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StartseiteKommentare und Themen der WocheTodbringende Freiheit07.10.2017

Waffengesetze in den USATodbringende Freiheit

Waffen sind zum Schießen da. Und Präsident Trump hat kein Interesse, seine Klientel zu entwaffnen. Der Anschlag von Las Vegas reiht sich ein in die blutige Logik der US-Waffengesetze. Darum werde Stephen Paddock nicht der letzte Mörder gewesen sein, kommentiert Holger Stark von "Die Zeit".

Von Holger Stark, "Die Zeit"

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In Las Vegas haben Menschen zum Gedenken an die Opfer des Attentats auf ein Musikfestival Blumen und Briefe auf die Straße gelegt. (AFP / Robyn Beck)
Natürlich hätte Trump den Bann aller Schusswaffen fordern können, habe er aber nicht, kommentierte Holger Stark im Dlf (AFP / Robyn Beck)
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Donald Trump hat also wieder einmal drastische Worte gefunden: "Wir haben keine Wahl", sagte Trump nach dem blutigen Massaker in den USA, "als den kompletten und totalen Bann aller Schusswaffen zu fordern, bis wir herausgefunden haben, was eigentlich los ist. Unser Land darf nicht das Opfer solcher furchtbaren Attacken werden."

Augenblick, hat Trump das wirklich gesagt? Ja, er hat, nach dem Waffenexzess von San Bernardino 2015, bei dem ein Ehepaar mit halbautomatischen Waffen 14 Menschen tötete. Allerdings forderte Trump damals nicht den "kompletten und totalen Bann aller Schusswaffen", sondern den "kompletten und totalen Bann aller Muslime", weil die Todesschützen muslimischen Glaubens waren.

Der Mörder von Las Vegas, der Anfang dieser Woche mit halbautomatischen Waffen 58 Menschen erschoss und damit den blutigsten Amoklauf in der jüngeren amerikanischen Geschichte beging, ist kein Muslim, sondern ein 64-jähriger Weißer, der einst als Steuerbeamter gearbeitet hatte und gerne in Casinos zockte.

Müsste man einen prototypischen Amerikaner aus der Mitte der Gesellschaft herausgreifen – heraus käme jemand wie Stephen Paddock, an dem nichts außergewöhnlich zu sein scheint. Paddock hat kein ideologisches Manifest hinterlassen und keinen Abschiedsbrief – nur ein paramilitärisches Arsenal mit rund 50 Waffen und 23 Kilogramm Sprengstoff.

Amerika im Bürgerkrieg

Natürlich hätte Trump den überfälligen Bann aller Schusswaffen fordern können. Er hätte thematisieren können, dass die größte Gefahr für Amerikaner, Opfer eines Anschlags zu werden, nicht von fusselbärtigen Islamisten oder sinistren Nordkoreanern ausgeht, sondern von den eigenen Landsleuten: In den ersten 275 Tagen dieses Jahres gab es 273 Massenschießereien, im Schnitt also fast jeden Tag eine. Amerika befindet sich im Krieg, genauer gesagt: im Bürgerkrieg. Und das seit Jahren.

Eine ermüdende und zugleich empörende Debatte

Kürzen wir die ebenso ermüdende wie empörende Debatte um die Frage ab, ob eine stärkere Regulierung von Waffen einen Einfluss hätte. Natürlich hätte sie. Nirgendwo in der westlichen Welt gibt es so viele Waffen, nirgendwo sonst werden so viele Morde begangen. Statistisch kamen im Jahr 2012 in Deutschland auf eine Millionen Einwohner knapp 2 Morde mit Schusswaffen. In den USA waren es im gleichen Jahr 15 mal so viel, nämlich knapp 30 Morde. Es gilt die simple Formel: Weniger Waffen führen zu weniger Waffengewalt.

Aber die Bewaffnung der Vereinigten Staaten bis an die Zähne ist ja kein Zufall. In ihr mischen sich drei Komponenten. Da ist, erstens, die Staatsfeindlichkeit vieler Amerikaner, die das Gemeinwesen seit jeher als Zumutung empfinden. Wenn überhaupt, dann soll der Staat seine Bürger gegen Feinde von außen vertreten, sich aber aus dem Alltagsleben heraushalten.

Meist männliche Mörder

Aus einem ähnlichen historischen Zusammenhang rührt, zweitens, die Hybris, Konflikte mit Gewalt lösen zu wollen. Nichts symbolisieren Waffen mehr als das Faustrecht des Stärkeren, das einst im Wilden Westen galt und bis heute ein verklärtes Leitbild von Teilen der amerikanischen Politik darstellt. Schließlich beinhalten Schusswaffen auch eine soziale Komponente: Feuerwaffen waren das Privileg der weißen Siedler, die mit Hilfe von Colt und Winchester die Ureinwohner Nordamerikas bezwangen. Schwarze werden häufiger Opfer von Schusswaffen als Weiße, Schießereien finden öfter in ärmeren Regionen statt, die Mörder sind fast immer Männer.

Amerikas Präsident Donald Trump verkörpert alle drei dieser Aspekte. Für den Staat hatte er schon immer Verachtung über, seine Faszination für rohe Gewalt hat er am Boxring ebenso bewiesen, wie gegenüber Nordkorea. Und natürlich versteht sich Trump vor allem als Präsident der weißen Mehrheit. Ihre Interessen vertritt er mit aller Macht. Trump ist der Präsident eines schwindenden Teils der Gesellschaft, kein Präsident aller Amerikaner. Warum also sollte er seine Klientel entwaffnen wollen?

Ablenkungsmanöver "bump stocks"

Wenn es um Waffengesetze geht, spricht sich zwar eine Mehrheit der Amerikaner für einen restriktiveren Umgang aus. Aber diese Mehrheit verfügt nicht über die gesellschaftliche Macht, ihr Anliegen durchzusetzen. Sie hat keine Lobby im Weißen Haus, sie verfügt über keine Mehrheit im Kongress, geschweige denn über ein Gegengewicht zu den mächtigen Waffenlobbyisten der NRA. Alles Gerede über ein Verbot der sogenannten "bump stocks", mit denen eine halbautomatische Waffe in eine vollautomatische verwandelt werden kann, ist deshalb kaum mehr als ein Ablenkungsmanöver. In Las Vegas wären vielleicht ein paar Menschen weniger gestorben, verhindert worden wäre das Massaker nicht.

Und so wird die vermeintlich so aufgeklärte Zivilgesellschaft des Westens wieder einmal Zeugin eines makabren Wettlaufs um die meisten Opferzahlen. Der Amokläufer von Orlando, der im Juni 2016 in einen Nachtklub stürmte, riss 49 Menschen mit in den Tod. Stephen Paddock hat in Las Vegas 58 Menschen ermordet und führt nun die groteske Statistik ab sofort an.

Demnächst wird ihn ein anderer Mörder ablösen, und wieder wird sich die Gesellschaft danach ratlos fragen, wie es eigentlich dazu kommen konnte.

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