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StartseiteHintergrundFIFA visiert den Neustart auf dem Zürichberg an22.02.2016

Wahl des PräsidentenFIFA visiert den Neustart auf dem Zürichberg an

Am kommenden Freitag wählt die FIFA ihren neuen Präsidenten. Doch vorher will der tief in der Krise steckende Verband ein ganzes Bündel an Reformen auf den Weg bringen. Amtszeitbeschränkungen, eine neue Machtstruktur und Frauenquote sowie deutlich mehr Transparenz in Sachen Gehälter sind Teil des Maßnahmenpakets, das das vergangene "Horrorjahr" vergessen machen soll.

Von Philipp May

Ein Bild zeigt den leeren Stuhl von Joseph Blatter. (picture alliance / dpa / Ennio Leanza)
Wer wird neuer FIFA-Präsident? (picture alliance / dpa / Ennio Leanza)
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Ein kalter Februarabend auf dem Trainingsplatz des SV Rosellen in Neuss. Es wird gerannt, gekämpft, geflucht und sich gegenseitig abgeklatscht. Hier ist die Basis des Fußballs. Von hier sind es 517 Kilometer Luftlinie bis zum schicken FIFA-Hauptquartier auf dem Zürichberg. Doch die Distanz könnte in diesen Tagen kaum größer sein. In einem Container, direkt am Kunstrasenplatz, sitzen die Jugendleiter des Vereins, Norbert Schriddels und Sven Solka, und regen sich über den Fußballweltverband auf. Schriddels schüttelt den Kopf:

"Die Funktionäre in der FIFA wissen gar nicht genau, was unten in den kleinen Vereinen abgeht. Das betrifft nicht nur die FIFA, sondern auch die UEFA, den DFB und die DFL."

"Die Funktionäre", das ist in der Welt von Norbert Schriddels zu einem Schimpfwort geworden. Aus einem Gefühl heraus, dass sich durch den ständigen Kreislauf aus Enthüllungen, Festnahmen und Sperren immer wieder aufs Neue bestätigt:

"Das Problem, was ich sehe, ist, wenn man irgendwo eine gewisse Position oder Funktion erreicht hat, die Leute, die darunter stehen, na ich würde nicht sagen egal sind, aber nicht so die Rolle spielen."

Ein Spiel, zwei Welten. Dort der Weltfußballverband FIFA: Jahresumsatz zwei Milliarden-US-Dollar, mächtigster Sportverband der Welt, weil er mit der Weltmeisterschaft ein Produkt verkauft, nach dem die ganze Welt süchtig ist, aber mittlerweile auch der Inbegriff für Korruption, Vetternwirtschaft und Selbstbereicherung, sprich, für alles, was falsch läuft im kommerzialisierten Weltsport.

Hier, Menschen wie Norbert Schriddels und Sven Solka, echte Ehrenamtler, die in ihren Vereinen Kinder für Fußball begeistern, Integrationsarbeit verrichten, die Stars von morgen ausbilden. Von den Milliardensummen, die der Fußball bewegt, spürt Sven Solka bei seiner täglichen Arbeit, nichts.

"Wir haben einen Kunstrasen, aber aktuell 21 Mannschaften. Der Rasen ist selten bespielbar und die Ascheplätze sind in katastrophalem Zustand. Die sind von 1961 und wir versuchen das selbst auf die Beine zu stellen, damit wir da noch einen zweiten Kunstrasenplatz bekommen. Aber alles in Eigeninitiative, mit ehrenamtlichen Helfern, mit Sponsoren etc. Nachdem, was in den ganzen Jahren geredet worden ist, hat es mich eigentlich nur überrascht, dass es so lange gedauert hat, bis es irgendeiner mal wirklich so angeht, wie die, ich glaube, die US-Staatsanwaltschaft ist das."

Der Anfang vom Ende der FIFA

Rückblick. Es ist der 27. Mai 2015, der den Anfang vom Ende der FIFA unter der Führung von Sepp Blatter markiert. Zwei Tage bevor sich der 79-Jährige in Zürich erneut zum Präsidenten wählen lassen will, greifen die Behörden zu. Sieben hochrangige FIFA-Funktionäre werden im Nobelhotel Baur au Lac festgenommen, unter anderem der Vize-Präsident, Jeffrey Webb von den Cayman Inseln.

