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StartseiteEine WeltKicken für den Frieden05.08.2017

Wahlen in KeniaKicken für den Frieden

Viele Kenianer fürchten, dass es vor den anstehenden Wahlen wieder zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen den verschiedenen Volksgruppen kommen wird. Vor allem in den Slums von Nairobi. Eine Bürgerrechtsgruppe wirbt jetzt für friedliche Wahlen - und setzt auf Fußball.

Von Bettina Rühl

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Jugendliche betrachten ein Puppenspiel gegen ethnische Gewalt in Korogocho, einem Slum in der kenianischen Hauptstadt Nairobi am 29.07.2017. (imago/Bettina Rühl)
Ein Puppenspiel gegen ethnische Gewalt in Korogocho, einem Slum in der kenianischen Hauptstadt Nairobi (imago/Bettina Rühl)
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Roter Staub liegt über dem Fußballfeld, aber die Kicker scheint das nicht zu stören, sie interessieren sich nur für das Spiel. Das gilt auch für die Zuschauer, die auf Plastikstühlen rund um das Spielfeld sitzen oder stehen.

Sie fiebern mit ihrer Mannschaft mit, jede kommt aus einem anderen Viertel in dem Slum Korogocho, einem der größten in der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Der 18-jährige Lucas Oduor hat das Fußballturnier mitorganisiert. Das Motto des Turniers: "Nein zu ethnischer Gewalt".

"Wir nutzen das Turnier, um die Jugendlichen aufzuklären. Wir sagen ihnen, dass sie sich während der Wahl nicht von den Politikern dazu aufstacheln lassen sollen, andere Ethnien anzugreifen. Es gibt Leute in der Regierung, die Gewalt schüren wollen. Auf Kisuaheli heißt unser Motto: Ukabila Ni Ukatili, Ethnische Gewalt ist grausam."

Bei der Präsidentenwahl 2008 stand der Slum in Flammen

Das steht auch auf den T-Shirts, die Lucas, viele der Zuschauer und die Spieler tragen. In Slums wie Korogocho ist die Angst vor den Wahlen besonders groß. Die Menschen sind arm, viele leben davon, dass sie in der zentralen Müllkippe von Nairobi nach verwertbaren Materialien suchen, die riesige Abfallhalde liegt direkt neben dem Slum. Immer sind sie auf der Suche nach irgendwelchen Jobs, viele lassen sich für ein paar kenianische Schillinge kaufen, stiften im Gegenzug Unruhe, plündern und morden. Die Gewalt kann nützlich sein, um politische Gegner einzuschüchtern oder aus einem bestimmten Gebiet zu vertreiben. Und da in Kenia ganz überwiegend entlang ethnischer Linien gewählt wird, führen politische Spannungen immer wieder zu ethnischer Gewalt. Die Menschen in Korogocho wissen das aus eigener Erfahrung: Nach der vorletzten Präsidentschaftswahl stand der Slum Anfang 2008 fast buchstäblich in Flammen. Die Erinnerungen daran stehen Hamilton Ayiera Nyanga so kurz vor der nächsten Wahl wieder besonders deutlich vor Augen.

"Ich habe gesehen, wie Menschen getötet und Leichen verstümmelt wurden. Wie der Besitz vieler Slumbewohner zerstört wurde, Hütten in Flammen aufgingen."

Landesweit wurden damals mehr als 1000 Menschen getötet, hunderttausende vertrieben.

"Was 2008 passiert ist, hat mein Leben verändert. Ich möchte Korogocho zu einem besseren Ort machen, in dem die Angehörigen der verschiedenen Ethnien anders über einander denken, anders miteinander umgehen. Ich glaube, dass ich hier eine Aufgabe habe, dass ich etwas tun kann, damit die Menschen friedlich zusammen leben. Ich sehe das als meine Pflicht an, als Kenianer und als Bewohner von Korogocho."

