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Vorsichtiges Herantasten

Bundesamt für Strahlenschutz läßt Asse-II anbohren

Matthias Ranft im Gespräch mit Monika Seynsche

Gelbe Fässer mit dem Radioaktivitätszeichen stehen  neben einem Hinweisschild zur Schachtanlage Asse II in Remlingen bei Wolfenbüttel.
Gelbe Fässer mit dem Radioaktivitätszeichen stehen neben einem Hinweisschild zur Schachtanlage Asse II in Remlingen bei Wolfenbüttel. (AP)

Entsorgung. - Seit dem vergangenem Freitag läßt das Bundesamt für Strahlenschutz im sogenannten Versuchsbergwerk Asse-II eine Probebohrung durchführen. Man will so erkunden, wie es in den Lagerkammern aussieht, die bei einer eventuellen Rückholung der eingelagerten Fässer mit radioaktivem Müll geöffnet werden müssten. Der Projektleiter des Bundesamtes für Strahlenschutz Matthias Ranft erläuterte das Vorhaben im Gespräch mit Monika Seynsche.

Seynsche: Herr Ranft, wie weit sind die Bohrarbeiten denn jetzt vorangeschritten?

Ranft: Die Bohrarbeiten sind letzten Freitag noch ca. 1,50 Meter weit geführt worden. Danach stand die erste planmäßige Unterbrechung an, weil eine neue Schicht in diesem Verschlussbauwerk durchbohrt werden musste, die bestand aus Bitumen. Wir sind mittlerweile bei einem Stand von circa sieben Meter und machen derzeitig Messungen, um weiter durch diese Bitumen-Schicht bohren zu können.

Seynsche: Sie bohren ja, wenn ich richtig informiert bin, 20 Meter weit. Wann glauben Sie denn, dass sie durchgekommen sind am anderen Ende?

Ranft: Diese Bohrarbeiten sind relativ kompliziert und sehr schlecht planbar. Unsere Genehmigung sieht auch Auflagen vor, die uns aufgeben, sehr vorsichtig zu bohren, zum Schluss nur in Zehn-Zentimeter-Schritten, und danach müssen Messungen gemacht werden. Zwischendurch können wir auch Risse und Klüfte antreffen, die zwischendurch dann verfüllt werden müssen. Und deswegen gehen wir momentan davon aus, dass eine Bohrung sechs Wochen dauern kann. Das ist aber ein sehr unbestimmter Zeitraum.

Seynsche: Wie genau soll denn diese Bohrung vonstatten gehen? Sie sprachen an, es gibt auch Bitumenschichten dazwischen. Müssen Sie den Bohrkopf auswechseln, oder wie läuft das dann?

Ranft: Genau so ist das. Nicht jeder Bohrkopf ist gleich geeignet für das Bohren unterschiedlicher Materialien, so dass wir zwischendurch nicht nur Messungen machen müssen, sondern auch die Bohrköpfe wechseln müssen.

Seynsche: Und wenn Sie dann endgültig durchgekommen sind. Welcher Unsicherheiten sollen dann ausgeräumt werden mit dieser Buchung? Also wozu ist diese Bohrung gedacht?

Ranft: Also für uns ist dieser erste Schritt der Faktenerhebung ein ganz wichtiger Punkt, um nähere Informationen insbesondere über die Gasatmosphäre in diesen Einlagerungskammern zu bekommen. Es ist bekannt, dass durch Korrosionsprozesse in diesem Abfallprodukten, insbesondere wenn Feuchtigkeit anwesend ist - und das ist ja der Fall in der Asse - explosionsfähige Gase entstehen könne, zum Beispiel insbesondere Wasserstoff. Und wir erhoffen uns von diesen Bohrungen, insbesondere auch der ersten, Erkenntnisse, ob wir in allen Kammern mit solchen explosionsfähigen Gasgemisch rechnen müssen, was den Aufwand für weitere Maßnahmen sehr stark erhöhen würde.

Seynsche: Sie bohren ja in eine Kammer, bei der niemand weiß, wie genau es in dieser Kammer aussieht. Wie können Sie denn im Vorhinein sicherstellen, dass Sie nicht zum Beispiel eines der Fässer anbohren, wenn Sie gerade durchschlagen in die Kamera rein?