Jeffrey Webb beim FIFA-Kongress 2012 in Budapest (dpa / picture-alliance / Szilard Koszticsak)Jeffrey Webb beim FIFA-Kongress 2012 in Budapest (dpa / picture-alliance / Szilard Koszticsak)

Einige Stunden später tritt US-Justizministerin Loretta Lynch in New York vor die Presse, um bekannt zu geben, dass ihre Behörde gegen 14 Funktionäre Strafverfahren eingeleitet habe. Die erstaunte Weltöffentlichkeit erfährt, dass das FBI bereits seit 2010 verdeckt und mit Hochdruck gegen Fußball-Offizielle ermittelt:

"Sie sollten dafür sorgen, dass die Regeln eingehalten werden, damit der Fußball ehrlich bleibt. Stattdessen haben sie das weltweite Geschäft mit dem Fußball korrumpiert. Das Justizministerium ist entschlossen, Schluss zu machen mit dieser Praxis, die Korruption zu beenden, und die Verantwortlichen vor Gericht zu bringen."

Und wo die Verantwortung endet, daran lässt die Justizministerin keinen Zweifel, ohne Namen zu nennen.

"I thank you so much, I thank you. Let's go Fifa, let's go Fifa."

Zwar wird Sepp Blatter noch einmal wiedergewählt. Noch immer kann er das Wahlvolk des Weltverbandes kontrollieren. Doch mit den Strafrechtsbehörden aus den USA sind Gegner aus der richtigen Welt außerhalb der FIFA in sein Milliardenspiel eingetreten. Gegner, die auch für ihn eine Nummer zu groß sind. Nur vier Tage später muss er doch seinen Rücktritt ankündigen.

"Meine tiefe Verbundenheit zur FIFA und ihren Interessen, die mir sehr wichtig sind, haben mich zu dieser Entscheidung bewogen. Ich wiederhole: Was mehr zählt als ich, ist die Institution FIFA und der Weltfußball. Vielen Dank."

Auf einem Sonderkongress im Winter will er sein Amt übergeben, zuvor aber noch den Weg bereiten für umfassende Reformen im Fußballweltverband. Sepp Blatter geht durch die Vordertür als der Präsident, der den Weg bereitet hat für eine runderneuerte, strahlende FIFA. So der Plan des Präsidenten, der vor allem zeigt, wie weit sich Blatters Fußballkosmos schon von der Wirklichkeit entfernt hat.

In der hat der 79-Jährige längst die Kontrolle verloren, selbst in seiner Machtzentrale im FIFA-Hauptquartier. Dort haben längst die US-Anwälte von der Großkanzlei Emanuel-Quinn das Zepter übernommen. Sie kooperieren mit den Strafbehörden und sollen so retten, was zu retten ist. Denn es geht ums Ganze für den Weltverband.

"Nach dem was bisher enthüllt worden ist, haben wir es mit einem Mafia-artigen Verbrechersyndikat zu tun, das sich des Sports bemächtigt hat."

Conneticuts demokratischer Senator Richard Blumenthal bei einer Senats-Anhörung von US-Fußball-Offiziellen im Sommer.

"Das einzige, was mich zögern lässt, diesen Vergleich zu ziehen, ist, dass das eine Beleidigung für die Mafia wäre, denn die würde ihre korrupten Geschäfte niemals so offensichtlich und arrogant abwickeln."

Tatsächlich stützen sich die US-Behörden bei ihren FIFA-Ermittlungen auf ein Gesetz, erschaffen in den 70er-Jahren zur Zerschlagung der Mafia, den sogenannten "RICO-Act". Doch ob auch der FIFA die Zerschlagung droht, das ist noch nicht ausgemacht.

"Also für die FIFA ist es von existenzieller Bedeutung, dass sie auch den Opfer-Status beibehält, den sie derzeit noch hat in den laufenden RICO-Ermittlungen", sagt Thomas Kistner, investigativer Sportjournalist der Süddeutschen Zeitung.

