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Seit 07:15 Uhr Interview
StartseiteKultur heuteWagner in allen Spielarten30.12.2011

Wagner in allen Spielarten

Die Tops und Flops des Opernjahres 2011

Das "Opernhaus des Jahres" steht in Brüssel, doch Musiktheater-Experte Jörn Florian Fuchs hat auch in Deutschland einige herausragende Inszenierungen gesehen. Etwa "Rheingold" von Achim Freyer in Mannheim oder einen "Tannhäuser" in Bremen. Der "Ring" von Vera Nemirova und Sebastian Weigle in Frankfurt dagegen enttäuschte ihn.

Jörn Florian Fuchs im Gespräch mit Katja Lückert

Katharina Wagner (rechts) und Eva-Wagner-Pasquier (links) eröffnen die Bayreuther Festspiele 2011. (picture alliance / dpa / Marc Müller)
Katharina Wagner (rechts) und Eva-Wagner-Pasquier (links) eröffnen die Bayreuther Festspiele 2011. (picture alliance / dpa / Marc Müller)

Katja Lückert: In Deutschland gibt es so viele Opernhäuser, wie sonst nirgends - es ist gewissermaßen ein Opernparadies mit 80 Häusern, die mit mehr als zwei Milliarden Euro jährlich subventioniert werden. Im gerade zu Ende gehenden Jahr gab es mit Hans Neuenfels und Achim Freyer zwei Altmeister, die von sich hören ließen. Der eine mit seiner Bayreuther Lohengrin-Inszenierung, die im zweiten Jahr erst richtig einschlug, und der andere wurde von der Zeitschrift "Opernwelt" zum "Regisseur des Jahres" gekürt - in Zürich zeigte er Schönbergs "Moses und Aron". Zu den weiteren Höhepunkten gehörte sicher eine Woyzeck-Inszenierung von Andrea Breth an der Berliner Staatsoper. An unseren Musiktheater-Experten Jörn Florian Fuchs ging die Frage, warum die Auszeichnung "Opernhaus des Jahres" in diesem Jahr aber dennoch nach Brüssel ging?

Jörn Florian Fuchs: Das ist natürlich eine exotische Wahl, bisher waren das immer Häuser im deutschsprachigen Raum, wobei natürlich in Brüssel auch viele deutschsprachige Zuschauer und Zuhörer dann sicher leben. Es richtet sich ja immer bei diesen Umfragen ein wenig auch danach, wer wohin fährt, und deswegen hatte man solche Häuser wie Stuttgart, Frankfurt, in den letzten Jahren immer wieder auch mal Basel, weil da einfach dann die meisten Kritikerballungen waren, das ist auch bei Brüssel der Fall. Die Wahl ist sicherlich nicht schlecht, wobei man einschränken muss. Es gibt diese zwei, drei Leuchtturm-Produktionen pro Saison dort in der Regel, wie an manchen Häusern auch, und wenn Sie dann aber ins Repertoire gehen und die Premieren nehmen, die dann eher so Dekorationstheater bieten, ja, die nimmt eben keiner wahr. Deswegen kann man natürlich grundsätzlich fragen, wie sinnvoll sind diese Umfragen. Aber was ist die Alternative - dass man gar keine macht? Das ist auch irgendwie blöd. Also ich denke, Brüssel hat es verdient, aber es hat es im Grunde genauso verdient wie, ich würde sagen drei, vier Häuser auch bei uns.

Lückert: Schauen wir mal auf die wichtigen Spielorte, auf die Festivals - die Lage in Bayreuth war ja relativ schwierig in diesem Jahr.

Fuchs: Absolut. Da gab es ja nun den "Tannhäuser", von Sebastian Baumgarten inszeniert, mit einer riesengroßen Installation auf der Bühne des Festspielhauses. Da hatten wir zunächst das akustische Problem. Diese ganz, ganz spezifischen Probleme, aber auch Vorzüge des Hauses werden natürlich komplett einerseits hervorgerufen, verstärkt, was die Probleme betrifft, andererseits werden die Vorzüge ja konterkariert, wenn man halt die Bühne einfach zubaut, dann ist der ganze Witz dort weg. Das ist sicher das Problem - außerdem hat der Dramaturg Hegemann, finde ich, viel zu viel konzeptionellen Wust in diese Inszenierung von Baumgarten hineingepackt, das Ganze sehr, sehr angereichert. Und letztlich funktionierte das als Musiktheater überhaupt nicht, es war auch musikalisch durch Thomas Hengelbrock, fand ich, sehr, sehr dürftig, der da versucht hat, eine sehr kammermusikalische Herangehensweise zu bieten. Das ist auch für die Akustik in Bayreuth einfach nicht adäquat. Das sicherlich ein Tiefschlag und leider in Bayreuth ja nicht der einzige in den letzten Jahren.

