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StartseiteKultur heute"Nicht alles in einen Topf werfen"21.02.2018

Vorwürfe gegen Tiroler Festspiele"Nicht alles in einen Topf werfen"

Die lange Liste der heftigen Vorwürfe gegen die Tiroler Festspiele müsse penibel untersucht werden, kommentierte Jörn Florian Fuchs im Dlf. Aber man sollte auch genau unterscheiden. So sei etwa Gagendumping zwar moralisch verwerflich, aber rechtlich in Ordnung - und durchaus nicht unüblich.

Von Jörn Florian Fuchs

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Eröffnung der Tiroler Festspiele 2017 in Erl.      (imago)
"Die Festspiele haben sich von einer idealistischen Graswurzelveranstaltung zu einer internationalen Marke mit hohen Eintrittspreisen entwickelt. Da sind Minigagen nicht wirklich nachvollziehbar", kommentierte Jörn Florian Fuchs im Dlf (imago)

Die Vorwürfe sind heftig: Überlange Probenzeiten, Hungerlöhne, dazu der ruppige, beleidigende Ton des Chefs Gustav Kuhn. Musiker aus östlichen Ländern sollen mit dem Bus quer durch Europa herumgekarrt worden sein, nur um dem Festival Geld für Übernachtungen zu sparen. Es gäbe teilweise Tagesgagen von 38 Euro. Auf diese Anschuldigung haben die Festspiele inzwischen reagiert, die Zahl sei definitiv falsch. Die Mindestgage liege bei über 60 Euro.

Eine Sängerin berichtet, sie sei von Kuhn sexuell belästigt worden und diverse Kolleginnen ebenso. Glaubte man den bisher immer noch konsequent anonym geäußerten Anschuldigungen, die ein österreichischer investigativer Blogger verbreitet, müssten in Erl Polizei und Justiz eingreifen und den Laden sofort dicht machen. Doch halt, vielleicht lohnt es sich, einen Gang zurückzuschalten und das Ganze ein bisschen zu ordnen.

Gagendumping gar nicht so unüblich

Zum Stand der Dinge bezüglich der Gagen: Das Land Tirol hat nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe sofort die Verträge überprüft. Das Ergebnis: Ja, es werde sehr wenig gezahlt, aber rechtlich sei alles in Ordnung. Leider jedoch ist solches Gagendumping gar nicht so unüblich. Gerade an kleineren und mittleren Opernhäusern gibt es Werkverträge mit reinen Abendhonoraren. Das bedeutet, wenn Wotan in Wagners "Walküre" etwa am Sonntag und dem darauffolgenden Freitag auf der Bühne steht, bekommt er eben nur für diese Abende Geld und - hoffentlich - ein Hotelzimmer. Dazwischen muss er sich die Zeit auf eigene Rechnung vertreiben.

Rechtlich in Ordnung - moralisch nicht

Nicht subventionierte Theater- oder Operncompagnien der Off-Szene zahlen gern mal Auftrittsgagen von 100 Euro, Spesen gibt es keine. Rechtlich ist dies alles in Ordnung, moralisch natürlich nicht. Besonders fragwürdig wird die Sache bei zahlreichen Ensembles aus Ungarn oder Russland, die etwa zur Weihnachtszeit den Nussknacker tanzen oder an Silvester Walzerseligkeit verbreiten - und auf ihrer Tour auch kleine Orte bespielen. Wenn die Karten dann 20 Euro kosten, ist klar, dass sich die Künstlerhonorare vorwiegend auf karge Kost und mäßige Logis beschränken. Man muss da wirklich von einer unguten Parallelgesellschaft im Musikbetrieb sprechen.

Minigagen bei hohen Eintrittspreisen nicht nachvollziehbar

Zurück zu Erl. Gerade solch ein Festival ist immer auch ein Sprungbrett für Nachwuchskräfte, die am Anfang ihrer Karriere stehen. Auch wenn sie wenig verdienen und sehr belastbar sein müssen: Zählen nicht auch Renommee und der erhoffte Applaus eines großen Publikums? Die Alternative wäre, eben keine Auftrittsmöglichkeit zu bekommen. Anderseits haben sich die Festspiele von einer idealistischen Graswurzelveranstaltung zu einer internationalen Marke mit hohen Eintrittspreisen entwickelt. Da sind Minigagen nicht wirklich nachvollziehbar. Im übrigen ist seit ein paar Jahren der Wirtschaftsboss und Mäzen Hans Peter Haselsteiner Präsident der Tiroler Festspiele. Der Herr ist Milliardär, könnte also das eine oder andere Gehaltsupgrade locker aus der Portokasse zahlen.

Unterscheiden zwischen Stilfragen und Grenzüberschreitung

Was ist nun konkret zu tun? Sämtliche Vorwürfe penibel untersuchen, aber nicht alles in einen Topf werfen. Was sind Stilfragen, wo wurden Grenzen überschritten? Lange Proben, oft mitten in der Nacht, gibt es auch beim Shooting-Star Teodor Currentzis und seinem Orchester MusicAeterna. Brüllerei gehört leider bei vielen Dirigenten und Regisseuren zum guten, schlechten Ton.

Eines sollte freilich so rasch wie möglich aufgeklärt werden: Gab es wirklich sexuelle Übergriffe seitens Gustav Kuhns? Dazu müssen die selbst erklärten Opfer den Schleier der Anonymität abwerfen, alles andere ist schlicht Verleumdung.

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