Ranft: Das war ein sehr großes Thema für die Planung dieser ganzen Arbeiten. Und das hat auch sehr die Genehmigung bestimmt. Weil das ist unter anderem alles deshalb so aufwändig, weil wir eben tatsächlich nicht hundertprozentig ausschließen konnten im Genehmigungsverfahren, dass uns das anbohren eines Fasses passiert. Wir wollen das nicht, es ist nicht unser Ziel jetzt Abfall zu proben, aber wenn es denn passiert, müssen die Sicherheitseinrichtungen so eingestellt sein, dass keine Freisetzung von Radioaktivität zu den Arbeitern und in die Umwelt erfolgt. Deshalb war das sehr aufwändig.

Seynsche: Und wie stellen Sie das sicher?

Ranft: Das stellen wir dadurch sicher, dass wir zwischen den einzelnen Bohrphasen immer wieder Messungen durchführen, bei denen wir Radioaktivität in der Umgebung des Bohrlochs erkennen würden, auch Metall. Metalldetektoren, und auf diese Art und Weise nähern wir uns ganz langsam dieser Kammer. Und wenn wir eine Indikation bekommen würden bei den Messungen, dass also unmittelbar im näheren Umfeld dann Metall anwesend ist, dann würden wir aufhören zu bohren.

Seynsche: Sie bohren ja die Kammer 7 an. Haben Sie irgendwelche Informationen darüber, was Sie dort erwartet?

Ranft: Ja, darüber gibt es noch Dokumentationen aus der Einlagerungszeit. Wir kennen die Anzahl der Fässer. Wir wissen den Typ der Fässer und der Abfälle, die dort eingelagert worden sind. Es sind gestapelte Fässer, es sind auch teilweise verstürzte Materialien und wir wissen auch, dass die Kammer verfüllt worden ist mit, zusätzlich zu den Fässern, noch mit gebrochenem Salz. Wir sprechen dann von Salzgrus. Und deswegen ist es doch gar nicht so einfach und nicht so selbstverständlich, dass wir dort tatsächlich auch einen Hohlraum finden, der uns die Gasatmosphäre beproben lässt. Also es gibt grundlegende Erkenntnisse, aber die sind eben nicht besonders sicher.

Seynsche: Muss ich mir das denn so vorstellen, dass ich jetzt jede einzelne dieser Kammern [zur] Probe anbohren muss, oder können Sie diese eine [zur] Probe anbohren und dann sagen: Gut, dann gehen wir davon aus, dass in den anderen Kammern ähnliche Gaszusammensetzung herrschen?

Ranft: Letzteres ist der Fall. Die Wissenschaftler sprechen dann immer von der Repräsentativität. Also wir bohren Kammern an, nämlich zwei. Die Kammer 7 und die Kammer 12 später, die sehr unterschiedlich sind. Die eine verfüllt, die andere ist nicht verfüllt. Die eine ist wahrscheinlich trocken, das ist die Kammer 7. Bei der anderen sind wir sehr sicher, dass Feuchtigkeit in dieser Kammer gibt. Und deswegen gehen wir davon aus, dass die Ergebnisse, die in diesen Kammern gewonnen werden, übertragbar sind auf die anderen Einlagerungskammern.

Seynsche: Sagen Sie, durch diese Bohrung die Sie jetzt durchführen, erhöht diese Bohrung nicht auch die Instabilität. Ich könnte mir vorstellen, dass ein Salzstock nicht nicht gern angebohrt wird. Sprich, wenn Sie später noch einmal bohren müssen, um das radioaktive Material herauszunehmen, ist das dann nicht ein zusätzliches Risiko?

Ranft: Grundsätzlich ist die Überlegung richtig, dass zusätzliche Hohlräume natürlich die Stabilität beeinträchtigen. Das ist aber eher ein Thema für die weiteren Schritte der Faktenerhebung. Das Öffnen der Kamera oder das Probebergen und die Rückholung selber. Für diese Bohrung ist das kein Thema, weil die Bohrung relativ geringen Durchmesser haben. Die haben so circa zehn Zentimeter Durchmesser, und das beeinträchtigt die Stabilität nicht. Aber eine der großen Herausforderung für die Durchführung der Rückholung ist, aus diesem nicht stabilen Bereich die Abfälle herauszuholen, die möglicherweise – das ist zum Beispiel eines der Ziele, was wir erreichen wollen durch die Faktenerhebung – die möglicherweise schon eine stabilisierende Wirkung in diesen Abfallkammern verursachen. Das heißt, die Abfälle stabilisieren in diesem Bereich tatsächlich die Südflanke. Und dann ist es natürlich um so komplizierter, das herauszuholen. Das sind alles Dinge, die wir natürlich mit der Faktenerhebung erforschen wollen.

Seynsche: Am Ende dann, nach Abschluss der Probebohrungen, werden die Kammern dann geöffnet werden.

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