Lückert: Es gab ja überhaupt Streit, und diese Absprachen bei der Kartenvergabe, wie hat so der Beginn der Übernahme von Katharina Wagner auf Sie gewirkt?

Fuchs: Na ja, ich bin da einfach sehr kritisch. Man muss natürlich so einem Team, das da neu startet, erst mal Vorschusslorbeeren geben. Aber ich finde, es ist nicht viel geleistet worden. Künstlerisch ist es eh ein Problem, gerade auch, was Sänger betrifft - da hat man manchmal den Eindruck, dass eben keine wirkliche Sängerexpertin da ist. Eva Wagner galt ja als solche, ich bin da sehr skeptisch. Die Schwestern waren zum Teil wohl auch recht undiplomatisch. Wir haben ja große Probleme im Moment, was Lagerstätten zum Beispiel betrifft. Also wenn sie irgendeine Oper jetzt abgespielt haben und das Bühnenbild noch lagern wollen, weil man es vielleicht doch noch mal irgendwann braucht oder ausstellen will, dann wird das in der Regel so 20, 30 Kilometer in die oberfränkische Provinz in eine Scheune gekarrt, weil man einfach rund ums Festspielhaus da keine Lagermöglichkeiten hat. Anderer Punkt: Eine Probebühne, die dringend benötigt wird - im Moment finden viele musikalische Proben im Festspielrestaurant statt neben dem Haus. Offensichtlich war das einfach mangelnde Fortune der Wagner-Schwestern, das dann wirklich dem Stadtrat etwa zu vermitteln, dass das notwendig und sinnvoll ist, das wurde abgelehnt. Also es gibt Bauprojekte, die nicht laufen im Moment, auch die Wahl von Frank Castorf 2013 als neuen "Ring"-Regisseur, die ich persönlich nicht uninteressant finde, ist aber sicherlich für viele Altwagnerianer ein großes Problem. Da kann man dann auch gleich sagen, dass sich außer dem "Parsifal" von Stefan Herheim dann über viele Jahre wirklich nur eine bestimmte Ästhetik, nämlich diese Trash-Ästhetik der Berliner Volksbühne dort findet, also einseitig ist das, viel zu einseitig. Ich denke, dass da ja wirklich die Highlights und auch die Rückschläge der Saison für mich weitestgehend auch liegen bei Wagner. Ganz, ganz spannend fand ich Mannheim den Start eines "Ring"-Zyklus' von Achim Freyer, der eine sehr, sehr eigenwillige Theatersprache hat, aber ich finde ganz interessante Formen gefunden hat für "Das Rheingold" zunächst. Auch Tilman Knabe hat da einen sehr, ja sexualisierten, sehr politischen, sehr wilden "Lohengrin" inszeniert. In Bremen gab es einen "Tannhäuser", der so ein bisserl mit der RAF-Problematik spielt, von Tobias Kratzer in Szene gesetzt, das fand ich auch sehr stark. Und die Enttäuschung dann für mich, muss ich sagen, etwa der Frankfurter "Ring" von Vera Nemirova und Sebastian Weigle, der wirklich etwas Neokonservatives hat und einen totalen Rückschritt bietet, was die Rezeption des "Rings" betrifft. Und das ist so etwas Altbackenes, was auch an manchen Häusern jetzt startet, dass man halt doch sagt, wir können das nicht alles neu erzählen, also machen wir doch wieder eher so ein Dekorationstheater mit ein paar kleinen Einfällen vielleicht, konzeptionell.

Lückert: Es gab ja so ein bisschen diesen Trend, dass Regisseure vom Theater, also eigentlich vielleicht ein bisschen genrefremde Theaterregisseure da an der Oper inszenieren, Andreas Dresen ist, glaube ich, auch so ein Beispiel. Hält sich dieser Trend?