"Man kann also Täter oder Opfer sein, als Organisation wohlgemerkt. Ein Opfer ist man, wenn die Organisation, in diesem Fall die FIFA, missbraucht worden ist, von kriminellen Kräften für sinistre Geschäfte. Aber ein Täter ist die FIFA automatisch dann, wenn sie als Organisation, also mit Wissen der hauptamtlichen Organisationsbetreiber kriminell tätig geworden ist. Und da schwankt der Status derzeit noch zwischen Täter und Opfer."

"… dann wird im Grunde genommen über Nacht der Laden dicht gemacht"

Es geht also ums Ganze beim Weltfußballverband.

"Wenn die US-Ermittler weitreichende kriminelle Aktivitäten der hauptamtlichen in der FIFA, von deren Mitwissen, wenn sie das belegen können, dann ist die FIFA eine kriminelle Organisation und das heißt, dann wird im Grunde genommen über Nacht der Laden dicht gemacht, allein schon, weil die Sponsoren sofort aussteigen werden."

Und der Druck, der durch die US-Ermittlungen ausgelöst worden ist, nimmt nicht nur zu, er kommt mittlerweile von allen Seiten. Die Schweizer Behörden haben den Fußballweltverband ebenfalls ins Visier genommen. Das jahrelange Schweigegelübte der Kickerbranche, die Omerta, ist auf einmal nicht mehr ganz so eisern wie früher. Immer mehr Kronzeugen finden sich, die bereit sind auszupacken, auch gegen Sepp Blatter.

"Wir haben in der Tat einen Zeugen einvernehmen können, dieser Whistleblower wie es gemeinhin genannt wird, hat der Bundesanwaltschaft fallrelevante, interessante Informationen gegeben, die uns bei der Aufbereitung der Strafuntersuchung des Strafverfahrens gegen den Präsidenten der FIFA markant weitergebracht haben", bestätigte Andre Marty, Sprecher der Schweizer Bundesanwaltschaft, kürzlich dem WDR.

So kommt im Herbst eine brisante Zwei-Millionen-Franken-Zahlung ans Licht. Überwiesen im Frühjahr 2011. Absender: Sepp Blatter. Empfänger: sein designierter Nachfolger, UEFA-Boss Michel Platini. Der Hintergrund. Blatter befand sich damals in einem erbittert geführten Wahlkampf um die Fortsetzung seiner Präsidentschaft und benötigte dringend die Unterstützung von Platini und seiner europäischen Konföderation. Blatter bekam sie. Schmiergeld sei das aber keinesfalls gewesen, beteuern beide bis heute, vielmehr eine verspätete Zahlung noch ausstehender Honorare. Für Leistungen, die mehr als zehn Jahre zurücklagen. Eine hanebüchene Erklärung finden nicht nur die Ermittler - auch für die FIFA-Ethikkommission. Sie sperrt Blatter und Platini für acht Jahre.

Michel Platini und Sepp Blatter während der WM 2014 beim Spiel Deutschland gegen Portugal. (imago/sportfoto/Ulmer/Teamfoto)Michel Platini und Sepp Blatter während der WM 2014 beim Spiel Deutschland gegen Portugal. (imago/sportfoto/Ulmer/Teamfoto)

Sepp Blatter, der Mann, der im Korruptionssystem FIFA über Jahrzehnte die Strippen gezogen hat. Der Pate, die Nummer Eins in einem System organisierter Kriminalität – so sehen es die US-Ermittler. Nun ist die Nummer Eins weg, und auch die Nummer Zwei, sein langjähriger Ziehsohn und späterer Rivale, UEFA-Boss Michel Platini. Dazu zahlreiche andere einstmals mächtige Protagonisten der alten FIFA-Kleptokratie, wie der französische Ex-Generalsekretär Jerome Valcke. Die Chance ist da für einen echten Neuanfang. Theoretisch.