"Die Kinder sind die Zukunft des Landes"

Nyanga gründete deshalb die Ayiera-Initiative und fing an, Kindern aus mittellosen Familien das Schulgeld zu zahlen. Kinder und Jugendliche aus dem Slum können außerdem Sport machen, Computerkurse belegen, Tanzen und anderes mehr. Unterstützt wird er dabei auch aus Deutschland, mit Geld vom Entwicklungsministerium und von Care. Bei allem geht es immer wieder auch um eine Botschaft:

"Wir wollen die Menschen dazu ermutigen, als ein Team zusammen zu arbeiten. Egal zu welcher Volksgruppe sie gehören, ob sie Muslime sind oder Christen. Bei unseren Programmen machen Kinder aus unterschiedlichen Ethnien mit. Ihre Eltern haben vielleicht noch die üblichen Vorurteile gegenüber anderen Volksgruppen, dieses Denken lässt sich nicht so einfach von heute auf morgen beenden. Aber wir arbeiten mit den Kindern und Jugendlichen - wir glauben, dass sie die Zukunft sind."

Bei dem Fußballturnier treten neun Teams gegeneinander an. Bis auf vier sind alle ethnisch gemischt. Die vier Ausnahmen bestehen nur aus Luo oder nur Kikuyu. Auch zwischen ihnen ist an diesem Tag nur sportlicher Ehrgeiz spürbar, keine Spur von Aggression oder Hass. Dabei ist das Misstrauen zwischen diesen beiden größten Volksgruppen Kenias im Allgemeinen besonders groß und in diesen Tagen besonders gefährlich. Ein Luo und ein Kikuyu sind die beiden aussichtsreichsten Bewerber um das höchste Staatsamt: Der amtierende Präsident Uhuru Kenyatta ist Kikuyu und kandidiert um eine weitere Amtszeit. Sein wichtigster Gegenkandidat ist Oppositionsführer Raila Odinga, ein Luo. Umfragen deuten auf ein äußerst knappes Rennen hin.

"Ich habe große Angst. Sehr große Angst, so wie viele andere auch. Deshalb unternehmen wir ja noch alles Mögliche, um die Menschen davon abzubringen, bei Ausschreitungen mitzumachen. Ich will nicht noch einmal dasselbe erleben wie 2008."

Bildung und Vernunft - statt Gewehr und Messer

Ein Dutzend Kinder steht in der Reihe, die Jungen und Mädchen sagen zusammen ein Gedicht auf. Darin fordern sie alle Kenianer auf, friedlich zu sein und zusammen zu stehen. "Wir sind die Zukunft", sagen sie. "Wir müssen kämpfen. Nicht mit Gewehr und Messer, sondern mit Bildung und unserer Vernunft."

Die Fußballpause dauert eine ganze Stunde, in einem Theaterstück und anderen Programmen geht es immer wieder um die eine Botschaft: Wählt und bleibt friedlich, tötet euch nicht. Lucas Oduor, der junge Mitorganisator des heutigen Turniers, hat viele Freunde aus anderen Ethnien. Aber selbst Lucas sagt: So kurz vor der Wahl hat sich die Stimmung verändert.

"Sogar zwischen meinen Freunden und mir gibt es jetzt Misstrauen, weil wir zu verschiedenen Volksgruppen gehören."

Er hat deshalb Angst, wird Korogocho kurz vor den Wahlen mit seiner Familie verlassen. Viele Menschen flüchten vor den Wahlen aus den Städten aufs Land, in die Dörfer, in denen sie geboren wurden. Die 17-jährige Georgeann Jane hat ebenfalls viele Freunde aus anderen Volksgruppen. Sie hat das Fußballtrikot noch an, sie muss gleich wieder auf das Spielfeld.

"Korogocho hat sich sehr verändert. Ich glaube nicht, dass es wegen der Wahlen wieder solche Ausschreitungen gibt. Die Menschen wollen jetzt Frieden, keine Gewalt."

So ganz sicher ist sich Georgeann aber doch nicht.

"Wir haben nur ein bisschen Angst. Deshalb beten wir. Nur Gott kann uns helfen."

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