Fuchs: Ja, also Andreas Kriegenburg ist unbedingt zu nennen, der ja in seinen Schauspielaufführungen sehr, sehr musikalisch arbeitet. Der hat einige Opern in Magdeburg gemacht, "Idomeneo" etwa, sehr, sehr überzeugend, hat dann einen eher mittelmäßigen "Othello" in Berlin realisiert und "Tosca" in Frankfurt. Er wird in München den "Ring" inszenieren, dirigiert von Kent Nagano. Da erwarte ich schon was sehr Eigenständiges, eine sehr eigenständige Ästhetik - das ist eigentlich eine gute Wahl. Ansonsten ist die Problematik natürlich mit diesen Filmregisseuren oder Schauspielregisseuren schon gegeben, wobei wir in dieser letzten Saison das nicht so extrem hatten wie in den Jahren zuvor. Doris Dörrie ist natürlich immer das Negativbeispiel, die hat ja nun in Hamburg einen extrem dünnen "Don Giovanni" inszeniert in dieser Saison. Aber von einem Trend sprechen, glaube ich, kann man nicht mehr, da haben die Intendanten inzwischen ein Einsehen, dass das meistens eben schiefgeht.

Lückert: Bayreuth haben wir erwähnt, der zweite große Opernort ist sicher Salzburg, wie waren da die Inszenierungen dieses Jahres?

Fuchs: Na ja, das war ja diese sogenannte Interimsintendanz von Markus Hinterhäuser. Jürgen Flimm wollte ja früher nach Berlin, um dort Staatsopernintendant ... Das, was ich gesehen hab und was ich auch von Kollegen höre, ist das ja eher negativ zu bewerten, was er in Berlin macht, Flimm, aber dadurch hatten wir ein Jahr Markus Hinterhäuser, der vom Konzertchef zum Intendanten wurde, der es dann geschafft hat, eine hübsch ausgemalte "Eugen Onegin"-Wiederaufnahme von Andrea Breth einfach zu kippen und eine der besten Aufführungen in dieser Saison zu bieten: nämlich Christoph Marthaler widmete sich noch mal Janácek, "Die Sache Makropolos", Esa-Pekka Salonen hat es dirigiert - wunderbar war diese Aufführung, wie auch das meiste andere in diesem Salzburger Festspielsommer. Und gerade Marthaler hat mit seinem skurrilen Personal und dieser leichten ironischen grotesken Schärfe, die er an diese Opernstoffe heranträgt, wirklich wieder reüssieren können. Von Marthaler gab es in Basel übrigens, die ja letztes Jahr "Opernhaus des Jahres" wurden, auch ein sehr schönes Projekt, das mit Musik von Giuseppe Verdi arbeitet. Das war auch eine erfreuliche Erkenntnis für mich, dass Marthaler, der in vergangenen Jahren immer wieder mal doch etwas in die Jahre gekommen schien, dass er jetzt, gerade 60 geworden, offenbar neue Kraft gefunden hat und neue Energien für seine Aufführungen und Produktionen.

Lückert: Zuletzt vielleicht die Frage: Gibt es irgendwelche Auswirkungen der Finanzkrise zu spüren, Opernproduktionen sind ja auch vergleichsweise teuer? Was ist so aus diesem Trend der Popularisierung der Oper geworden, dass man dann so Massenaufführungen hatte, wo dann alle Leute mal eine große Oper erleben sollten? Gibt es das noch oder geht man da zu kleineren Produktionen zurück?

Fuchs: Also das gibt es natürlich schon, wobei das Problem, was auch sicher mit der Finanzkrise zusammenhängt, sind ja viele Spielstätten gerade in den neuen Bundesländern, wo man also nicht weiß, ob manche Häuser die nächsten fünf Jahre überstehen. Auf der anderen Seite gibt es dann Häuser, die so einen Potlatch veranstalten wie die Bayerische Staatsoper, die also vor allen Dingen auf Dekoration setzen. Letztes Beispiel: eine gigantisch teure "Turandot"-Aufführung von La Fura dels Baus, die aber nur, nur, nur dekoratives Hightech-Trash-Hochglanz-Theater geboten hat. Da merkt man den Unterschied: Im Osten muss man sehen, dass man irgendwie halbwegs noch, ja, Honorare über 10.000 Euro hat für Bühne und Kostüme etwa, und bei der Bayerischen Staatsoper, da verbrennt man dann im Oberflächenglanz die Milliönchen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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