Schwere Vorwürfe gegen Präsidentschaftskandidaten Scheich Salman

Praktisch deutet alles darauf hin, dass vieles so weiterläuft wie immer im Weltfußball. Das Fell des Bären wird einfach unter den Übriggeblieben neu verteilt. Am Freitag wird der neue Präsident gewählt. Zwar sind vom Wahlkomitee gleich fünf Kandidaten für die Blatter-Nachfolge zugelassen worden, Experten trauen aber nur zweien zu, die Mehrheit der 209 FIFA-Mitgliedsverbände auf ihre Seite zuziehen. Auf der einen Seite steht der Schweizer Generalsekretär des Europäischen Verbandes, Gianni Infantino. Auf der anderen: Scheich Salman bin Ebrahim Al-Khalifa, Chef des Asiatischen Kontinentalverbandes und Mitglied der bahrainischen Königsfamilie. Lange galt der Scheich als erster Anwärter auf den FIFA-Thron.

"Ich fühle mich geehrt, dass die Leute mich als Favorit sehen", sagte Salman noch im Dezember dem Fernsehsender Al Jazeera in einem seiner seltenen Interviews. Und tatsächlich: Lange schien es, als sei ein Sieg Salmans bei der Präsidentenwahl kaum zu verhindern.

Scheich Salman Bin Ibrahim Al Khalifa  (dpa / picture-alliance / Patrick Krämer)Scheich Salman Bin Ibrahim Al Khalifa (dpa / picture-alliance / Patrick Krämer)

Neben seiner eigenen asiatischen hat ihm mit der afrikanischen Konföderation noch ein zweiter mächtiger Kontinentalverband die Unterstützung zugesichert. Und doch scheint der Ausgang der Wahl wenige Tage vor dem FIFA-Kongress ungewisser denn je. Denn die Kampagne des arabischen Fußballfürsten ist ins Stocken geraten. Sie wird von schweren Vorwürfen überschattet.

Im Fokus: Seine Rolle während des in Bahrain blutig niedergeschlagenen arabischen Frühlings in den Jahren 2011 und 2012. Auch Mitglieder der Fußballnationalmannschaft berichten, damals verhaftet und gefoltert worden zu sein.

Salman ist zu der Zeit Chef des nationalen Fußballverbandes. Viel spricht dafür, dass er zumindest davon wusste und das brutale Vorgehen stillschweigend duldete. Er bestreitet die Vorwürfe dennoch bei Al Jazeera:

"Ich glaube nicht, dass irgendein Spieler gefoltert wurde. Bei solch schweren Anschuldigungen muss man Beweise vorlegen. Und bis heute gibt es keine Beweise. Nur Anschuldigungen."

Doch dieser Darstellung widerspricht der ehemalige bahrainische Nationalspieler Hakeem al Oraibi vehement. Aus seinem australischen Exil erzählt er im WDR-Fernsehen, dass er 2012 inhaftiert und gefoltert worden sei. Seine Familie habe sich damals vergeblich mit der Bitte um Unterstützung an den Bahrainischen Fußball-Verband gewandt.

"Scheich Salman hatte die Verantwortung für die Fußballspieler, für die Nationalmannschaft. Wie kommt es, dass der nichts gewusst haben will? Es ist unmöglich, dass er nichts gewusst hat, was in Bahrain passiert. Wenn Scheich Salman behauptet, dass er zu einer Million Prozent garantieren kann, dass kein Fußballer in Bahrain misshandelt worden ist: Das ist eine Lüge. Ich bin ein Beispiel dafür, und ich habe Beweise. Was Scheich Salman behauptet, ist eine große Lüge."

Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch oder Reporter ohne Grenzen laufen öffentlich Sturm gegen die Wahl Salmans zum FIFA-Chef. Zumindest in der westlichen Hemisphäre, wo das Gebaren der Fußballfunktionäre von der Öffentlichkeit kritisch beäugt wird, eine schwere Bürde.

