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StartseiteKultur heuteWagner maritim27.02.2006

Wagner maritim

Der "Fliegende Holländer" an der Bayerischen Staatsoper in München

Vor anderthalb Jahren präsentierte Peter Konwitschny den Moskauer Opernbesuchern die erste Aufführung eines Fliegenden Holländer seit vierzig Jahren in ihrer Stadt. Die Aufführung war irritierend, kam aber gut an. Nun ist die Regiearbeit mit anderem Personal in Deutschland angelangt. Auch hier wird großer Premierenjubel gemeldet, wie damals in Moskau, von Irritationen ist nicht mehr die Rede.

Von Wolf-Dieter Peter

Peter Konwitschny nimmt sich gerne die Opernklassiker vor. Hier eine Szene aus seiner Stuttgarter "Zauberflöte". (Staatsoper Stuttgart/ A.T. Schaefer)
Peter Konwitschny nimmt sich gerne die Opernklassiker vor. Hier eine Szene aus seiner Stuttgarter "Zauberflöte". (Staatsoper Stuttgart/ A.T. Schaefer)

Dafür steht München: hochwertige Wagner-Tradition. Dirigent Adam Fischer lieferte eine solide, mehrfach sogar dramatisch hochgejagte musikalische Grundlage mit dem nach etlichen Wacklern gut disponierten Staatorchester. Andrés Máspero zeigte mit dem spielerisch enorm geforderten Staatsopernchor, was tosende Klangkulisse ist und ließ einen deutlichen Wackler im Spinnerinnen-Chor vergessen. Dazu akzeptabel besetzte Nebenrollen, gewichtige Solisten wie Matti Salminens Daland oder Stephen Goulds Erik oder Juha Uusitalo anfangs wenig faszinierender, dann aber edel tönender Holländer – und alle überstrahlt von Anja Kampes Senta: eine blühende junge Frau, die sich emphatisch einem Schicksal hingibt, mit glutvollen Tönen, die in Momenten an die junge Leonie Rysanek denken ließen.

Ovationen für die musikalische Seite... und dann nur wenige Buh-Rufe im Jubel für eine Inszenierung, die weit unter der inzwischen erreichten Messlatte bleibt: Harry Kupfer 1978 in Bayreuth, Herbert Wernicke 1981 in München, David Pountney 1989 auf der Bregenzer Seebühne, Katharina Wagner in Würzburg 2002, derzeit vor allem Claus Guth in Bayreuth – bestechend konsequente Deutungen. Da bleibt Peter Konwitschnys inzwischen aus allen Stücken herausgeschälte Trivialpsychologie, dass die Männerwelt alle Liebe kaputt gemacht hat und dadurch selbst opferbereite, erlösungswillige Frauen scheitern lässt –in Banalitäten stecken.

In der gewählten pausenlosen Fassung zeigt das erste Bild von Ausstatter Johannes Leiacker eine Pappmasché-Felsküste mit naturalistisch gemalter Kulisse: erst tobendes, dann friedliches Meer – 17. bis 19.Jahrhundert, in das dann Dalands moderne Aluminium-Gangway klappt. Der Holländer kommt dann gegenüber auf einer Seetang behangenen Holzgangway, wie einem Rembrandt-Bild entstiegen. Er singt Zigarre rauchend seinen Monolog – und zum erwähnten "Engel Gottes" kommt dann tatsächlich eine junge blonde Frau mit bodenlangem, weißen Hängekleidchen, kommentiert stumm einige Äußerungen, nimmt dem Holländer die Zigarre ab, pustet ihm Rauch ins Gesicht und geht schnippisch ab. Sie kommt aber wieder, tanzt zum Duett Daland-Holländer ein paar Walzerdrehungen mit den Herren und lässt sich zum "Südwind"-Heimkehr-Jubel von beiden Schiffsmannschaften auf den Schultern umhertragen... Engelchen kommt wieder: wohin? Ins Fitness-Studio. Zwar tönt Konwitschny in Interviews gegen Anglizismen in der deutschen Sprache – er und Ausstatter Leiacker haben sich aber wohl von "Spinnstube" über "spinning bykes" zu 30 Fitnessrädern in einem weißen, schick verspiegelten Body-shape-Studio samt Fruchtsaftbar inspirieren lassen – wo dann Engelchen mit Kopfnicken Senta in ihren Balladen-Visionen bestätigt... Senta übrigens im aktuellen Freizeitlook samt Rembrandt-Imitat-Bild, wovon alle Fit-for-Fun-Frauen tief beeindruckt sind. Der so sensibel über Liebesverlust parlierende Konwitschny lässt dann das weltvergessene Traumduett Senta-Holländer inmitten der Fitnessräder singen – ungemein stimmungsvoll – und weil die liebes- und erlösungsbereite Senta anscheinend im einstigen Frauenbild ein Ideal sieht, zieht sie über die Turnklamotten auch schon mal das vom Holländer mitgebrachte Brautkleid im Stil des 16.-17.Jahrhunderts an. (Konwitschny will ja den Zuschauer immer mit einbeziehen: deshalb geht zum festlichen Terzett-Jubel über die Verlobungsfeier auch im Zuschauerraum ganz innovativ das Licht an.) Zuvor hat der anfangs ganz geldgierig gezeigte Daland übrigens etliche Perlenketten aus dem Schatzkästlein des Holländers an die Lenkstangen der Treträder gehängt. Finale in einer Hafenlagerhalle: links Dalands Mannschaft an einer modernen Bar mit elektrischem Licht, rechts von Anfang an die historisch kostümierte Holländer-Mannschaft mit Kerzen auf Holztischen. In guter Chorregie wird die Konfrontation aufgebaut – nur müssen dann beide Männerchorhälften sichtbar das Gleiche singen. Die Vorwürfe des Holländers quittiert Senta mit zweimaligem abschätzigem Lachen, Ausziehen des Kleides – und dann sprengt sie das Ganze mit einem Pulverfass in die Luft – spektakuläres Ende? Nein, denn Konwitschny glaubt nicht an die komponierte Erlösungsmusik, lässt alle stumm dastehen und die Schlusstakte von einer mickrigen Tonkonserve über Lautsprecher zuspielen. All das trägt Dirigent Fischer mit. All das hat im Juni 2004 in Moskau Premiere gehabt und keine Dramaturgie hat inzwischen auf Nachbesserungen bestanden – dafür lässt Peter Konwitschny inzwischen in Hollywood-Manier seine "persönliche Assistentin" im Besetzungszettel aufführen... allgemeiner Jubel.

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