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StartseiteKommentare und Themen der WocheEchtes Interesse an Aufklärung fehlt25.08.2017

VW-AbgasskandalEchtes Interesse an Aufklärung fehlt

Betrug, Verschwörung, Vertuschung - all das hat VW-Ingenieur James Liang gestanden. Aus handfesten Gründen, wie Alexander Budde meint: um eine härtere Strafe zu vermeiden. Während in den USA weitere Angeklagte auspacken wollten, verhindere in Wolfsburg ein Schweigekartell den Neustart.

Von Alexander Budde

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Die US-Flagge spiegelt sich im VW-Zeichen eines Autos. (dpa/picture alliance/Friso Gentsch)
In den USA warten weitere Angeklagte darauf, als Kronzeugen auszusagen (dpa/picture alliance/Friso Gentsch)
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Erinnern Sie sich noch an "Insider"? Michael Mann führte Regie bei diesem Thriller aus dem Jahr 1999. Russel Crowe verkörperte neben Al Pacino den Abteilungsleiter eines Tabakkonzerns, der von seinen Bossen entlassen und mit Terror überzogen wird. Das Gewissen drückt - und im obligatorischen Funzellicht einer nächtlichen Garage steckt der Bedrängte einem eifrigen Journalisten kompromittierende Informationen zu. Mit all seinen fiesen Tricks bei der Suchterzeugung ans Licht gezerrt, sieht der raffgierige Konzern am Ende nicht gut aus.

Aber nicht immer sind die Motive des Whistleblowers so edel, wie von Hollywood so mui macho dargestellt. James Liang ist der erste Volkswagen-Manager mit Einblick gewesen, der in die Fänge der US-Justiz geriet. Der 62-jährige gebürtige Koreaner mit deutschem Pass hatte ganz andere, handfeste Gründe, sich in die Arme der US-Bundespolizei FBI zu werfen. Bereits kurz nach Aufdeckung des Skandals war Liang von den Fahndern als einer derjenigen aufgespürt worden, die bereits eine Dekade zuvor die illegale Abschaltvorrichtung für die Abgasreinigung der US-Diesel entwickelt hatten.

Mit der Aussicht auf eine noch viel härtere Strafe als der heute in Detroit verkündeten legte Liang die Karten auf den Tisch. Umfassend das Geständnis: Betrug an Kundschaft wie Behörden, Verstoß gegen Umweltgesetze, bandenmäßige Verschwörung und Vertuschung. In der Not ist sich halt jeder selbst der nächste!

Weitere Kronzeugen wollen auspacken

Volkswagen bietet im Rechtsstreit mit geprellten Autohaltern und Aktionären ganze Kohorten von hoch spezialisierten und bestens bezahlten Anwälten auf. Aber die Konzerngranden in ihrer Wolfsburger Wagenburg werden auch Oliver Schmidt nicht helfen können, dem Jahre im Gefängnis drohen. Als ranghoher Manager bei der US-Tochter stimmte er mit den Behörden die Zulassung für die Autos ab. Seit Monaten in Miami inhaftiert, bietet sich inzwischen auch Schmidt als Kronzeuge an. Ein in Deutschland inhaftierter früherer Audi-Ingenieur packt sogar mit Dokumenten aus: Ex-VW-Chef Martin Winterkorn, Audi-Chef Rupert Stadler und weitere Vorstände sollen seit zehn Jahren von den Problemen mit der Abgasreinigung gewusst haben. Zwei Spitzenmanager sogar von den kriminellen Manipulationen, die diese Probleme kostengünstig abstellen sollten.

Vor bald zwei Jahren, der Abgasskandal war gerade erst in den USA aufgeflogen, bot uns Winterkorn, um Verzeihung bittend, seine Erklärung für die Vorgänge an: Ein kleiner Kreis von Ingenieuren und Managern auf niederen Befehlsebenen habe den Weltkonzern in krimineller Eigenmächtigkeit überrumpelt, wollte uns der allmächtige VW-Lenker damals in seiner Video-Botschaft weismachen. Es war kurz vor seinem Rücktritt als Konzernchef, dem eine Beurlaubung folgte, die bis heute andauert.

Abfindungen als Schweigegeld?

Zehn Jahre lang wurden unbemerkt von Kontrolleuren und Vorständen Millionen Autos mit aufwendigster Technik manipuliert, so lautet bis heute die wie ein Mantra vorgetragene Antwort der amtierenden Konzerngranden Müller, Pötsch und Co. auf Fragen nach Schuld und Verantwortung. Köpfe müssen rollen, das ist Teil der Selbstreinigung einer jeden Organisation, die eine Skandalisierung durchläuft. Praktisch, wenn es die Köpfe der anderen sind. Praktisch auch, wenn die Geschassten dichthalten, weil saftige Abfindungen den Schmerz über den abrupten Karriereknick mildern.

Mehr als 100 Terabyte an Informationen haben die Spezialisten der US-Kanzlei Jones Day bei VW eingesammelt, Hunderte Interviews mit Mitarbeitern geführt, Millionen von E-Mails ausgewertet. Nach milliardenteuren außergerichtlichen Vergleichen lautete die Devise: Deckel drauf! Auch die Bestellung der erfahrenen Compliance-Frau Hohmann-Dennhardt diente nur für die Schauseite. Sie ist längst vergrault.

Weiterhin gibt es zu viele falsche Anreize für Manager, den kurzfristigen Erfolg über alles zu setzen. Eine Führung, die rechtzeitig über drohende Gesetzesverstöße informiert werden will, muss ihre Werte vorleben, muss ethisches Verhalten belohnen und schonungslose Aufklärung nicht nur versprechen, sondern leisten. So wie sich das Wolfsburger Schweigekartell durch die selbst verschuldete Krise laviert, kann der Neustart nicht gelingen!

*Anmerkung der Redaktion: Bei der Audioversion handelt es sich um eine gekürzte Version.

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