Dazu kommt, dass das alte Fußball-Establishment in Europa und Amerika das viele arabische Geld bisher zwar gerne und ohne allzu große Hemmungen angenommen hat, doch den Durchmarsch Salmans auf den FIFA-Thron halten viele dann doch nicht für das derzeit gebotene politische Signal. FIFA-Kenner Thomas Kistner:

"Die ganze amerikanische Welt ist in Aufruhr, ganz viele Verbände sind mit neuen Spitzenkräften versehen worden. Ganz einfach, weil die bisherigen Topfunktionäre entweder im Gefängnis sitzen oder aber das Land nicht mehr verlassen können, namentlich in Brasilien ist das der Fall. Und dann kommt noch ein anderer Faktor dazu, den man vielleicht nicht unterschätzen sollte. Ein muslimischer Fußballführer ist vielleicht nicht das, was aus Sicht der meist ja erzkatholischen Verbandsfürsten gewünscht ist. Nimmt man das alles zusammen, kommt man eigentlich zu dem Schluss, dass der gesamtamerikanische Kontinent diesmal mit Europa marschiert."

Doch auch Salmans angeblich so sicheren Bastionen bröckeln. Konkurrent Gianni Infantino hat bei den afrikanischen Nationalverbänden Boden gut gemacht und selbst Salmans eigene Konföderation Asien steht alles andere als geschlossen hinter ihrem Verbandschef.

Gianni Infantino (dpa / picture-alliance / Valentin Flauraud)Gianni Infantino (dpa / picture-alliance / Valentin Flauraud)

Die Europäer hingegen scheinen nach einer langen Ära sportpolitischer Niederlagen innerhalb der FIFA geeint wie selten hinter ihrem Ersatzmann Gianni Infantino zu stehen. Für sie ist er der Garant, dass alles so bleibt, wie es ist. Dass die Gelddruckmaschine Champions League nicht angetastet wird.

"Man muss die Reputation, das Image der Fifa ändern"

Der schwerreiche europäische Verband hat ihn mit einem großzügigen Wahlkampfbudget von einer halben Million Euro und einem Privatjet für seine Werbetouren rund um die Welt ausgestattet. Auf denen präsentiert er sich als großer Reformer:

"Was ich will, ist, den Fußball wieder ins Zentrum zu bringen. Man muss die Reputation, das Image der Fifa ändern. Wie kann man das machen? Indem man den Fußball in den Vordergrund bringt, indem man Fußball macht, sich auf den Fußball konzentriert. Natürlich geht das nicht von einem Tag auf den anderen. Natürlich ist die Voraussetzung, das heißt, das allererste, bevor man das macht, dass man die Reformen nicht nur abstimmt am Kongress, sondern die Reformen auch einführt, die Reformen lebt."

Dabei hatte Infantino als UEFA-Generalsekretär selbst über Jahre gemeinsam mit Platini Reformen beim Weltverband blockiert. Die vielen kleinen Verbände in der FIFA-Welt dürften sich eher für andere Punkte von Infantinos Wahlprogramm interessieren. So will der Mann mit dem markanten Glatzkopf die Entwicklungshilfe für jeden Verband mehr als verdoppeln, von zwei auf fünf Millionen US-Dollar alle vier Jahre. Gleichzeitig stellt er eine Erhöhung des WM-Teilnehmerfeldes in Aussicht von 32 auf 40 Teams. Ebenfalls gut für die Kleinen des Weltfußballs, dafür aber eher schlecht für die Durchführbarkeit eines Turniers; von der fußballerischen Qualität ganz zu schweigen.

Wahlkampf der alten Blatter-Schule. Experten glauben daher nicht, dass eine Wahl Infantinos einen Neuanfang im Weltfußball bedeuten würde. Im Gegenteil. Jamie Fuller, Chef einer Sportartikelfirma, der gemeinsam mit Europaparlamentariern die Initiative New FIFA now gegründet hat, kann darüber nur lachen.

"Das ist wie ein schlechter Witz, oder? Also ehrlich. Wenn sie einen Sinn für Humor hätten, dann könnte man glauben, sie wollen uns zum Lachen bringen. Natürlich sind sie das nicht! Keine dieser Konföderationen ist auch nur entfernt in einer Position, in der sie mit gutem Beispiel vorangehen könnte. Die spielen ihre Spielchen. Die UEFA! Infantino! Er ist doch nur ein Platzhalter für Michel Platini."

