die Ringvorlesung in Teilen antisemitisch.

" Die Veranstaltungsreihe ist Ausdruck einer problematischen Tendenz - alle neueren Umfragen weisen auf ein Anwachsen des Antisemitismus hin, weisen auf ein Anwachsen der Kritik an Israel hin, die oft auch antisemitische Züge trägt, und insofern ist das einzige Tabu, was da gebrochen wird eine zunehmend neue Unbefangenheit, eine antisemitisch motivierte Kritik an Israel zu äußern, und das auch zunehmend in sich selbst als linksliberal verstehenden akademischen Kreisen. "

Der Gruppe geht es öffentlich weniger um Diskussion, als vielmehr, Statements zur Gesellschaft abzugeben. Kritik äußert das pro-israelische Bündnis vor allem an der Referentenliste - sie sei zu unausgewogen. Der zuständige Philosophie-Professor Georg Meggle kann das nicht verstehen. Seine Gastredner vertreten die unterschiedlichsten Ansichten zu Israel und Palästina. Und noch eines bleibt für Meggle unklar: Auf Redeangebote möchte das Bündnis kaum eingehen.

" Wenn die eine Veranstaltung machen, bin ich gerne bereit, dorthin zu kommen, dort zu sprechen, dort mich zu verteidigen. Oder wenn sie zu uns kommen, dann eben nicht zu schreien, nicht zu stören, sondern eben zu sagen, was ihre Position ist, das hätte ich mal ganz gerne mal erklärt bekommen. "

Georg Meggle hat '68 mit protestiert - allerdings waren die damaligen Methoden längst nicht so radikal aufs Stören ausgelegt. Dem Bündnis ein Hausverbot zu erteilen, kommt für Meggle jedoch nicht in Frage - er setzt auf Toleranz. Auch die Universität stellt sich deutlich hinter den Professor. Rektor Franz Häuser garantiert in Zukunft Polizeianwesenheit - zur Abschreckung.

" Es ist meines Erachtens eine ganz wichtige Aufgabe der Universität, solche Themen aufzugreifen, und immer den Glauben zu haben, dass nicht die Gewalt siegt, sondern die Vernunft, aber wenn wir uns bekennen, in der Uni heiße Themen anzufassen, dann müssen wir auch so konsequent sein, das auch durchzusetzen. Und zwar durchzusetzen auch denjenigen gegenüber, die solche Veranstaltungen verhindern wollen. "

Das Bündnis gegen Antisemitismus hat für die Zukunft bereits angekündigt, weitere Protestaktionen zu veranstalten. Die nächste Runde beginnt im Oktober zum Wintersemester.

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