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StartseiteEuropa heuteVertriebene hoffen auf Verbesserungen07.10.2016

Wahl in Georgien Vertriebene hoffen auf Verbesserungen

Viele Binnenflüchtlinge in Georgien leiden unter der großen Armut im Land. Sie leben oft in halb verfallenen Notunterkünften und können nicht in ihre Heimatregionen zurück. Vor der Parlamentswahl morgen haben Politiker den Vertriebenen Unterstützung und neue Wohnungen versprochen.

Von Gesine Dornblüth

Eine abchasische Flüchtlingsfamilie in ihrer primitiven Notunterkunft in der Altstadt von Tiflis. (dpa/picture-alliance/Sergei Chirikov)
Viele Binnenflüchtlinge in Georgien haben die Hoffnung verloren, dass sie in ihre Heimatregion zurückkehren können. (dpa/picture-alliance/Sergei Chirikov)
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Die Stadt Sugdidi in Westgeorgien. Von hier sind es nur wenige Kilometer bis nach Abchasien. In der ehemaligen Technischen Hochschule fehlen die Türen, auch das Parkett wurde zum Teil verfeuert. Im Flur hängt Wäsche, die Wände schimmeln. Hier leben Jamse und Reso Beradze, beide über achtzig, in einem ehemaligen Klassenraum.

"Damals hieß es: Ihr bliebt drei Tage hier, dann könnt ihr zurück nach Abchasien. Jetzt sind 23 Jahre vergangen und wir sind immer noch hier. Was soll ich sagen."

30 Familien leben in verfallenem Gebäude

Dreißig Familien hausen in dem Gebäude. Wasser holen sie vom Brunnen. Auch die Klos sind draußen.

"Ich bin ein alter Mann, und ich wasche mich hier im Stehen in einer Plastikschüssel. Ist das etwa ein Leben? Ich habe 38 Jahre im Schacht gearbeitet. Unter Tage. Jetzt bekomme ich nichts. 38 Jahre im Schacht sind kein Kinderspiel."

Vor der Parlamentswahl am morgigen Sonnabend haben Politiker verschiedener Parteien den Vertrieben Wohnungen versprochen. Jamse und Rezo Beradze glauben fast nicht mehr daran.

"Die Leute in der Regierung haben schon so oft gesagt: Wir bauen etwas. Aber wann es soweit ist - wir wissen es nicht."

Neubausiedlung für Vertriebene

Am Rand von Sugdidi hat der Staat eine Neubausiedlung für Vertriebene aus Abchasien gebaut, mit Unterstützung der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau. Die 320 Wohnungen wurden im Frühjahr 2015 fertiggestellt. Kinder toben über den Spielplatz.

Velodi Kvatsabaia zeigt seine Wohnung: ein Zimmer, ein Bett, ein Schrank, eine Kochzeile, Dusche und WC. Die Wohnung ist sein Eigentum. Vom Staat bekommt er außerdem 45 Lari Sozialhilfe im Monat, umgerechnet rund 17 Euro. Sie müssten eben den Gürtel enger schnallen, sagt er.

Er öffnet den Kühlschrank. Käse, Joghurt und Maisbrei liegen da, selbst gemacht. Viele Vertriebene halten eine Kuh. Die Tiere grasen im Innenhof zwischen den Blumenbeeten.

"Es gibt keine Arbeit. Das ist das Problem. Und wir haben kein Land. In Abchasien hatten wir alle Gärten und haben Haselnüsse verkauft. Hier haben wir nichts und keine Einkünfte."

Flüchtlingsfrauen haben sich zusammengeschlossen

Im ehemaligen Postamt von Sugdidi treffen sich die Frauen von "Imedi", das heißt "Hoffnung". Es ist ein Zusammenschluss von Flüchtlingsfrauen. Sie tragen schwarz - es ist der 23.Jahrestag des Falls von Suchumi, der Hauptstadt Abchasiens. Die Frauen wollen gemeinsam gedenken, trauern, über Möglichkeiten reden, den Konflikt zu lösen.

Eine Frau hängt einen Kalender mit Fotos aus Abchasien auf: Strand, Berge, ein Gebirgssee. Darunter steht "Wir werden die Hoffnung nie verlieren, wir kommen zurück." Im Wahlkampf habe sie Vertreter aller Parteien getroffen, erzählt die Vorsitzende von "Imedi", Kristina Kilanawa.

"Auf unsere Fragen, was sie für uns tun wollen, hat keiner konkret geantwortet. In den Programmen stehen nur allgemeine Formulierungen, Bekenntnisse, das Flüchtlingsproblem lösen zu wollen."

Rückkehr nach Abchasien immer unwahrscheinlicher

Die 320 neuen Wohnungen in Sugdidi könnten nur ein Anfang sein, sagt Kilanawa. Der Bedarf sei viel höher. Und die Vertriebenen sollten Land erhalten. Es müsse viel mehr getan werden, um sie zu integrieren. Denn eine Rückkehr nach Abchasien werde nach all den Jahren immer weniger wahrscheinlich, besonders, nachdem Russland die abtrünnigen georgischen Gebiete 2008 als unabhängige Staaten anerkannt und dort russische Militärstützpunkte errichtet hat.

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