Jahrelang galt Infantino als Platinis rechte Hand. Selbst nach Platinis Sperre durch die FIFA-Ethiker drückte sich der Schweizer um jegliche Kritik an seinem alten Boss herum. Im Gegenteil:

"Alle hatten das Gefühl, dass es nicht korrekt ist, jemanden zu verurteilen, ohne dass dieser Mann die Chance hat, einen fairen Prozess durchzugehen."

Und auch darüber hinaus liest sich Infantinos Bilanz als UEFA-General nicht gerade als die eines Verfechters von Transparenz. So ließ er die massiven Korruptionshinweise um die Vergabe der EM 2012 nach Polen und die Ukraine unter den Tisch fallen. Er ging nicht gegen den türkischen Verband vor, trotz gerichtlich erwiesener Manipulation in der türkischen Meisterschaft. Und er stellte sich hinter seinen kroatischen UEFA-Funktionärs-Spezl Davor Suker, trotz bestätigter intensiver Kontakte zur Wettmafia.

Auf so einen Mann kann sich die alte Fußball-Elite verlassen. Auch der Deutsche Fußballbund, durch die WM-Vergabe 2006 ebenfalls tief in die alten Seilschaften aus Gefälligkeiten und Korruption verstrickt, steht fest an der Seite des UEFA-Generals. Der designierte DFB-Präsident Reinhard Grindel.

"Ich kenne Herrn Infantino, habe großes Vertrauen in seine Integrität, seine sportpolitische Kompetenz und insofern kann ich für mich persönlich nur sagen, dass ich mich dafür aussprechen werde, dass wir ihn unterstützen."

Das Reformpaket

Infantino oder Salman. Egal wer das Kopf-an-Kopf-Rennen um den FIFA-Thron gewinnt, die Aura eines Neuanfangs wird der neue Chef nicht mit auf den Zürichberg bringen. Bleibt noch das große Reformpaket, das am Freitag ebenfalls verabschiedet werden soll, mit dem der systemischen Korruption im Weltverband ein Ende bereitet werden soll. Auf dem Papier wäre die FIFA damit eine strukturelle Vorzeigeorganisation im Sport. So soll die Macht des Präsidenten beschnitten werden, außerdem die Amtszeit des Chefs und der Exekutivkomitee-Mitglieder auf zwölf Jahre begrenzt und die Gehälter offengelegt werden. Das skandalumtoste Exekutivkomitee soll von 24 auf 36 Personen vergrößert und mit mehr Frauen besetzt werden. Experten bezweifeln dennoch, dass der Weltverband aus sich heraus überhaupt reformierbar ist.

"Ich glaube nicht, dass die FIFA sich selbst reformieren kann. Über diesen Punkt sind wir schon lange hinaus. Der entscheidende Punkt ist, dass wir Kontrolle von außen brauchen. Die FIFA hat immer wieder versprochen sich selbst zu reformieren, und hat einfach nur total versagt", sagt Alexandra Wrage, Chefin der Transparanz-Organisation TRACE International, die 2011 den ersten Reformprozess der FIFA kurzzeitig begleitete, dann aber wegen Zweifeln an der Ernsthaftigkeit der Bemühungen wieder ausstieg.

Die Zukunft des Weltfußballverbandes ist also ungewisser denn je, ganz gleich, wer auf dem Zürichberg das Sagen haben wird ab Freitag. Und dennoch: 517 Kilometer weiter nördlich, beim SV Rosellen, wird auch danach noch weiter gekickt werden. Mit dem gleichen Enthusiasmus. Dafür brauchen sie die FIFA nicht. Und vielleicht verbessern sich die Zustände im Weltverband am Ende ja doch ein bisschen. Jugendleiter Norbert Schriddels hat die Hoffnung jedenfalls noch nicht aufgeben. Seine Begründung:

"Schlechter als das bis jetzt gemacht worden ist, dass wirklich ein kleiner Kreis von Funktionären sich da die Taschen vollgestopft hat, kann es jetzt nicht mehr werden."

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